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Neuer Versicherungsbeitrag gefährdet Existenz vieler freiberuflicher Geburtenhelferinnen

Das können sich die Hebammen kaum leisten

Coppenbrügge (ist). Der Wehenschreiber auf Jessica Limbachs (Name von der Redaktion geändert) Wohnzimmertisch in Oldendorf faucht. „Wunderbar“, sagt Hebamme Angelika Samtleben. „Ein liebes Kind. Es bewegt sich. Keine Wehen, Herzschlag konstant, Kopf unten, Po oben. Besser geht’s nicht!“ Jessica Limbach ist in der heißen Phase ihrer Schwangerschaft: 33. Woche – Mitte Juni kommt das Kind. Angelika Samtleben ist nun seit 30 Jahren Hebamme. Wie viele Schwangere sie vor, während und nach der Geburt bisher betreut hat? Sie weiß es nicht. „1985 habe ich mit dem Zählen aufgehört. Da waren es 850.“

veröffentlicht am 03.05.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 09:21 Uhr

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Angelika Samtleben gibt während ihrer Hausbesuche bei den Frauen viele Tipps und Ratschläge. Die meisten davon kennt die 32-jährige Mutter bereits – sie hat schon zwei Söhne. Seit Anfang des Jahres kommt die Hebamme regelmäßig. „Wir haben grade Spargelzeit“, erinnert Angelika Samtleben, „und Du weißt ja: ‚Ist die Verdauung in Schuss, dann sind auch die Geburtswege schlüpfrig‘!‘“

Eine individuelle Betreuung in den eigenen vier Wänden ohne gehetzten Blick auf die Uhr ist sehr wichtig, findet Jessica Limbach. Auch die ständige Erreichbarkeit der Hebamme über Handy und keine beschwerlichen Fahrten in entfernte Arztpraxen – „das alles ist einfach Schwangerschaftswellness für Körper und Seele!“, sagt die Oldendorferin.

Auf solch ein Wellnessprogramm während und nach der Schwangerschaft müssen viele Mütter aber vielleicht bald verzichten: Eine neue Haftpflichtprämie der Versicherer bedroht nämlich die Existenz vieler Hebammen in Deutschland. Beiträge bis weit über 4000 Euro pro Jahr können sich viele Freiberufliche, die nur knapp über 7 Euro verdienen, nicht mehr leisten. Seit Monaten steht der Hebammenverband bereits mit Krankenkassen und Politik bisher ergebnislos im Gespräch.

Weil sich die Zahl der Neugeborenen in den letzten 60 Jahren halbiert hat, verdienen die Hebammen entsprechend weniger. Steigende Haftpflichtprämien würden viele Hebammen deshalb aus der Geburtshilfe drängen, so die Befürchtung der Hebammenverbände. Morgen – am internationalen Hebammentag – werden Hebammen in vielen deutschen Städten Unterschriften sammeln. 50 000 werden benötigt, damit sich der Bundestag über eine finanzielle Absicherung des Berufsstandes beraten muss.

Hebamme ist ein Beruf, der beiden Seiten sehr viel gibt, sagt Angelika Samtleben. Ihre Tätigkeit in der Geburtsvorbereitung und -nachsorge will sie in keinem Fall beenden. Ihre Frauen, wie sie sagt, fragen sie Sachen, die sie nicht ihren Arzt, Mann oder ihre Mutter fragen würden. Im Laufe der vergangenen dreißig Jahre sei für die werdenden Mütter die Schwangerschaft nicht leichter geworden, so die Beobachtungen der Hebamme. Die Normalität sei in der Informationsgesellschaft verloren gegangen, ebenso wie die Gelassenheit. Schwanger sei man heute nicht mehr natürlich und nebenbei, wie’s zum Frausein gehört, sondern in angespannter Erwartung und überinformiert. Damit sich werdende Mütter auch zukünftig vor und nach der Schwangerschaft gut umsorgt wissen, steht Angelika Samtleben mit ihren vier Kolleginnen aus Coppenbrügge als Ansprechpartnerin an der Burg — wie viele hundert andere Hebammen in ganz Deutschland.

Sanft tastet Hebamme Angelika Samtleben den Bauch einer Oldendorferin ab.

Foto: ist

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