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Bauernverband will Thema mit Infoabend versachlichen – doch im Publikum kochen die Emotionen

„Wir wollen den Wolf hier nicht“

BUCHHAGEN. Die Karte zeigt es deutlich: Im südlichen Niedersachsen unterhalb von Hannover gibt es zwar einige gemeldete Wolfsichtungen. Wolfsrudel wie im nördlichen Niedersachsen haben sich in diesem Gebiet aber noch nicht angesiedelt. Dennoch wogten die Emotionen hoch beim Thema Wolfsschutz von Weidetieren, zu dem der Bauernverband Weserbergland ins Gasthaus Mittendorf nach Buchhagen eingeladen hatte.

veröffentlicht am 15.09.2017 um 17:03 Uhr
aktualisiert am 15.09.2017 um 18:30 Uhr

Noch ist das Weserbergland kein Wolfsgebiet. Nach Ansicht vieler beunruhigter Tierhalter soll es das auch nicht werden. Foto: fn
Joachim Zieseniß

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Joachim Zieseniß Reporter Bodenwerder zur Autorenseite
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Zwischenrufe aufgebrachter Tierhalter wie „Wir wollen den Wolf hier nicht“ oder „Soll er sich doch an den Rindern in Friesland sattfressen“ unterbrachen immer wieder die Ausführungen von Frank Fass vom Wolfcenter Dörverden und Hartmut Schlepps vom Landvolk Niedersachsen. Beide versuchten, das emotional hoch aufgeladene Thema zu versachlichen. Was im gut besetzten Mittendorf-Saal jedoch nicht immer gelang, und einen Landwirt gar zum lautstarken Protest veranlasste, „hier bei der verharmlosenden und einlullenden Darstellung der Wolfproblematik wohl in der falschen Veranstaltung zu sein.“

Dabei hatte Bauernverbandschef Hermann Grupe zum Auftakt der Info-Veranstaltung ausdrücklich darum gebeten, an diesem Abend zu versuchen, Emotionen beiseite zu lassen, um sich dem Thema sachlich zu nähern. Man müsse beim Thema „Wolf in Niedersachsen“ versuchen, mit Gelassenheit zu den Fakten zurückzukommen – auch angesichts der Tatsache, dass Politik und Medien „das Thema spannend machen“.

Zurück zur Sachlichkeit sollte Hauptreferent Frank Faß führen. Faß ist Inhaber des Wolfcenter in Dörverden, das als unabhängiges Wolfkompetenzzentrum mit einer Mischung aus Zoo, modernem Museum, Kongresszentrum, Schule, Übernachtung und Restaurant firmiert und damit Freizeit-, Erlebnis- und Bildungselemente verbindet. Daneben hat es sich Faß zur Aufgabe gemacht, eine umfassende Öffentlichkeitsarbeit zu frei lebenden Wölfen in Deutschland zu leisten.

In Buchhagen lieferte der Wolfsspezialist aus Dörverden einen gut einstündigen Vortrag, in dem er versuchte, die schwarz-weiß geführte Wolfsdebatte zu glätten. Er machte deutlich, dass der Wunsch nach einem wolfsfreien Deutschland aufgrund der europäischen Gesetzeslage zwar nicht, einzelne Bejagung von Problemwölfen, die durch Menschen-Bedrohung oder Weidetier-Risse auffällig geworden sind, aber sehr wohl möglich ist. Faß: „Doch davon ist bislang nie Gebrauch gemacht worden.“ Ansonsten genieße der Wolf nach den FFH-Richtlinien „aber einen Schutzstatus, wie er besser nicht sein kann“.

Beim Thema Herdenschutz durch Zaunsysteme machte er klar, dass diese so aufwendig sein müssten, dass sie schwer finanzierbar und nur mit großem Arbeitseinsatz zu unterhalten seien. Was den Landvolk-Vorsitzenden Grupe zu der Bemerkung veranlasste, dass dann wohl nur das Gelände des KKW Grohnde absolut wolfssicher sei. Den Wunsch von Weidetierhaltern, den Wolf einfach unter Bejagung zu stellen, um so das Problem der Wolfsrisse zu lösen, beurteilt Faß angesichts der hohen Vermehrungsrate des Wolfes als Illusion: „Eine Bejagung wird nicht die Lösung für den Herdenschutz sein“ meinte der Referent, und dass man sich eben damit abfinden müsse, dass der Wolf eben künftig Deutschland zurückerobern werde.

Hartmut Schlepps vom niedersächsischen Landvolk plädierte angesichts der Tatsache, „dass mehr als die Hälfte der deutschen Wählerschaft nicht davon zu überzeugen wäre, dass der Wolf hier wieder ausgerottet wird“, für „ein aktives Wolfsmanagement“. Die Forderung: Einzeltiere in auffälligen Rudeln sollten mit Sendern versehen werden, um bei Vorkommnissen dann unbürokratisch einen Abschuss zu genehmigen. Zur Entschädigung von Besitzern gerissener Tiere sollte das Verfahren ohne DNA-Nachweis vereinfacht werden, so der Landvolk-Sprecher.

Gestern Abend entzündeten Weidetierhalter in Gellersen ein Mahnfeuer gegen die weitere Ausbreitung von Wölfen im Weserbergland.

Mein Standpunkt
Joachim Zieseniß
Von Joachim Zieseniß

Der Wunsch des Bauernverbandes Weserbergland, das Thema „Wolf in Niedersachsen“ emotionslos anzugehen und einfach mal die Fakten sprechen zu lassen, dürfte der richtige Ansatz sein, sich dem mittlerweile offensichtlich unabwendbaren Problem zu stellen. Die Reaktionen aus den Reihen der betroffenen Landwirte ließ das jedoch nur teilweise gelingen. Wobei die gezeigten Fotos von Wolfsrissen auch verständlich machen, dass man sich als Halter solchen Stress und solche Bilder seiner Tiere gern ersparen möchte.

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