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„Solawith“ versucht offenbar, Vereinnahmung von Rechts zu verhindern – und steht vor ungewisser Zukunft

Braune Mitglieder im Landwirtschafts-Verein?

HARDERODE/HAMELN. Seit vier Jahren gibt es „Solawith“, die solidarische Landwirtschaft am Ith. Doch nun steht der Verein vor einer ungewissen Zukunft: Viele Mitglieder haben zum kommenden Geschäftsjahr, das im März beginnt, gekündigt. Ein Teil des Problems sind offenbar Mitglieder aus dem rechten Spektrum.

veröffentlicht am 14.02.2018 um 16:11 Uhr

Gemeinsam Gemüse und Obst anbauen, ernten, Werte schaffen: das ist der Gedanke hinter „Solawith“. Foto: Archiv
Wiebke Kanz

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Wiebke  Kanz Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite
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Im März vor vier Jahren gründete sich der Verein „Solawith“, Solidarische Landwirtschaft am Ith, rund um das Bio-Bauernpaar Marita und Harry Vahlbruch aus Harderode. Auf zwei Ackerstreifen auf dem Biohof Vahlbruch von insgesamt etwa einem Hektar Größe sowie in einem Folientunnel im Hausgarten wird seitdem solidarische Landwirtschaft betrieben, kurz Solawi – dort wächst ausschließlich solidarisch angebautes Obst und Gemüse. Gestartet ist der Verein vor vier Jahren mit rund 20 Mitgliedern, zwischenzeitlich ist die Mitgliederzahl auf über 30 gestiegen.

Doch nun steht „Solawith“ offenbar vor einer ungewissen Zukunft: Nach Informationen der Dewezet streitet der Verein intern seit Monaten darüber, wie und ob es überhaupt weitergehen soll. Zum kommenden Geschäftsjahr, das am 1. März beginnt, werden viele Mitglieder den Verein verlassen; „Solawith“ wird dann nach aktuellem Stand nur noch 15 Unterstützer haben. Eigentlich, so hieß es bei der Vereinsgründung, sei es notwendig, dass mindestens 20 Ernteanteile abgenommen werden, damit der Verein wirtschaften könne.

Die Mitglieder, die „Solawith“ verlassen, haben laut der ersten Vereinsvorsitzenden Antje Müller „verschiedenste Gründe“. Einer dieser Gründe hat aber offenbar nur wenig mit Obst und Gemüse zu tun hat: Überall dort, wo der Fokus stark auf das Lokale, auf die Heimat gelegt wird, besteht auch die Gefahr durch eine Vereinnahmung durch Nationalisten und Menschen aus dem rechtsradikalen Spektrum. Auch bei „Solawith“ sind nach Informationen der Dewezet zwei Mitglieder dadurch aufgefallen, dass sie Verschwörungstheorien über „linksrotversiffte Multikultischreihälse“ sowie über eine angestrebte „politische Gesinnungsdiktatur“ des Vereinsvorstandes per E-Mail-Verteiler an alle Vereinsmitglieder verbreiteten. Es soll sich dabei nach Dewezet-Informationen um zwei von mehr als 30 Mitgliedern gehandelt haben. Beide Mitglieder sollen ihre Mitgliedschaft inzwischen gekündigt haben.

Auch andere Solawis hatten in der Vergangenheit bereits mit dem Problem zu kämpfen, in Freiburg wollte ein Mitglied der Partei Alternative für Deutschland 2013 offenbar eine Solawi für seine politische Arbeit instrumentalisieren und wurde aus dem Verein ausgeschlossen, und auch die „Solawi Rostock Land“ sah sich nach Vorwürfen, „dass wir als Ganzes oder einzelne Mitglieder dem politisch rechten Spektrum zuzuordnen sind“, gezwungen, sich öffentlich „von Anti-Semitismus und nationalsozialistischem Gedankengut“ zu distanzieren, wie es auf der Internetseite heißt: „Bei uns ist kein Platz für Ausgrenzung, Rassismus und Diskriminierung! Wir stehen für Menschlichkeit, Respekt und Toleranz!“

Ein Großteil der Mitglieder wird „Solawith“ zum kommenden Geschäftsjahr verlassen

Die Solidarische Landwirtschaft am Ith suchte Rat beim Netzwerk Solidarische Landwirtschaft und strebt nun eine Satzungsänderung an. Darin soll künftig festgehalten werden, dass der Verein sich „als Zusammenschluss von Menschen“ verstehe, „die sich dem Gedanken des Humanismus, der Völkerverständigung, dem Internationalismus und den Menschenrechten verbunden fühlen.“ Zudem soll in den Vereinsstatuten festgeschrieben werden, dass dieser überparteilich und überkonfessionell sei. Vor allem aber an einem Abschnitt in der zur Abstimmung stehenden Satzungsänderung scheiden sich dem Anschein nach die Geister: „Solawith“ möchte in seine Vereinssatzung aufnehmen, dass Personen, die sich in Parteien oder Organisationen engagieren, die „rassistische, fremdenfeindliche, andere diskriminierende oder menschenverachtende Bestrebungen“ haben, ausgeschlossen werden können. Am 23. Februar steht die neue Satzung bei der Jahreshauptversammlung zur Abstimmung.

