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Schutz für Biotopbäume vor der Motorsäge

Wenn im Wald Zeichen gesetzt werden

Bodenwerder. Bewaffnet mit Hammer, Aluminiumnägeln und ovalen, grün-weiß bedruckten Metallplatten kämpfen sich derzeit in Bodenwerders Stadtwald drei Männer durchs dichte Unterholz: Bauhofmitarbeiter Ingo Hein, Bezirksförster Dieter Scholz vom Landwirtschaftskammer-Forstamt Südniedersachsen und PEFC-Regionalassistent Sebastian Schlag setzen im Forst der Münchhausenstadt an alten Buchen und Eichen Zeichen; die garantieren ihren Trägern als Biotopbäumen Schutz vor der Motorsäge, bis sie von selbst zusammenbrechen und vermodern. Und damit bescheinigen sie ihrerseits dem Stadtwald eine ökologische, ökonomisch und sozial nachhaltige Forstwirtschaft, wie Bezirksförster Scholz erklärt.

veröffentlicht am 12.02.2016 um 17:12 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:37 Uhr

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Joachim Zieseniß

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Joachim Zieseniß Reporter Coppenbrügge-Salzhemmendorf zur Autorenseite
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Der Stadtforst Bodenwerder hat eine Größe von rund 200 Hektar. Seit 1993 wird der Wald nach Aufgabe eines eigenen Stadtforstamtes von der Landwirtschaftskammer über dessen Bezirksförsterei Hils-Vogler-Ost betreut. Seit dem Jahr 2000 unterliegt der Stadtwald den PEFC-Kriterien. Und nach denen werden in einem PEFC-Wald zwei bis fünf alte Bäume pro Hektar als Biotopbäume ausgewiesen, die forstwirtschaftlich dann nicht mehr genutzt werden. „Rechnet man dessen fünf Festmeter Holz nur zum Industrieholz-Preis, verschenkt die Stadt mit jedem dieser Bäume rund 250 Euro, rechnet Scholz vor. Andererseits sei aber auch zu bedenken: „Eine alte Eiche oder Buche kann Lebensraum für bis zu 800 verschiedene Arten sein“, erklärt der Forstamtmann, und dass es im Besonderen auch um den Artenschutz des Schwarzspechts geht.

Doch nützt die Zertifizierung nicht nur der Natur, wie die Fachleute klarmachen. Holz aus Wäldern mit dem PEFC-Siegel stamme nachweislich aus in regelmäßigen Abständen von unabhängigen Kontrolleuren überprüfter nachhaltiger Forstwirtschaft, erklärt Sebastian Schlag: Und immer mehr Kunden legten heute Wert auf Endprodukte, die aus solch ganzheitlicher Bewirtschaftungsweise stammen – vom Möbelstück bis hin zum Papiertaschentusch. Das wissen heute auch die Holzeinkäufer, die nur noch zertifizierte Stämme aus den Waldrevieren holen wollen. Für Holz ohne Güte-Kriterien, welche die europäischen Forstminister zum Schutze der Wälder erarbeitet haben und worauf das PEFC-Siegel basiert, gäbe es heute bereits Preisabschläge, weiß Bezirksförster Dieter Scholz: „Die Käufer wollen immer öfter wissen, woher ihre Waren stammen und wie sie produziert worden sind.“ Die Holz- und Papierindustrie gehe wegen der hohen Nachfrage durch die Kunden immer mehr dazu über, nur noch zertifiziertes Holz zu verwenden. Und daraus entständen letztendlich nicht nur für Specht und Haselmaus, Käfer, Flechten und Pilze eine Überlebenschance; auch für den Waldbesitzer Münchhausenstadt Bodenwerder ergäben sich eindeutig wirtschaftliche Marktvorteile, erläutert PEFC-Regionalassistent Sebastian Schlag. In Bodenwerder wird das Bekenntnis zum Waldschutz künftig durch die Biotopbaum-Plaketten nun für jeden Waldbesucher sichtbar. Wer allerdings demnächst zum Winter- oder Frühlingsspaziergang durch Bodenwerders Stadtwald aufbricht, um nach den neuen Gütesiegeln Ausschau zu halten, muss die gewohnten Wege verlassen: Aus Gründen der Verkehrssicherheit für die Waldbesucher werden ehrwürdige Biotop-Veteranen nämlich nicht direkt an Wegen und Plätzen ausgewiesen, da mit gefährlichen Astbrüchen der sich selbst überlassenen Bäume gerechnet werden muss. Daher finden sich solche Bäume meist versteckter im Inneren der Bestände. Doch schon an den Eingängen zu den Wald- und Wanderwegen weisen künftig neue Schilder darauf hin, dass sich die Stadt Bodenwerder durch Unterschrift verpflichtet hat, die PEFC-Standarts zu beachten und umzusetzen.

Info: Weltweiter Wald-TÜV

PEFC ist ein transparentes und unabhängiges System zur Sicherstellung einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung und damit ein weltweiter „Wald-TÜV“. PEFC ist die Abkürzung für die englische Bezeichnung „Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes“, also ein „Programm für die Anerkennung von Forstzertifizierungssystemen“. Waldzertifizierung nach den Standards von PEFC basiert auf den sehr strengen Richtlinien für die nachhaltige Bewirtschaftung von Wäldern. Diese Bewirtschaftung wird durch kompetente und unabhängige Organisationen kontrolliert. Trägt ein Produkt aus Holz das PEFC-Siegel, dann heißt das: Die gesamte Produktherstellung – vom Rohstoff bis zum gebrauchsfertigen Endprodukt – ist zertifiziert und wird durch unabhängige Gutachter kontrolliert. In Deutschland sind 7,3 Millionen Hektar Wald PEFC-zertifiziert. Das entspricht rund zwei Dritteln der deutschen Wälder. Darüber hinaus hat sich PEFC zu einer globalen Organisation gegen Wald-Raubbau entwickelt. Heute werden auf der ganzen Welt bereits rund 240 Millionen Hektar Wald nach den Standards bewirtschaftet.joa

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  • Schwarzspecht Foto: dpa
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  • Sebastian Schlag, Ingo Hein und Dieter Scholz setzen Zeichen. Fotos: joa(2)


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