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Sajad und seine Familie haben in Bodenwerder eine neue Heimat gefunden

Weihnachten ohne Angst

BODENWERDER. Weihnachten nur aus dem Fernsehen zu kennen und nur über verbotene ausländische Sender, ist für uns Europäer kaum vorstellbar. Doch Sajad, Mehnoosh und ihr Sohn Yasin kannten das christliche Fest nur aus dem Fernsehen. In ihrer Heimat, dem islamisch geprägten Iran, gibt es kein Weihnachten. Kein Wunder, denn der Anteil der Christen beträgt hier weniger als ein Prozent.

veröffentlicht am 22.12.2017 um 15:25 Uhr

Sajad Moghadam und seine Familie freuen sich auf Weihnachten. Foto: kb
Beißner

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Karin Beißner Reporterin
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Wer als Christ geboren wurde, hat nichts zu befürchten, wenn er das Fest feiert. Bei Sajad und seiner kleinen Familie war das jedoch ganz anders. Sie wurden als Muslime geboren, lernten durch Freunde das Christentum kennen und konvertierten, um nach dem neuen Glauben zu leben. Damit gingen sie jedoch ein hohes Risiko ein, denn sich vom Islam abzuwenden, bedeutete die Todesstrafe. Als Persisch sprechende Bevölkerung waren sie besonders gefährdet und ihre persische Bibel mussten sie stets gut versteckt halten. In allem was sie taten hieß es vorsichtig zu sein und an das Feiern des Weihnachtsfestes war deshalb gar nicht zu denken. Als die Polizei ihnen als Konvertiten auf der Spur war, konnten sie rechtzeitig fliehen. Über die Türkei gelangten sie in einem mit 70 Insassen völlig überladenen nur sechs Meter langen Boot unter lebensbedrohlichen Bedingungen zur griechischen Insel Lesbos. Mitte November 2015 erreichten sie Deutschland und das Aufnahmelager in Bad Fallingbostel.

„Wir wurden dort sehr gut betreut, bekamen viele Informationen in unserer Sprache und lernten auch schon Deutsch“, erzählt Sajad. Die Vorweihnachtszeit brach an, überall wurden die Straßen und Läden geschmückt. Das war völlig neu für die Asylbewerber, sie waren fasziniert von all dem Glanz und Glitzer. Das erste Foto zeigt Sajad und Mehnoosh vor einem riesigen, üppig behängten Weihnachtsbaum in einem Einkaufszentrum. Auch einen Weihnachtsmarkt lernten sie kennen und wurden dort spontan von einer deutschen Familie zu einem Glas Glühwein eingeladen. Die ersten Wochen in der neuen Heimat waren für die Flüchtlingsfamilie einfach überwältigend - eintauchen in eine andere Kultur und dann noch in der Vorweihnachtszeit! Nun konnten sie zum ersten Mal ohne Angst eine Kirche besuchen. Bislang kannten sie ein Gotteshaus von innen ja nur aus Filmen. „Jesus lebt in Deutschland haben wir da gedacht“, sagt Sajad, „wir waren unendlich glücklich und dankbar.“ An das erste Weihnachtsfest hat die Familie eine sehr gute Erinnerung. „Im Lager gab es einen Weihnachtsbaum und in der Kantine leckeres Essen“, berichtet Mehnoosh, „und man hat uns erklärt, wie das Fest abläuft.“ Für alle christlichen Perser gab es eine besondere Feier und deutsche und persische Frauen haben zusammen gekocht. Und dass sie bei einer deutschen Familie zum Reh-Essen eingeladen wurden, haben sie in besonderer Erinnerung.

Es war gar nicht so schwer, hier Fuß zu fassen, wir haben von allen Seiten sehr viel Hilfe bekommen, dafür sind wir sehr dankbar.

Sajad Moghadam

Die Zeit im Aufnahmelager dauerte für die Flüchtlingsfamilie nur zwei Monate, dann kamen sie nach Bodenwerder und fanden Unterkunft in einer kleinen Wohnung. Von ihren Vermietern und der Bevölkerung wurden sie bei ihrer Eingliederung tatkräftig unterstützt. „Es war gar nicht so schwer, hier Fuß zu fassen“, erzählt Sajad, „wir haben von allen Seiten sehr viel Hilfe bekommen, dafür sind wir sehr dankbar.“ Da Sajad und Mehnoosh aber auch sehr offen auf die Menschen zugingen, sich in die Kirchengemeinde integrierten und intensiv Deutsch lernten, waren sie überall gern gesehen. Außerdem hatte die Familie, die sich im November 2016 um Kristina vergrößerte hat, das Glück, Uta und Abbas kennenzulernen. Er stammt ebenfalls aus dem Iran, lebt schon seit vielen Jahren in Deutschland und spricht Persisch, die Muttersprache der Flüchtlingsfamilie. Abbas konnte ihnen alle Fragen des täglichen Lebens beantworten und durch Uta lernten sie deutsche Gepflogenheiten kennen, unter anderem auch die Bräuche um das Weihnachtsfest. In der neuen, durch den Familienzuwachs notwendig gewordenen größeren Wohnung, schmückten Lichter, weihnachtliche Figuren und ein ganz kleiner künstlicher Tannenbaum das Wohnzimmer. Einen größeren bunt geschmückten Weihnachtsbaum konnten sie am ersten Weihnachtstag bestaunen, als sie bei Uta und Abbas zum Essen eingeladen waren. Der vierjährige Yasin bekam große Augen, stand doch unter dem Tannenbaum ein Schlitten mit bunten Päckchen. Der Weihnachtsmann hatte für die Familie Geschenke zurückgelassen.

In diesem Jahr erlebt die Familie schon das zweite Weihnachtsfest in Bodenwerder. Inzwischen sind sie angekommen, fühlen sich hier sehr wohl, wollen unbedingt bleiben. Inzwischen sprechen alle sehr gut Deutsch und für Sajad war die Krönung, dass er im November das große Messias-Konzert der Kantorei in seiner neuen Sprache mitsingen konnte.

Ein ganz besonderes Geschenk gab es für die Familie schon vor Weihnachten, sie haben eine Aufenthaltserlaubnis und dürfen bleiben.

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