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Spiegelberg-Nachkomme Susan Comay aus Kanada besucht Bisperode, Lauenstein und Coppenbrügge

Auf den Spuren der ermordeten Urgroßmutter

Coppenbrügge/Salzhemmendorf (bg). Susan Comay selbst spricht von einer „unsagbaren Trauer“, die stets in ihrer Familie geherrscht habe, wenn es um Herkunft und das Schicksal ihrer Urgroßmutter ging. Ihre Mutter und Großmutter hätten darüber nichts erzählt. Sie habe lange nur gewusst, dass die Frau im Dritten Reich als Jüdin aus Berlin deportiert und ermordet worden war.

veröffentlicht am 13.05.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 06:21 Uhr

Susan Comay mit Bernhard Gelderblom vor den beiden Grabsteinen i
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Durch das Internet wurde sie im Oktober 2007 auf das Schicksal ihrer Urgroßmutter Elise Rudnicki aufmerksam. Sie wurde als Elise Spiegelberg in Bisperode geboren und war mit dem Kaufmann Jacob Rudnicki verheiratet. Die Eheleute hatten in Erfurt und zuletzt in einem Altersheim in Berlin-Köpenick gelebt. Die 79 Jahre alte Frau wurde in das Ghetto Theresienstadt deportiert und starb dort wenige Tage nach ihrer Ankunft am 5. September 1942.

Im Dritten Reich nach Südafrika geflüchtet

Die Ärztin Susan Comay, die heute im kanadischen Vancouver lebt, spricht selbst nicht mehr Deutsch, aber sie hat den Klang der Sprache noch im Ohr. Ihre Großmutter Gertrude, 1892 in Erfurt geboren, und ihre Mutter Eva, 1917 in Berlin geboren, hatten sich untereinander häufig deutsch unterhalten. Ihnen war im Dritten Reich die Flucht aus Berlin nach Südafrika gelungen. Dort, in Capetown, war Susan Comay 1949 zur Welt gekommen.

Während die Kinder von Elise Rudnicki Deutschland rechtzeitig verlassen konnten, habe sich Elise stets geweigert, Schritte hin zu ihrer Auswanderung zu unternehmen. Für die Kinder war es damals, so erzählt Susan Comay, ein unglaublich schwerer Schritt gewesen, die Mutter zurück zu lassen. Daher rührte die lastende Trauer.

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Das erste Mal hatte Susan Comay im Oktober 2007 Bisperode besucht, war aber nur kurz auf dem Friedhof gewesen. Jetzt hatte sie sich mit dem Historiker Bernhard Gelderblom verabredet, um auf die Suche nach den Stätten ihrer Familie in Bisperode, Lauenstein und Coppenbrügge zu gehen. Begleitet wurde Susan Comay von ihrem Mann, dem Psychologen Maurice Bloch, der von einer litauischen jüdischen Familie abstammt, die nach Südafrika fliehen konnte.

Der Weg führte in Bisperode zuerst auf den Friedhof. Dort stehen gleich im Eingangsbereich am Rande einer gepflegten Rasenfläche die beiden Grabsteine von Moses und Esther Spiegelberg, der Eltern von Elise. Jüdische Grabsteine auf einem christlichen Friedhof? Das entspricht nicht dem jüdischen Ritualgesetz und ist auch aus christlicher Sicht außergewöhnlich. In Bisperode, wo es nie einen jüdischen Friedhof gegeben hatte, befanden sich die beiden Grabsteine nach Aussagen von Zeitzeugen ursprünglich außerhalb des christlichen Friedhofes.

In der Pogromnacht des 9. November 1938 waren die Grabsteine aller jüdischen Friedhöfe der Umgebung – in Halle, Esperde, Salzhemmendorf, Börry, Lauenstein, Coppenbrügge, Hameln – von Nationalsozialisten zerstört worden. In Bisperode blieben die beiden Steine der Eheleute Spiegelberg wundersam verschont. Nach dem Kriege hat man die beiden Steine einige Meter verrückt, so dass sie nun innerhalb des christlichen Friedhofes lagen.

Die nächste Station war das Haus, in dem Elise geboren worden war. Nachdem die Spiegelbergs lange Jahre in Bisperode zur Miete gewohnt hatten, gelang es ihnen im Jahre 1850, ein Haus zu kaufen. Die Obrigkeit sah das nicht gern und machte Juden beispielsweise die Auflage, das zum Haus gehörende Land an einen Christen zu verpachten. Bei einem späteren Verkauf musste das Haus wieder an einen Christen fallen.

In der bescheidenen Brinksitzerstelle 84 befand sich im Erdgeschoss der Kaufladen von Moses Spiegelberg. Fritz Koenig aus Bisperode, der das Haus noch aus Kindertagen kennt, erinnert sich, dass die ehemalige Kornkammer im ersten Stock zu einer Wohnstube umgebaut worden war und dass es sogar ein Badezimmer gab. Beides war damals auf den Dörfern selten. Heute trägt das Haus die Bezeichnung Voremberger Straße 11 und ist nach einem Besitzerwechsel verlassen und in keinem guten Zustand.

Als Elise 1863 in Bisperode geboren wurde, lebten im Ort acht Menschen jüdischen Glaubens. Wie lange das Haus mit der Nummer 84 in jüdischem Besitz war und wie lange der Laden geführt wurde, hat Gelderblom bisher noch nicht ermitteln können.

Am Ende des Tages erschöpft und traurig

Zum Gottesdienst mussten die Bisperoder Juden übrigens zu Fuß den weiten Weg nach Halle zurücklegen, wo sich die zugehörige Synagoge befand. Die Tatsache, dass sie sich in Bisperode bestatten ließen und nicht etwa auf dem jüdischen Friedhof in Halle, ist ein Hinweis darauf, dass sich die Familie im Dorf wohl- fühlte.

Woher stammte die Familie Spiegelberg? In Bisperode hatte es vorher und nachher keine Juden gegeben. Die nächste Station der kleinen Fahrt war Lauenstein. Dort hatten die Spiegelbergs über mehrere Generationen bedeutende Kaufleute gestellt.

Ihr erster Vertreter war der Produktenhändler Gerson Alexander, der 1822 die Erlaubnis erhielt, die Bürgerstelle 115 zu kaufen. In dem stattlichen Haus – heute Im Flecken 53 – gab es neben einem Lebensmittel- und Landhandel auch ein Bankgeschäft und eine Pferdehandlung.

Als die Juden in der napoleonischen Zeit bürgerliche Nachnamen annehmen mussten, nannte sich Gerson Alexander Spiegelberg – nach der nahen Grafschaft. Juden war es verboten, adelige Namen zu benutzen, aber er setzte sich darüber hinweg.

Es ist wahrscheinlich, dass Moses Spiegelberg irgendwann aus Lauenstein über den Ith ins nahe Bisperode gewandert ist, um sich dort selbstständig zu machen. Auf dem jüdischen Friedhof von Lauenstein befinden sich nach seiner Zerstörung nur noch wenige Steine, darunter der Grabstein von Franziska Spiegelberg (1860-1883). Es war das erste Mal nach Jahren, dass mit Susan Comay wieder ein Nachkomme der Spiegelbergs den Friedhof besuchte.

Über Hof Spiegelberg ging die Fahrt weiter zur letzten Station, dem jüdischen Friedhof in Coppenbrügge. Auf seiner großen Fläche hatten einmal zahlreiche Grabsteine der Familie Spiegelberg gestanden. 1937 und 1938 war der Friedhof vollkommen zerstört worden und die Grabsteine zum Unterbau neu angelegter Straßen verwendet worden.

Am Ende des Tages ist Susan Comay sichtlich bewegt. Sie ist erschöpft, traurig, aber auch erfüllt von der reichen Vergangenheit ihrer Familie aus einer Zeit, als Juden einen wichtigen Teil des dörflichen Lebens ausmachten, und dankbar angesichts der Tatsache, dass nicht alles in Vergessenheit geraten ist.

Susan Comay vor dem Wohnhaus ihrer Ururgroßeltern in Bisperode, Voremberger Straße 11.



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