Die Kritik der Vereinsmitglieder konzentriere sich aber auch noch auf weitere Punkte: die mangelnde Kommunikation zwischen dem Vereinsvorstand, dem Hof und den Mitgliedern, die mangelnde Gemüsevielfalt im Winter und zu geringe Obstauswahl im Sommer. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Höhe des Mitgliedsbeitrags. Dieser wird im Vorfeld jedes Geschäftsjahres auf Basis eines detaillierten Wirtschaftsplanes kalkuliert und variiert von Jahr zu Jahr. Lag er bei Vereinsgründung noch bei 65 Euro pro Monat, stieg er 2015 auf 70 Euro und im März 2017 auf 95 Euro pro Monat an.

Information

Das Prinzip solidarischer Landwirtschaft

Deutsche Supermärkte bieten seit Jahren ein zunehmend größeres Angebot an Bio-Lebensmitteln, selbst Discountmärkte kommen heute nicht mehr ohne Bio-Produkte im Sortiment aus. Häufig kommen die Bio-Kartoffeln aus Ägypten, die Möhren aus Holland und die Zwiebeln aus Argentinien – Früchte und Gemüse legen dafür oft tausende Kilometer auf Schiffen oder in Flugzeugen zurück. Vielen Kunden aber reicht bio allein heute nicht mehr aus: Regional erzeugt sollen die Lebensmittel sein, saisonal, die Transportwege kurz, die Arbeitsbedingungen für Bauern und Erntehelfer fair. Ein Modell erfreut sich daher wachsender Beliebtheit: die solidarische Landwirtschaft, kurz Solawi. Das Konzept: Eine Gruppe von Menschen beteiligt sich an den Betriebskosten eines Hofes, gibt dem Bauern eine feste Abnahmegarantie (meistens für ein Jahr) für seine Ernte und erhält im Gegenzug Einfluss auf die Produktion. Der Landwirt wird, zumindest in Teilen, von marktwirtschaftlichen Zwängen befreit, hat Planungssicherheit, ist gegen Ernteausfälle und schwankende Preise abgesichert. Die Verbraucher erhalten im Gegenzug regelmäßig frisches, ökologisch erzeugtes Gemüse, sie wissen, wo, von wem und unter welchen Bedingungen es angebaut wird. Ein guter Deal für beide Seiten. In Deutschland stieg die Zahl der Betriebe, die nach diesem Solidarprinzip wirtschaftet und im Netzwerk Solidarische Landwirtschaft organisiert ist, allein in den letzten vier Jahren von 60 auf rund 170 an.ww

Dafür gibt es im Sommer „mehr, als eine vierköpfige Familie in einer Woche essen kann“, sagt Müller – und in den Wintermonaten eben häufig nur Lagergemüse wie Kartoffeln und Zwiebeln sowie Kohl und Wirsing, und das in rauen Mengen. „Auch meine Familie hat ständig gemotzt“, sagt Müller, die den Verein unter anderem aus diesem Grund selbst zum Monatsende „mit schwerem Herzen“ verlässt. In der Anfangszeit habe der Verein seinen Mitgliedern noch den Service geboten, Rezepte auf die Internetseite zu stellen und zu gemeinsamen Einmachaktionen einzuladen. „Aber das braucht Zeit, es ist ein Extraaufwand, ohne Bezahlung zudem“, sagt Müller – weshalb dieser Service nach und nach „eingeschlafen“ sei. Zur Bindung zwischen Produkt und Konsument habe das nicht beigetragen.

Bei der Jahreshauptversammlung am 23. Februar soll neben der neuen Satzung auch ein neuer Vorstand gewählt werden, da alle aktuellen Vorsitzenden und damit auch alle Gründungsmitglieder den Vorstand verlassen werden. „Mit allen Chancen, die so ein Neuanfang bietet“, sagt Antje Müller.

Die große Mehrheit der verbleibenden „Solawith“-Mitglieder sei sich offenbar einig, weitermachen und den Verein am Leben halten zu wollen. Nicht nur das: „Solawith“ hofft auf Neumitglieder, „darauf, dass sich noch mehr Hamelner für den Verein begeistern und aktiv mitmachen“, sagt Antje Müller. Zur Abstimmung stehen mehrere Zukunftsmodelle, die Preissteigerungen auf der einen Seite und Ernte-Pausen während des Winters auf der anderen Seite einschließen. Auch gab es Überlegungen, den Anbau auf Flächen am Rande von Hameln umzusiedeln, um es den Mtigliedern leicher zu machen, sich aktiv an Anbau und Ernte zu beteiligen. Für das Gartenjahr 2018 soll dies aber zunächst keine Option sein. Kurz: „Alle machen Abstriche, dann kann es funktionieren“, sagt Müller.

Ob es allein damit getan ist, wird sich zeigen: Auf der Internetseite des Biohofes Vahlbruch wird ein Hofnachfolger gesucht. „Gesundheitliche und private Gründe führen dazu, das wir auf längere Sicht junge Hofnachfolger suchen“, heißt es dort. Auch, wo das „Solawith“-Obst und -Gemüse künftig angebaut werden soll, scheint also nicht gesichert.



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