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Vielzahl der Prüfungen führt zu Raumproblemen und Unterrichtsausfällen

Doppeltes Abi sorgt an der KGS für Stress

Salzhemmendorf (ist). „Augen zu und durch“, sagte sich Sebastian Brede (17) im Sommer 2009, „ein Jahr Schule weniger ist nicht das Schlechteste!“ und wechselte nach dem Abschluss der Klasse 10 in den gemeinsamen Unterricht der Jahrgänge 11 und 12. Sebastian gehört zu den Schülern der KGS Salzhemmendorf und ganz Niedersachsen, die im kommenden Jahr erstmalig das Abitur nach 12 Jahren machen, gemeinsam mit den Schülern des 13. Jahrganges. Im Gymnasialzweig der KGS wurden 2009 wie an allen niedersächsischen Gymnasien zwei Schülerjahrgänge – die letzten Schüler, die das Abitur nach neun Jahren Gymnasium machen (G9) und die ersten mit nur achtjähriger Gymnasialzeit (G8) – für zwei Schuljahre zu einer Jahrgangsstufe G8/G9 zusammengefasst.

veröffentlicht am 16.11.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 22:41 Uhr

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2011 werden damit in Niedersachsen und auch in Salzhemmendorf etwa doppelt so viele Abiturienten die Schule verlassen wie in den Jahren zuvor. „Für Schüler wie Lehrer waren und sind die Arbeitsbedingungen und Strukturen dieser zwei Schuljahre keine geringe Herausforderung“, sagen die Leiterin des gymnasialen Zweiges, Beate Sutter, und Studiendirektor Michael Strohmeyer, die das Abitur betreuen und organisieren. Vor allem bei den G8lern habe es zu Beginn über viele Wochen erhebliche Bedenken und Verunsicherungen gegeben: Nicht wenige hätten Angst vor hohem Leistungsdruck und einem möglichen Versagen gegenüber dem Lernvorsprung eines ganzen Schuljahres der G9er gehabt. Und der ist beträchtlich angesichts überfrachteter Lehrpläne. „Sind wir denn die Versuchskaninchen der Bildungspolitik mit Loserkarte von Beginn an?“, so die häufige Frage. Panik und Beratungsnotstand der Schüler seien zugegebenermaßen groß gewesen, aber letztlich gemeistert worden, stellt Beate Sutter fest: „Mit Beginn des Jahres 2010 und während der gemeinsamen Seminarfahrt waren beide Jahrgänge gut zusammengewachsen.“ G8ler, so die Beobachtung, profitierten deutlich von G9ern, signifikante Wissensdefizite seien weitaus geringer als Reifeunterschiede bei zum Teil 15-jährigen G8lern und 19-jährigen G9ern. Schüler und Lehrer gingen nach für beide Seiten überdurchschnittlichem Arbeitspensum zuversichtlich in die außerordentlich früh terminierten Abiturprüfungen. Die Schriftlichen beginnen schon ab Ende März, die Mündlichen nach Ostern, was die Sache nicht eben leichter, Urlaubsplanungen für Weihnachts- und Osterferien dafür weitgehend überflüssig mache. Aufgrund der Vielzahl der Prüfungen müsse in diesen Zeiten beim übrigen Schulbetrieb mit räumlichen Beeinträchtigungen und Unterrichtsausfällen gerechnet werden. Sebastians ehemalige Klassenkameradin Vanessa Hölscher (17) entschied sich 2009 gegen den Stress und wie 24 Prozent ihres Jahrganges für ein Wiederholungsjahr, um das Abitur nach – wie bislang in Niedersachsen üblich – 13 Jahren zu machen. „Und ich bin nach wie vor ausgesprochen froh über diese Entscheidung. So konnte ich in viel kleineren Kursen mit viel Zeit für Hilfe durch die Lehrer meine Zensuren deutlich verbessern“, meint sie heute. „Was habe ich vom früheren Abitur mit schlechteren Noten, wenn’s auf dem Ausbildungsmarkt und an den Unis keine Plätze gibt?“ In der Tat werden in den nächsten Jahren durch die verkürzte Schulzeit doppelte Abiturjahrgänge an alle Hochschulen strömen. Und dort wird es auf Jahre hinaus eng werden; 2011 entlassen Bayern und Niedersachsen doppelte Jahrgänge, 2012 folgen Berlin, Brandenburg, Baden-Württemberg und Bremen, 2013 Hessen und Nordrhein-Westfalen und 2016 ist Schleswig-Holstein dran. Für den Zeitraum bis 2020 rechnet die Kultusministerkonferenz mit mehr als 1 100 000 zusätzlichen Studienberechtigten.

Besonders hoch ist der Studentenberg vom kommenden Jahr ab bis 2013, wenn mehr als hunderttausend zusätzliche Abiturienten aus den großen Flächenländern, darunter Niedersachsen, starten. Zwar hatten die Bundesländer im Hochschulpakt vereinbart, zwischen 2011 und 2015 rund 275 000 neue Plätze für Studienanfänger zu schaffen – nicht nur Experten halten das allerdings längst für viel zu wenig und erwarten darüber hinaus einen mit Sicherheit ansteigenden Numerus clausus in den zulassungsbeschränkten Fächern. Sebastian allerdings will sich durch miese Prognosen jetzt nicht noch zusätzlich stressen lassen, wo Pauken pur angesagt ist. Wenn es mit einem Studienplatz für Sozialwissenschaften nicht gleich klappe, könne er sich durchaus erst einmal ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) vorstellen oder ein Auslandsjahr. „Wir beobachten ohnehin in den letzten Jahren“, so Sutter und Strohmeyer, „dass der Prozentsatz unserer Abiturienten, die direkt nach der Schule ein Studium beginnen, kontinuierlich sinkt.“ Dagegen steige die Tendenz zum Auslandsjahr. „Keine schlechte Alternative“, meinen beide, insbesondere unter dem Aspekt der Persönlichkeitsbildung. Denn Schulzeitverkürzung bedeute nicht nur schnelle Abiturienten, sondern gleichzeitig wenig Zeit für Reife. Ihr Fazit sind Zweifel: Eine verkürzte Schulzeit, überfrachtet mit einem Wust hoch spezialisierten Wissens auf Kosten von intellektuellen Basisqualifikationen sei kein geeigneter Pool für jüngeren, qualifizierten Fachkräftenachwuchs in der Wirtschaft – und nicht Sinn von Schule. Das „Zeugnis der Reife“ sei zwar längst passé. Trotzdem wünschten sich Lehrer mehr Zeit für die Schüler, und die Gesellschaft brauche in erster Linie nicht deren hoch spezialisiertes Inselwissen oder selbstbewusste Medien- und Methodenkompetenz im Umgang beispielsweise mit Powerpoint, sondern auch und vor allem grundlegendes Verständnis und problembewusstes Hintergrund- und Ursachenwissen. „Ich wünsche mir G9 zurück“, sagt Strohmeyer.

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