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Ende eines Traditionsunternehmens

Backstube Mente schließt nach 83 Jahren

Coppenbrügge. Er gehört zu seinem Morgen wie das Zähneputzen vor dem Spiegel: der Stopp vor Mentes Backstube für ein Lachsbrötchen in der Tüte und für den Coffee to go über den Ladentisch, wenn er zur Arbeit nach Hannover fährt. „Das war immer so“, sagt Gerhard Dreyer aus Dörpe. Wie es ohne jetzt weitergehen soll? Schulterzucken.

veröffentlicht am 24.06.2013 um 20:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 10:21 Uhr

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Autor:

Ingrid Stenzel
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Nachts um 3 Uhr, wenn man Satellitenaufnahmen aus dem All glauben will – und es gibt keinen Grund, das nicht zu tun – beginnt der Himmel über Europa auch ohne Mond zu leuchten. Denn dann schalten die deutschen Bäcker wie Karl-Heinz Mente, die ihre Brötchen noch selber herstellen, in der Backstube die Lichter an. 14 000 deutsche Bäckerbetriebe mit eigener Backstube zaubern dann Lichtpunkte ins Nachtdunkel – dichter gedrängt in Großstädten, wo viele Menschen leben und viele Bäcker arbeiten, vereinzelter in Regionen wie dem Weserbergland, dem Landkreis Hameln-Pyrmont, dem Ort Coppenbrügge. Dort wird ab Ende Juni ein weiterer Bäckerstern fehlen, denn Karl-Heinz und Ulrike Mente stellen ihren Betrieb endgültig ein.

Er (65) ist im Rentenalter, sie (60) gesundheitlich angeschlagen. Viele ihrer ernährungsbewussten Kunden werden sich umorientieren müssen. Sie sind es gewohnt, dass ihre Gaumen und Gesundheit mit Backwerk aus selbst hergestelltem natürlichem Sauerteig, Mehl und Getreide aus heimischer Region und biologisch kontrolliertem Anbau verwöhnt und gepflegt werden. Fertigmehlmischungen mit Konservierungsstoffen und chemische Zusätzen sind bei Mente tabu. Fachwissen und Tradition, die innovativen Rezepturen und die Leidenschaft des Familienbetriebes seit 1929 in Brot und Kuchen werden nicht mehr Gast an Coppenbrügger Frühstücks- oder Kaffeetischen sein.

Wenn bei Ulrike Mente seit 38 Jahren und jetzt noch für wenige Tage im Laden ab 5.30 Uhr Hochbetrieb ist und die Kaffeemaschine nicht still steht, gehen auch in den Verkaufsfilialen und Backdiscountern, die von großen Backfabriken beliefert werden, die Lichter an. Fließbandbrötchen gibt es fast überall billiger, auch in Coppenbrügge, und der Preis ist nicht das Letzte, wonach der Kunde fragt. „Aber unsere Stammkunden hinterfragen genau, was sie für ihr Geld bekommen. Die kaufen lieber nur ein Brötchen mit ehrlicher Qualität für 27 Cent statt zwei für je 18 Cent im Supermarkt.“ 95 Prozent der Kundschaft könne sie mit Namen ansprechen. „Man kennt sich, redet miteinander.“ Wenn ein Kunde krank ist, wird ihm das Brot nach Hause gebracht.

Dem Konkurrenzdruck des Fließbandes sind die Handwerksbäckereien gleichwohl kaum gewachsen. Etwa die Hälfte wird wohl in den nächsten Jahren aufgeben, deutschlandweit würden dann 6 000 Bäckermeister die Lichter nicht mehr einschalten. Bei Mentes bleibt es mit dem 30. Juni dunkel – in den vom Vater und Schwiegervater 1929 zur Bäckerei umfunktionierten ehemaligen Stallungen des Bauernhofes, von wo damals das Brot noch mit dem Pferdewagen über die Dörfer gefahren und auf den Küchentisch gelegt wurde, weil ja die Familie bei der Feldarbeit war und die Haustür offenstand.

Wo der Sohn des Gründers seinen „Bäckermeister“ gemacht hatte, erlernte später – als das Mehlasthma ihres Mannes immer schlimmer wurde – auch Ulrike Mente, ausgebildete Apothekenhelferin, alles für die Meisterprüfung. Sie half aus und qualifizierte sich anschließend zur Ernährungsberaterin weiter.

„Im Schnitt gingen hier zuletzt jährlich rund 390 000 Brötchen über den Tresen – jedes einzelne von Hand gefertigt“, erzählen die Mentes. Zeitweise, als sie in den 1980er Jahren noch eine Filiale beim BHW in Hameln hatten, beschäftigten sie bis zu neun Angestellte.

Eine nicht immer leichte Zeit, aber eine gute durch das gegenseitige Vertrauen von Kunde und Betrieb, wofür sie dankbar seien, sagt das Bäckerpaar – sie als Beamtenspross mit unfehlbarem Geschick im Umgang mit den Büchern, er als Bäckersohn „geborener Bäcker“ mit Kreativität und Leidenschaft fürs Frühaufstehen, Abwiegen, Kneten, Rühren am Ofen – beide zusammen sind die Idealkombination für einen Bäckerbetrieb. Und wahrscheinlich würden sie fast alles wieder so machen, sich aber mehr Zeit für die Kinder nehmen.



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