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Kleinbahn verschwindet auf Raten

Die Geisterstrecke

VOLDAGSEN/DUINGEN. Vor 120 Jahren war die Bahnstrecke von Voldagsen nach Duingen fertiggestellt. Sieben Jahrzehnte stellte sie eine Lebensader für die Region östlich des Iths dar, bildete den Anschluss für Menschen und Waren an die Welt. Traurige Überbleibsel in der Landschaft erinnern noch an diese Zeit.

veröffentlicht am 29.06.2017 um 14:30 Uhr
aktualisiert am 29.06.2017 um 16:00 Uhr

Der traurige Rest. Mitten in Salzhemmendorf verrotten alte Wagen der Kleinbahn. Foto: eaw
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Ernst August Wolf Reporter
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Kurz hinter der Straße am alten Bahnhof in Thüste enden die Schienen vor einem Spielplatz auf einer Wiese. Am Straßenrand warnt noch immer ein rostendes Andreaskreuz. Grundlos. Längst ist die Schranke verschwunden, bietet das alte Bahngelände einen trostlosen Anblick: ein zerfallener Prellbock, die herausgerissenen Schwellen am Rande aufgestapelt.

Heinz Wecke, der an der Straße nach Wallensen wohnt, erinnert sich an bessere Zeiten. „Wenn abends der Zug mit den Arbeitern aus Hameln kam, dann zog eine richtige Prozession zu Fuß vom Bahnhof bei uns vorbei die Straße nach Wallensen entlang.“ Der heute 80-Jährige, der als Schriftsetzer in Alfeld gearbeitet hat, hat sein ganzes Leben in Thüste verbracht.

Wecke hat allerlei Dokumente über die Kleinbahn von Voldagsen nach Duingen und Delligsen zusammengetragen. „Gar nicht so leicht ein Jubiläumsdatum die Kleinbahn von Voldagsen nach Duingen und Delligsen zusammengetragen. „Gar nicht so leicht ein Jubiläumsdatum zu finden“, stellt er fest. Nachdem am 1. September 1895 die Konzession vorlag, sei sofort mit dem Bau begonnen worden. „In Windeseile, denn das erste Stück bis Salzhemmendorf war schon nach einem Jahr fertig.“ Ein Jahr später, am 1. Juli 1897, ging die Streckenverlängerung bis nach Duingen in Betrieb. „Ein Jubiläum, wenn Sie so wollen“, sagt Wecke mit Wehmut. „Aber das feiert niemand.“

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Der einstige Güterbahnhof in Thüste bietet heute ein trostloses Bild. Foto: eaw
  • Der einstige Güterbahnhof in Thüste bietet heute ein trostloses Bild. Foto: eaw
Eine Zeit lang dampften kleine Personenzüge noch als Museumsbahn Richtung Thüste. Foto: eaw
  • Eine Zeit lang dampften kleine Personenzüge noch als Museumsbahn Richtung Thüste. Foto: eaw
Ein Bild aus besseren Zeiten. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts dampfte diese Hanomag-Lok von Voldagsen nach Duingen. Foto: eaw
  • Ein Bild aus besseren Zeiten. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts dampfte diese Hanomag-Lok von Voldagsen nach Duingen. Foto: eaw
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Der einstige Güterbahnhof in Thüste bietet heute ein trostloses Bild. Foto: eaw
Eine Zeit lang dampften kleine Personenzüge noch als Museumsbahn Richtung Thüste. Foto: eaw
Ein Bild aus besseren Zeiten. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts dampfte diese Hanomag-Lok von Voldagsen nach Duingen. Foto: eaw

Wie bei vielen anderen Bahnstrecken habe es auch bei der Bahn von Voldagsen nach Duingen Streit über die Streckenführung gegeben. So schrieb Gemeindevorsteher Brüggemann am 21. Oktober 1895 an den „Königlichen Herrn Regierungspräsidenten zu Hannover“: „Endlich kann ich nicht umhin, mir zu erlauben, darauf besonders hinzuweisen, dass es doch wohl nicht im Interesse des Kreises Hameln, der den Grunderwerb für den Bahnbau übernommen hat, liegt, wenn zugunsten des industriell gänzlich bedeutungslosen Fleckens Wallensen ein Umweg von mindestens 800 Metern gemacht wird (…). Eure Hochwohlgeborenen bitte ich daher Namens der Gemeinde Thüste ebenso dringend wie unterthänigst, den über Wallensen projektierten Bahnbau die Genehmigung Hochgeneigtest zu versagen (…)“.

Die Bahn sei eine Verbindung zu den Industriebetrieben gewesen, erklärt auch Heinz Wecke. „Personenverkehr zwischen Voldgasen und Duingen, nach Delligsen nur Güterverkehr.“ Ziegeleien, der Braunkohleabbau, eine Brikettfabrik, Sand- und Tongruben, Steinbrüche, das Kalkwerk, sie alle hätten von der Kleinbahn einen großen Nutzen gehabt.

Den Zweiten Weltkrieg überstand die Bahn relativ unbeschädigt. Fritz Redeker aus Weenzen allerdings berichtet, dass am 30. Mai 1944 der Lokführer Friedrich Klingenberg bei einem Tieffliegerangriff tödlich getroffen wurde. „Noch bis 1950 konnte man auf der Domäne Eggersen die Einschusslöcher an einem Haus in der Nähe der Gleise erkennen“, schreibt Redeker.

Zum Einsatz kamen kleine Dampfloks der Hanomag aus Hannover und von Borsig aus Berlin. „Später wurden auch Triebwagen angeschafft und Diesellokomotiven“, erinnert sich Heinz Wecke.

Mit dem Niedergang der Industrie und der Verlagerung des Transportverkehrs auf die Straße, sank die Bedeutung der Bahnlinie rapide. Am 27. Mai 1967 endet die Betriebspflicht. Die Strecke Duingen-Dellisen wurde ab 1968 zurückgebaut, die restliche Strecke an zwei Privatunternehmen verkauft. Der Teil von Voldagsen bis Salzhemmendorf kam an die Firma Klöckner Durilit GmbH und der Rest bis Duingen an das Duinger Glassandwerk Dr. Bock & Co. 2001 wurde der Anschluss der Sandgrube gesperrt und damit die Strecke Salzhemmendorf–Duingen aufgegeben.

Auch ein Kleinbahnverein, der seinen Sitz im Duinger Bahnhof hatte, hat längst aufgegeben. „Wir sollten die Querungen der Straßen unterhalten“, so der ehemalige Vorsitzende Wolfgang Wahrhausen. „Das konnte wir nicht leisten.“ In Salzhemmendorf erinnern verrottende Güterwagen an die einst lebhafte Geschichte der Bahn. „Was nach der Schließung von Rheinkalk mit dem Rest der Strecke wird, ist offen“, so Bürgermeister Clemens Pommerening.

So verschwindet langsam ein Stück regionaler Technikgeschichte aus der Landschaft. „Andernorts hat man was draus gemacht, hier stirbt die Bahn“, sagt Heinz Wecke mit Trauer in der Stimme.

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