weather-image
14°
„Mönche“ erinnern in Marienau an historisches Ereignis / Kurt-Manfred Lemcke ist einer von ihnen

Die Kutten sind fast alle selbst geschneidert

Marienau (sto). Kurt-Manfred Lemcke und seine „Ordensbrüder“ haben ihre Kutten bereits aus den Schränken geholt, um sie auszulüften. Bei Bedarf werden die Gewänder von den Frauen der Mönche ausgebessert und gebügelt. Auch die nötigen Utensilien – der Holzlöffel für das weiße Mus und der Trinkbecher für den stärkenden Kräuterlikör – liegen bereit.

veröffentlicht am 20.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 10:21 Uhr

270_008_4278095_lkcs103_21.jpg
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Jedes Jahr, immer drei Wochen nach Ostern, lässt die Dorfgemeinschaft Marienau die Geschichte des längst verfallenen Karmeliterklosters wieder aufleben. Am kommenden Wochenende ist es wieder soweit. Drei Tage, vom 23. bis zum 25. April, feiert Groß und Klein dann das sogenannte „Wittmusfest“. Hauptpersonen der Veranstaltung sind traditionell einige „Mönche“.

Lemckes Kutte sticht hervor. Sie wirkt respekteinflößend. Und das soll sie auch, denn schließlich verkörpert der 71-Jährige in ihr einen prominenten Mann des damaligen Klosterlebens – Johannes von Hildesheim, der um 1370 dem vermutlich 1312 gegründeten Kloster als Prior vorstand, 1375 verstarb und wahrscheinlich im Chor der Klosterkirche beigesetzt wurde. Auch galt er als Friedensstifter und Versöhner. So soll er den Herzog von Braunschweig und den mit ihm zerstrittenen Bischof von Hildesheim miteinander versöhnt haben. Besondere Bedeutung erlangte Johannes von Hildesheim aber als Philosoph und Dichter. „Sein bekanntestes Werk ist die Legende von den Heiligen Drei Königen“, weiß Lemcke. Das „Historia trium regum“ wurde damals in mehrere Sprachen übersetzt. Trotz der weiten Verbreitung geriet die Erzählung in Vergessenheit, bis Goethe sie 1819 wiederentdeckte.

Zur 750-Jahr-Feier von Marienau vor zehn Jahren wurde das Buch auszugsweise vorgestellt. „Uta Zehlius, die mittlerweile leider verstorben ist, hatte die nötigen Informationen damals zusammengetragen“, erinnert sich Lemcke. Ihre Recherchen ergaben, dass die Erzählung im Mittelalter ein „Bestseller“ gewesen sei und dass heute noch sechs Originalschriften vorhanden seien. Eine, das Goetheexemplar, befinde sich in Weimar, und eins im Archiv von Hildesheim.

270_008_4278093_lkcs101_21.jpg

Mit dem „Wittmusfest“ soll an die Ablassmärkte erinnert werden, zu denen die Pilger nach Marienau gekommen waren, um zu der „Maria an der Aue“ im Marienauer Kloster zu beten. „Von den Mönchen wurden sie mit weißem Mus beköstigt“, erzählt Fritz Bretzing, der Vorsitzende der Dorfgemeinschaft. Dieses Mus, damals wahrscheinlich eine Suppe aus Buchweizen, ist heute ein lecker schmeckender Grießbrei. Er wird von der DRK-Bereitschaft Marienau zubereitet und am Wittmus-Sonntag beim Pilgergang entlang des Pilgerpfades kostenlos ausgeteilt.

Das Wissen um das klösterliche Leben dümpelte lange vor sich hin. „Erst 1996 bei einem Cousin- und Cousinentreffen hatten einige von uns die Idee, es wieder aufleben zu lassen, unter anderem war das auch Uta Zehlius“, erinnert sich Reinhold Breyer, der mit Uwe Thielke und Ortwin Schlupp zu den ersten „Mönchen“ zählte. Es wurden fertige Kutten gekauft; die des Priors vom Opernhaus Hannover. Die meisten wurden jedoch selbst geschneidert. „Aus alten Bettlaken, die wir dann eingefärbt haben“, erinnert sich Helga Lemcke. Zum Prior Johannes von Hildesheim wurde zur 750-Jahr-Feier ihr Mann Kurt-Manfred auserkoren. „Weil er Autorität ausstrahlt und ehrwürdig aussieht“, betont Breyer mit einem Schmunzeln.

Den Prior „spielt“ Lemcke nun schon seit zehn Jahren. Nicht nur zu Wittmus, auch beim Johannisfest im Klostergarten und bei anderen Veranstaltungen. „Es macht sehr viel Spaß, aber ein wenig Bauchkribbeln ist auch dabei“, gibt er zu.

Kurt-Manfred Lemcke (re.) und Uwe Thielke überprüfen, ob die „Wittmus-Utensilien“ vollzählig sind: Trinkbecher und Löffel.

Fotos: sto



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt