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Erna Zellmer erinnert sich an ihre Jahre mit dem deutschen Dramatiker Gerhart Hauptmann

Begegnungen mit einem Nobelpreisträger

Bisperode (sto). „Haben Sie Spatzen unter der Mütze?“, fragt der Hausherr den Postzusteller streng. Er legt Wert auf Etikette und auf eine respektvolle Behandlung, schließlich ist er der berühmteste Einwohner Agnetendorfs. Der junge Briefträger Wilhelm Bräuer aber, der mit einer Zustellungsurkunde in die Villa „Wiesenstein“ gekommen war, legt seinerseits Wert auf Einhaltung der Dienstvorschrift. Und die besagt – im Dienst ist die Mütze aufzubehalten. Also bleibt sie dort, wo sie von Gesetzes wegen hingehört. Der Hausherr ist ärgerlich und beschwert sich bei der Oberpostdirektion. Sie gibt ihm recht. Zwar habe der Briefträger korrekt gehandelt, doch in Anbetracht der bedeutenden Persönlichkeit des Hausherrn müsse er bei künftigen Dienstbesuchen seine Mütze abnehmen, teilte die Behörde dem dienstbeflissenen Zusteller mit.

veröffentlicht am 25.08.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 04:41 Uhr

Erna Zellmers Onkel Paul Enge (links) im Gespräch mit Gerhart Hauptmann (rechts) auf einer Parkbank.
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Diese Anekdote hat Erna Zellmer 1946 bei der Vertreibung aus ihrem schlesischen Heimatort Agnetendorf mit auf die ungewollte Reise ins Ungewisse genommen. Und im Laufe der Jahrzehnte viele Male erzählt. Was die Geschichte noch interessanter macht – Erna Zellmer hat sie aus „erster Hand“. „Von dem Briefträger selbst, denn der war mein Vater“, sagt sie. Dass es sich bei dem Hausherrn der Villa Wiesenstein um Gerhart Hauptmann handelte, ist nicht schwer zu erraten. Der Dichter und Dramatiker wohnte von 1901 bis zu seinem Tod 1946 in Agnetendorf – dem malerischen Ort im Riesengebirge, der heute Jagniatkow heißt.

Dort wurde Erna Zellmer 1930 geboren. An Gerhart Hauptmann kann sie sich noch ganz gut erinnern. „Uns Kindern war gar nicht bewusst, welch ein berühmter Mann in unserer Nähe wohnte“, sagt sie. Er sei ein stattlicher Herr gewesen, der gelegentlich mit seiner Frau in den schönen Bergwäldern spazieren gegangen sei. An ihrer Gangart, ihrem typischen Gänsemarsch, habe man die Eheleute Hauptmann schon von weitem erkennen können. „Frau Hauptmann ging immer drei Schritte voraus, während er folgte“, erinnert sich Erna Zellmer.

In den Agnetendorfer Wäldern habe die hohe Gestalt des mit einem weiten Mantel bekleideten Dichters wie der Berggeist in Person gewirkt. Erst recht, wenn er seinen großen Schlapphut auf seinem Kopf trug. Traf er Kinder, die ihn grüßten, oder sogar Jungen, die vor ihm ihre Mützen zogen, schenkte er ihnen manchmal 50 Pfennige.

In der Adventszeit 1943 war die junge Erna Bräuer mit Schulkameraden Gast in der burgartigen Villa Wiesenstein. „Wir haben in der hochherrschaftlichen Empfangshalle der Hauptmanns das ,Agnetendorfer Christkindlspiel‘ aufgeführt“, erinnert sich die heute 81-Jährige. Sie habe einen Engel gespielt und könne sich noch gut an die prächtige Deckenmalerei und darin erinnern, dass der Hausherr jedem Kind die Hand gegeben habe.

Guten Kontakt zu Hauptmann habe ihr Onkel, Paul Enge, gehabt, der ebenfalls Theater für ihn gespielt habe. „1942 hat er in dem Hauptmann-Stück ,Fuhrmann Henschel‘ mitgespielt, weiß Erna Zellmer. Der Dichter sei manchmal sogar bei den Theaterproben anwesend gewesen.

Am 6. Juni 1946 kam die Familie Bräuer in Bisperode, ihrer neuen Heimat, an. Viele Male waren Erna Zellmer und ihr Mann Harald seither in Agnetendorf. Ihre vielen Erinnerungen hat Erna Zellmer in einer „Agnetendorfer Gedenkmappe“ zusammengetragen. „Einiges davon habe ich dem im Haus Wiesenstein eingerichteten Hauptmann-Museum zur Verfügung gestellt“, sagt die Hobby-Chronistin. 2004 hat sie mit ihrer „Landsmännin“ Irmgard Mau auf Bitten der Museumsbetreiber in dem Museum die Ausstellung „Agnetendorf/Jagniatkow – gestern, heute, morgen“ mitorganisiert. „Bei der Ausstellungseröffnung haben wir Agnetendorfer Trachten getragen“, erinnert sich Erna Zellmer. Übrigens: Das nächste Agnetendorfer Heimattreffen findet statt am 27. und 28. August in Bad Münder.

Gern stöbert Erna Zellmer in ihren Erinnerungen aus ihrer Heimat. Häufig gesellt sich ihr Mann Harald dazu.

Foto: sto



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