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Das etwas andere Handwerk: Frank Litterscheid setzt Noten

Wenn Töne lautlos sind

Hehlen. Klack, klack, klack – sonst ist nichts zu hören, nur noch das monotone Surren des Computers. Frank Litterscheid schreibt mit seinem Keyboard Noten direkt in den PC, mitunter Partitionen für große Orchester. Aber beim Notensetzen macht es immer nur klack, klack, klack, wenn er die Tasten des stummen Instruments drückt. Es ist nicht unwahrscheinlich, Ergebnisse des Hehleners in Händen zu halten. Für sechs Verlage ist er tätig, erstellt Gesangbücher und Schulungshefte und arbeitete auch schon mit dem Liedermacher Rolf Zuckowski zusammen.

veröffentlicht am 10.02.2016 um 16:44 Uhr
aktualisiert am 26.10.2016 um 08:53 Uhr

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Autor:

VON CHRISTOPH SCHNURPFEIL
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Wenn neue Veröffentlichungen mit Noten entstehen, ist sein Handwerk gefragt. Nicht nur bei handschriftlichen Aufzeichnungen von klassischen oder zeitgenössischen Komponisten. „Vorhandenes Material einfach nur kopieren und einfügen, das geht nicht“, erklärt Litterscheid, denn Notensysteme müssen immer ans Layout angepasst werden. Wieder klackert rasch die Tastatur. Auf dem Bildschirm erscheinen auf den Notenlinien ein Violinschlüssel, Vorzeichen, Pausen und eben jene kleinen Ovale, mal hohl, mal schwarz gefüllt. Akribisch legt Litterscheid die Abstände von Takten und Noten fest, wie lang die Notenhälse sein sollen, wo Bindebögen ansetzen und welche Krümmung sie haben. „Vielfach machen die Verlage genaue Vorgaben“, erläutert der Notensetzer. „Das ist manchmal eine ganz schöne Frickelei.“ Die machte der gebürtige Rheinländer 1998 zu seinem Beruf. Und was dabei nicht alles zu beachten ist: Kurz vorm Ende einer Melodie sollte keine neue Zeile mehr beginnen, keine neue Seite, wenn nur noch wenige Takte zum Stück gehören. Ach, und an die Streicher ist zu denken, weil sie ja nicht gleichzeitig spielen und umblättern können. Da gilt es, günstige Stellen abzupassen.

Text für Gesang gehört ordentlich unter die Noten, Silbe für Silbe, Strophe für Strophe, möglichst passend auf der Seite, damit im Buch keine großen weißen Lücken klaffen. Die Funktionalität der Notensysteme macht ihn erst möglich, den Traum von Musik, die mal im kleinen Rahmen spielt und manchmal ganze Konzertsäle füllt. Doch es scheint, als bewege sich Frank Litterscheid in einer ganz anderen Welt, wenn er für klangvolle Stücke zurückgezogen in seinem Souterrain-Büro an den Werken tüftelt und die Tasten seines tonlosen Keyboards drückt. Seit dem Jahr 2000 arbeitet er von Hehlen aus. Da brachte er seinen Rechner schon mit. „Das ist eine alte Schlurre“, stellt Litterscheid ihn mit einer Kopfbewegung vor und erklärt so gleichzeitig das unüberhörbare Geräusch dessen Lüfters. Ob er sich Tonfolgen im Kopf vorstelle? „Nur bei einfachen Melodien“, sagt der Hehlener. „Sonst nicht.“ Die „alte Schlurre“ arbeitet noch mit dem Betriebssystem DOS, doch sie und Litterscheid sind eine eingeschworene Gemeinschaft. „Auf den neuen Rechnern läuft die Software nicht“, sagt der 48-Jährige. „Es gibt zwar neue Programme, aber die können es nicht so schön.“ Und genau darum geht es: Litterscheid will nicht nur, dass die Noten für die Musiker leicht spielbar sind. Gesamtausgaben, Notenhefte, -bücher, Partitionen und Einzelstimmen, also die speziellen Noten für die Instrumente im Orchester, sollen auch edel aussehen. So wird aus den Noten und der daraus entstehenden Musik ein Gesamtkunstwerk. Seine Akribie brachte Litterscheid schon Preise ein. 2007 etwa den Deutschen Musikeditionspreis für ein Songbook. „Den habe ich aber nicht alleine gewonnen“, gibt sich der studierte Kulturpädagoge bescheiden, auch wenn das übersichtliche Notenbild hervorgehoben worden sei. Doch das Ergebnis beruhe immer auch auf der Teamarbeit von Notensetzer und Lektoren, Autoren, Herausgebern und Korrektoren. Dass dabei eine Menge schief gehen kann, hat Litterscheid schon einmal leidvoll erfahren: „Es war eine Katastrophe“, blickt er heute lächelnd auf ein Gesangbuch zurück, das er vor Jahren erstellte. „Die Manuskripte kamen kunterbunt durcheinander. Fertige Stücke flogen heraus, andere kamen hinzu. Bei manchen fehlte der Schluss, dann Wiederholungen und zum Teil waren Tonarten falsch.“ Fatal, denn eine Seite nimmt den Notensetzer eine Dreiviertelstunde und mehr in Beschlag. Sonst nimmt Litterscheid ein Werk gerne nochmal in die Hand. Dieses stellte er sofort ins Regal. Wortlos.

Info: Trotz Buchdrucks – Notensatz ist mühsame Fleißarbeit

Für die Medienlandschaft war sie eine Revolution, für die Profession der Notensetzer allenfalls ein „Revolutiönchen“. Trotz Johannes Gutenbergs Erfindung des modernen Buchdrucks mit Metalllettern und Druckerpresse um 1436 blieb der Notensatz eine mühsame Fleißarbeit. Zwar war es danach möglich, Noten mittels beweglicher Typen zu vervielfältigen – bis in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts gab es dafür nur einen Weg, nämlich handschriftlich.

Aber der Aufwand blieb immens: So druckten einige Setzer Notenlinien, Notenzeichen und Text in mehreren Druckgängen. Andere stellten einzelne Typen aus Linien und Zeichen her, was aber zu unschönen Lücken in den Notenlinien führte. Zudem wurden die Notationen noch komplizierter. Deshalb nutzten Kunstschaffende den Kupferstich: Sie übertrugen ölgetränkte Vorlagen spiegelverkehrt auf wachsbeschichtete Druckmatrizen, die Kupfersteher schließlich weiterverarbeiteten. 1730 entwickelte sich mit der Erfindung von Stahlstempeln die Zunft der Notenstecher.

Auch Frank Litterscheid kennt noch persönlich einen Notenstecher aus Leipzig. Softwarelösungen für den Notensatz wurden im Vergleich zum Textsatz ebenfalls sehr spät entwickelt. 1971 ist das erste Musikstück im Computersatz erschienen. Zwar gibt es heute viele günstige Programme auch für Laien, Kritiker bemerken aber, dass am PC gesetzte Noten oft unästhetisch aussehen.



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