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Wer hat an der Uhr gedreht? Dörper sind seit Generationen an das Elf-Uhr-Läuten gewöhnt

Betglocke ruft eine Stunde zu früh zum Mittag

Dörpe. Wann, wie und warum es dazu gekommen ist, dass die Dörper seit Generationen tagtäglich zumindest in der ersten Tageshälfte der Zeit voraus sind, weiß keiner im Dorf. Jeder dagegen, der hier alt genug ist, die Uhr zu lesen, weiß, solange er denken kann, dass die Dörper Betglocke im Gegensatz zur sonstigen christlichen Welt in Europa nicht um zwölf, sondern um elf Uhr läutet. Eine im Laufe der Zeit durchaus lieb gewordene Eigenheit am Nesselberg, an die man sich längst gewöhnt habe, meint Angelika Holweg und weiß sich einig mit allen Dörpern. Daran werde und wurde auch in Zeiten von Funkuhren nicht gedreht. „Kinder und Erwachsene im Dorf haben sich seit Generationen an dem Läuten um elf und achtzehn Uhr orientiert – die einen beim Spielen draußen, die anderen bei der Arbeit. Und in der Küche sind die Kartoffeln mit Garantie nie zu spät auf den Herd gekommen.“ Und überhaupt kommt es beim Mittagsläuten heute wie vor exakt 556 Jahren nicht auf die Minute oder Stunde an. Das erste mittägliche Läuten der Kirchenglocken, begleitet von drei gebeteten Vaterunser und drei Ave Maria, wurde im Jahr 1456 von Papst Kalixt III. angeordnet. Es sollte Mut machen im Kampf gegen die Türken, die an der Grenze Ungarns standen und das christliche Abendland bedrohten. Nach dem Sieg der Ungarn über die Osmanen wurde das Mittagsläuten aus Freude über den Sieg und Mahnung an die weiterhin bestehende Gefahr des christlichen Europa zum Brauch, der bis heute gepflegt wird. „Über das Läuten der Dörper Betglocke und ihr Alter“, sagt Werner Bruns als einer der Dorfältesten, Chronist und jahrzehntelanges Kirchenvorstandsmitglied, sei in den Archiven nicht wirklich viel zu finden. Dass 100 Jahre nach dem ersten Mittagsläuten im Jahr 1557 auch in Dörpe eine Türkensteuer gezahlt werden musste, die in Verteidigungsmaßnahmen gegen das Vordringen der Osmanen investiert wurde, davon wird in der Dörper Chronik von 1993 (600 Jahre Dörpe) berichtet. Dass die Betglocke, die heute am Lindenplatz läutet, auch damals schon ihren Dienst versah, sei daher mit Sicherheit anzunehmen, so Bruns; dass ihre Zeitreise in Hunderterschritten ablief, sei archiviert: Zunächst habe sie eine der Sage nach versunkene Kapelle (um 1550) überdauert – „auch wenn die nicht versunken, sondern schlichtweg verrottet und zusammengefallen ist“, so Bruns. Danach wurde die Glocke in den gesonderten Kirchenraum der ersten Schule des Dorfes (1750) abgeschoben – weil für eine neue Kapelle kein Geld da war. 1850 bekam die Glocke ein gebührendes Türmchen in der neuen Schule – wurde aber 1927 in ein alleinstehendes Gerüst außerhalb des Schulhauses ausquartiert. Dreimal tägliches Glockengeläut wäre damals wohl nicht wirklich des Lehrers Sache gewesen, mutmaßt Bruns. Zurück in den Turm, gemeinsam mit einer neuen, größeren Glocke, ging es 1954/55, als das Schulhaus von der Kirche gekauft und die neue Glocke von einem Dörper Ehepaar im Gedenken an den im Krieg gefallenen Sohn gespendet wurde. Und dort läuten die Glocken bis heute auf dem Dachboden und lassen das Mauerwerk darunter vibrieren – beide gemeinsam zu den Gottesdiensten und am Samstagabend sowie Sonntagmorgen, die „neue“, größere Glocke allein täglich um sieben, elf und achtzehn Uhr. „Ich liebe dieses Haus“, sagt Viktor Janz, der das 1850 gebaute Fachwerkhaus vor 15 Jahren von der Kirche kaufte, seitdem mit seiner Familie direkt unter den Glocken lebt. Das Läuten sei nie wirklich und mit den Jahren immer weniger ein Problem gewesen.

veröffentlicht am 13.08.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 05:41 Uhr

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Autor:

Ingrid Stenzel
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Viktor Janz hat das 1850 gebaute Fachwerkhaus vor 15 Jahren von der Kirche gekauft und lebt seither mit dem Läuten.

Foto: ist



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