weather-image
Es hat einige Zeit gedauert, bis die Coppenbrügger Bücherfreunde wurden

„Das Leben ist zu kurz, um Schund zu lesen“

COPPENBRÜGGE. Es war einmal ein Molkereidirektor, der gerne las und seine Mitmenschen davon überzeugen wollte, wie wichtig Bücher sind. Aber seine Überredungskünste schlugen fehl. Seine Leseleidenschaft blieb in Coppenbrügge trotzdem nicht ohne Folgen.

veröffentlicht am 16.06.2016 um 18:53 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 12:45 Uhr

270_0900_2311_lkcs101_1706_sto.jpg

Autor:

Christiane Stolte
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Denn mit seinen Büchern legte Otto Stender den Grundstein für die Buchhandlung, die auch heute noch aller Internetkonkurrenz zum Trotz existiert – mittlerweile seit 70 Jahren.

Otto Stender wollte vor einem Jahrhundert die „Bauersleute“ zum Lesen animieren. Aber: Pustekuchen! „Bücher lesen? Das hat uns gerade noch gefehlt!“ Zum Schmökern hatten die Coppenbrügger keine Zeit, die Landarbeit ging vor. Lesen galt damals bei „einfachen Leuten“ als Zeitverschwendung und Beweis für Faulheit. Dass Lesen aber bildet und ein kleines Stück der großen, weiten Welt in ihre bescheidenen Bauernstuben bringen könnte, wollten sie nicht wahrhaben. Stender kam zu dem Schluss: „In Coppenbrügge sind se mittem Kopp turügge.“ Sich vom Lesen abbringen lassen von Leuten, die im Kopf zurück sind? Der leidenschaftliche Leser dachte nicht daran. Mindestens alle sechs Wochen fuhr er nach Hannover, um sich in der Buchhandlung Sachse & Heinzelmann einen Schwung Bücher zu kaufen. Damit die Bauern nichts davon erfuhren, ließ sich der Direktor der Molkerei von einem Milchkutscher zum Bahnhof in Behrensen bringen und wieder abholen.

Jahre später machte sich sein Sohn Heinz die gesammelten Werke zunutze und eröffnete im Juni 1946 mit seiner Frau in der damaligen Schule gegenüber der St.-Nicolai-Kirche eine Leihbücherei. Das gefiel den Coppenbrüggern, sie entdeckten ihre Leselust, um die sich Otto Stender vergeblich bemüht hatte.

270_0900_2312_lkcs105_1706_pr_OTTO.jpg
  • Schon sein Großvater Otto hat den Grundstein für den Laden in Coppenbrügge gelegt. Das ist nun sieben Jahrzehnte her. Foto: pr

„1948, nachdem die Alliierten den Druck von Zeitschriften freigegeben hatten, gründete mein Vater außerdem eine Lesemappe, die mein Zwillingsbruder Otto und ich in den umliegenden Ortschaften verteilen mussten“, erzählt der Buchhändler Heiner Stender (79). Die Leihbücherei wurde in das Haus des Klempners Pfingsten in der Osterstraße verlegt. Der Verkauf von Büchern und Schulbedarf hatte nun oberste Priorität. Im Juni 1966 kaufte Sohn Heiner seinem Vater den Bestand ab und eröffnete einige Häuser weiter einen Buchladen, der heute noch existiert und längst ein geselliger Treffpunkt für Literaturfreunde ist. Erst recht seit der Gründung der Kulturinitiative „Unser Dorf liest“ im Jahr 1997 durch Heiner Stender und Hartmut Klappenbach.

„Diese Initiative war niedersachsenweit von dem Friedrich-Bödecker-Kreis ins Leben gerufen worden“, erinnert sich Stender. Mittlerweile existiert diese Initiative nur noch in Coppenbrügge, wo regelmäßige Lesungen und die jährliche Lesewoche durchgeführt werden – ab und an mit namhaften Autoren, Aufführungen von Theaterstücken aus der Feder von Heiner Stender und besonderen Aktionen, wie vor einigen Jahren die Marathon-Lesung aus Werken der „verb(r)annten Dichter“.

Heiner Stender legt Wert auf anspruchsvolle Literatur. „Das Leben ist zu kurz, um Schund zu lesen“, sagt der Literaturkenner. Seiner Meinung nach gibt es viel zu viele schlechte Bücher. Wenn Kunden bei ihm ein Buch kaufen möchten, das ihm partout nicht gefällt, versucht er, eine „anspruchsvolle Alternative“ zu finden – ein Service, den die großen Internet-Buchshops in dieser Form nicht anbieten. Stender könnte längst in den Ruhestand treten, der Buchladen jedoch ist sein Lebenselixier, betont er.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt