weather-image
28°
Kurze Liegezeiten im Krankenhaus sind eine Folge der Fallpauschalen

Am Tag nach der OP nach Hause – das gilt auch für eine fast 90-Jährige

Bisperode/Hameln. Wie hoch ist eigentlich der Preis, den wir für unsere – im Vergleich mit anderen Ländern – immer noch gute Gesundheitsversorgung zahlen müssen? Diese Frage stellt sich, wenn man die Geschichte hört, die Edith Kreth erlebt hat.

veröffentlicht am 19.02.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 13:21 Uhr

270_008_4249269_lkcs105_18.jpg
Kerstin Hasewinkel

Autor

Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Die Dame aus Bisperode wird im Sommer 90 Jahre alt, ist im Kopf hellwach und geistig fit, ist sogar beteiligt an einem Hamelner Schulprojekt. Nur ihre Gesundheit macht ihr Sorgen; aufgrund verschiedener Erkrankungen leidet sie unter Schmerzen. So wurde sie im Januar ins Krankenhaus an der Weser einbestellt, damit ihre Wirbelbrüche zur Schmerzlinderung mit Zement aufgefüllt werden konnten. Am 25. Januar wurde sie aufgenommen, am 26. wurde sie spätnachmittags operiert – und am nächsten Tag wurde sie wieder nach Hause geschickt. „Mir ging es nicht gut; mein Blutdruck war 90:60, aber nach einer Tasse Kaffee musste ich trotzdem raus aus dem Krankenhaus. Die Fahrer vom Roten Kreuz standen schon in der Tür“, sagt die 89-Jährige, der die schnelle Entlassung gar nicht recht war, zumal sie zu Hause niemanden hat, der sich um sie kümmert.

Zwei Tage nach ihrer Entlassung wurde Edith Kreth aufgrund anhaltender Schmerzen von ihrem Hausarzt Dr. Carsten Mackenthun notfallmäßig ins Krankenhaus eingewiesen, diesmal nach Lindenbrunn. Dort musste sie bis zum 12. Februar bleiben. „Man hätte der Frau einen weiteren zehntägigen Krankenhausaufenthalt ersparen können, wenn man sie schon in Hameln noch zwei Tage länger schmerztherapeutisch behandelt hätte“, sagt Dr. Mackenthun. So seien der Krankenkasse viel höhere Kosten entstanden.

Denn letzten Endes geht es ums Geld. „Nicht ungewöhnlich“, findet Peter Höxter, Sprecher des Krankenhauses, dass jemand am Folgetag einer derartigen Operation bereits nach Hause geschickt wird. Das sei so üblich. „Der Zement ist bereits nach zehn Minuten hart.“ Es sei keinesfalls eine Strategie, die Patienten früh nach Hause zu schicken; im Gegenteil gelte die ärztliche Anweisung, sie „solange zu behalten, wie es medizinisch notwendig ist“. Allerdings: Wer nicht infusionspflichtig ist, kann sich zu Hause auskurieren; wie dort jemand betreut wird oder nicht, könne naturgemäß nicht in der Verantwortung des Krankenhauses liegen. Gleichwohl gibt es einen Sozialdienst und würden die Patienten natürlich gefragt, ob sie zu Hause alleine leben oder nicht. Wer niemanden hat, für den werde auch der Pflegedienst organisiert. Höxter sagt, die Dame aus Bisperode habe nicht geäußert, dass sie nicht klarkommt. Edith Kreth sagt: „Die wussten doch, dass ich alleine bin.“

„Ein Patient, der lange liegt, ist ein Kostenfaktor“, sagt Mackenthun. Das gelte für alle Häuser und sei kein Vorwurf gegen Hameln. Als Hausarzt habe er sich immer häufiger um das zu kümmern, was früher noch im Krankenhaus an Nachsorge vorgenommen wurde. Das bestätigt auch ein anderer Facharzt. Früher wusste der Stammtisch: Die Krankenhäuser verdienen an jedem Tag, den ein Patient dort im Bett liegt. Doch heute müssen die Krankenhäuser nach Fallpauschalen abrechnen und nicht mehr wie bisher im Wesentlichen nach der Liegezeit. Dafür steht DRG. Das ist eine Abkürzung aus dem Gesundheitswesen; sie bedeutet Diagnosis Related Groups.

Ein Beispiel: Ein Patient mit akutem Herzinfarkt wird nicht mehr nach der Liegezeit und dem Tagessatz abgerechnet, sondern das Krankenhaus bekommt für ihn einen Festbetrag bezahlt. Grundlage zur Bildung von DRG-Fallpauschalen sind medizinische Diagnosen-, Operations- und Behandlungsschlüssel. Das System gilt übrigens nur für Patienten der gesetzlichen Krankenversicherung, nicht für Privatpatienten. Kritiker des Systems führen neben dem hohen Verwaltungsaufwand für die Krankenhäuser an, dass der Druck, Patienten schnell zu entlassen, größer geworden ist. Sie fordern beispielsweise auch die Einführung einer Altersgrenze.

Das hätte sicherlich auch Edith Kreth mit ihren fast 90 Jahren geholfen. Und am Ende wäre es billiger gewesen.

Edith Kreth (89) wurde am Tag nach der Operation nach Hause geschickt – wegen großer Schmerzen musste sie zwei Tage später erneut ins Krankenhaus. Diesmal für zehn Tage.

Foto: Wal

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare