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Ein Treffen mit Wanderschäfer Manuel Schrick

Zwischen Klischee und Wirklichkeit

BODENWERDER/HOLZMINDEN. Wer heutzutage an Schäfer denkt, dem mag wohl gleich ein idyllisches Bild in den Sinn kommen: Die Schafherde grast auf der saftigen Wiese und fühlt sich pudelwohl, der Hütehund hat stets seinen wachsamen Blick auf die Tiere gerichtet, während sich der Schäfer gedankenverloren im Schatten eines Baumes ausruht. Schön, nicht? Wird dann noch das Wort Schäfer durch Wanderschäfer ersetzt, geraten die Gedanken erst recht in Verzückung.

veröffentlicht am 25.08.2017 um 18:24 Uhr
aktualisiert am 25.08.2017 um 21:50 Uhr

Wanderschäfer Manuel Schrick zieht mit seinen Schafen von Weide zu Weide. Die Flächen liegen über 70 Kilometer verteilt – von Bad Karlshafen bis kurz vor den Ith. Foto: ms
Maike Lina Schaper

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Maike Lina Schaper Reporterin zur Autorenseite
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Ein einsamer Hirte zieht wortkarg durch die Landschaft, ein paar Schafe begleiten ihn dabei. Das Leben scheint simpel, die Zeit still zu stehen. Herrlich, oder? Aber gibt es das eigentlich wirklich? Wenn sich Wanderschäfer Manuel Schrick in den stillen Minuten am Rande der Wiese auf seinen Stock stützt und den Blick über die Herde schweifen lässt, meint man, das Schäferklischee sei perfekt. Unschön unterbrochen wird das Bild allerdings, als Schrick erzählt, wie sein Tag als Schäfer wirklich aussieht.

Der Blick über die Schafe ist ganz und gar nicht verträumt. Er muss seine Tiere genau beobachten, um kranke zu erkennen. Und auch die deutsche Bürokratie macht vor klischeebehafteten Schäfereibetrieben natürlich nicht halt. Dreieinhalb Stunden am Tag sind Schreibtischarbeit. Was tagsüber gemacht wurde, muss am Nachmittag dokumentiert werden. Jedes Schaf hat eine Nummer, die Lämmer werden im Herbst verkauft. Auch Wanderschäfer müssen wirtschaftlich arbeiten. Um den Familienbetrieb in Beverungen am Laufen zu halten müssen mindestens drei Personen Vollzeit arbeiten. An 365 Tagen im Jahr ist was zu tun. Neben Schafen gibt es noch Ziegen, Rinder, Esel und Pferde. Sie alle werden zur Landschaftspflege gehalten.

Wer übrigens noch an den wertvollen Rohstoff Wolle glaubt, auch der wird enttäuscht. Das Scheren ist ein Minusgeschäft für den Betrieb.

2 Bilder
Foto: ms

Trotzdem ist bei Schrick die Verbundenheit zur Natur und zum Beruf als Schäfer deutlich zu spüren. Er könnte seine Tiere auch im Stall halten, den Gedanken winkt er aber ab. Lieber hat er sie draußen. Also ziehen die Tiere das ganze Jahr über mit ihm durch die Landschaft. Über siebzig Kilometer erstreckt sich das Weidegebiet. „Wir ziehen von Bad Karlshafen bis kurz vor den Ith“, sagt Schrick. Seine Schafe suchen sich ihr Futter auf kleinen Restflächen, deren Bewirtschaftung für die übrige Landwirtschaft unrentabel wäre oder Flächen der Landesforten, die mit Hilfe von grasenden Schafen besser gepflegt werden, als eine Maschine das könnte.

Und wenn es regnet? Dann wird er eben nass, antwortet Schrick pragmatisch. Lieber habe er allerdings Schnee. Ist es denn nicht schwer, im Winter Futter zu finden? „Nein“, sagt Schrick. Schwieriger sei der Frühling, beziehungsweise, wenn der Frühling auf sich warten lässt und die Vegetation nicht in Gang komme. Aber der Sommer ist doch das Schönste, wenn die Luft angenehm warm ist und man gern draußen ist? Auch nicht, zerstört Schrick wieder die Illusion. Am schönsten sei es für ihn, wenn die Schafe genügend gutes Futter finden. „Schafe halten, ist schwer“, resümiert Schrick.

Wenn der Wanderschäfer nicht mit seinen Schafen umherzieht, bleiben die Tiere auf der Weide. Ein mobiler Zaun verhindert, dass sie sich ohne menschliche Begleitung auf den Weg machen. Am nächsten Tag geht‘s dann meist weiter. Ist die Weide größer oder die Herde kleiner, könnten die Tiere auch mal etwas länger an einem Ort bleiben. Seine über 1000 Schafe hat Schrick auf mehrere Herden verteilt. Die Böcke sind von den Lämmern getrennt. Geburtenkontrolle ist im Schäfereibetrieb wichtig. Im Winter wären die Lämmer eher eine Belastung. So werden sie im Frühling geboren und können den Sommer über mit ihren Müttern von Wiese zu Wiese ziehen.

Unterwegs sind Schrick und seine Schafe natürlich nicht nur auf Feldwegen. Weil die Weideflächen so weit verteilt sind, muss der Schäfer seine Herde auch durch Dörfer und über gewöhnliche Straßen treiben oder die Weser über eine Brücke queren. Der Verkehr muss dann eben warten. Das Verständnis dafür bleibe bei Dorfbewohnern und wartenden Autofahrern allerdings auch manchmal aus. Beim Zug der Schafe hat Schrick neben einem seiner insgesamt vier Hütehunde auch einen menschlichen Helfer dabei. „Wir fahren generell zu zweit los.“ Sonst könne man schnell Probleme bekommen, meint Schrick, bei dem das Hüten hunderter Schafen in der freien Landschaft allerdings leichter aussieht, als die Performance manch eines Städters, der bloß seinen Hund zum Spaziergang führt.

Namen haben Schricks Schafe übrigens nicht. Das wäre dem Wanderschäfer aus Beverungen dann doch zu persönlich.


In Erinnerung an die alte Schäfertradition findet am Sonntag, 10. September, von 10 bis 18 Uhr das Schäfer- und Hutefest auf dem Klostergelände Amelungsborn statt. Dabei stehen die wolligen Vierbeiner und alte Schäfertraditionen gemeinsam mit weiteren Nutztierrassen im Mittelpunkt des Geschehens. Zur Unterhaltung und Information tragen unter anderem Schauscheren und Hütevorführungen bei. Zudem präsentieren Handwerker ihre Künste und auch kulinarische Spezialitäten werden geboten.



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