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Der oberste Waidmann Ludwig Hundertmark verrät die Probleme der Tiere im kalten Winter

Warum Jäger hungriges Wild füttern müssen

Halle. Dieser Winter verlangt einiges von den Menschen ab: Schon wochenlang hält die Kälte mit Minusgraden, Glätte auf den Straßen und Rutschgefahr auf den vereisten Gehwegen die Menschen in Schach. Während sich Menschen jedoch mit dicken Wintermänteln gegen die Kälte rüsten können oder heißen Tee vor dem warmen Ofen schlürfen können, ist das Überleben für viele Tiere in einem strengen Winter wie diesem weitaus schwieriger.

veröffentlicht am 12.02.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 19:21 Uhr

Fütterzeit mit Ludwig Hundertmark: Am Tönniesberg fährt er mit e

Autor:

Caroline Düvel
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Einer, der sich um das Wild im Wald kümmert, ist Ludwig Hundertmark. Der 68 Jahre alte Haller ist nicht nur selbst Jäger und Revierinhaber, sondern hat in Verbindung mit seiner Passion gleich zwei Posten inne: Er ist Kreisvorsitzender der Jägerschaft Holzminden, dem Zusammenschluss der Jäger des Landkreises, und gleichzeitig auch Kreisjägermeister. „Die Leute denken bei ‚Jäger‘ immer zuerst an Jagd im Wald“, sagt Ludwig Hundertmark, „dabei sind die Aufgaben eines Jägers und Revierinhabers sehr vielfältig, Jagd allein macht da nur 10 Prozent aus“, erklärt er.

In diesem Winter stehe ganz besonders die Versorgung des Wildes mit zusätzlichem Futter im Mittelpunkt, also die Wildbestandspflege und -erhaltung. Jeder Jäger sei derzeit moralisch verpflichtet, zu füttern, appelliert der Vorsitzende. Die Böden sind so tief gefroren und vereist, dass zum Beispiel Rehe, die am Waldrand auf den Äckern äsen, kaum mehr etwas zu fressen finden, auch im Waldesinneren gibt es keine Eicheln oder Bucheckern mehr. „Deshalb müssen sie mit ihren Vorderläufen die Aussaaten auf den Feldern, wie zum Beispiel erste Raps- oder Getreidetriebe, freischlagen. Das ist kein Problem, wenn Pulverschnee die Erde bedeckt, aber unter einer dicken Eisschicht, wie sie momentan liegt, ist die Gefahr groß, dass sie sich bei diesem Blankkratzen ihre Vorderläufe verletzen und blutig schlagen“, erklärt der Wildexperte. Das Füttern ist somit also auch eine Vorsorge, um es erst gar nicht so weit kommen zu lassen, dass sich die Tiere verletzen und dadurch noch geschwächter sind als ohnehin schon.

Dabei kann die Wildfütterung jedoch nicht nach Gutdünken stattfinden, sondern ist präzise im niedersächsischen Jagdgesetz geregelt. Darin heißt es im Paragraf 32 Absatz 1: „Wenn Wild Not leidet (Notzeit), ist für seine ausreichende artgerechte Ernährung zu sorgen, (…) der Kreisjägermeister gibt Beginn und Ende einer Notzeit für die betroffenen Bereiche bekannt.“ Eben so eine Notzeit hat Ludwig Hundertmark bereits im Januar ausgerufen. Dahinter steckt Folgendes: In der Notzeit darf nicht gejagt werden, obwohl der Januar traditionell ein Jagdmonat auch für „Schalenwild“ ist, wie die Geweihträger wie Rehe oder aber Wildschweine aufgrund ihrer Klauen, den „Schalen“, von den Jägern genannt werden.

Aus dem Futter legt er eine Spur aus Getreidespreu, verlängert m
  • Aus dem Futter legt er eine Spur aus Getreidespreu, verlängert mit Stroh.

Füttern statt Jagen steht nun also auch noch im Februar im Mittelpunkt von Hundertmarks Aufgaben. Artgerechtes Futter ist dabei im Prinzip alles, was in der Region wächst, zum Beispiel Getreide verlängert mit Spreuresten, Mais, Raps, Blätter oder Kräuter, solange es im natürlichen Zustand belassen wird, Getreide beispielsweise, das nicht geschrotet wird. Hier klärt Hundertmark einen weiteren Punkt: Es hat wenig Sinn, Kastanien an das Wild zu verfüttern, da zum Beispiel Rehe gar keine Kauwerkzeuge haben, um diese harten Früchte zu zerkauen und auch Wildschweine Kastanien nicht besonders mögen. Statt wie noch vor einigen Jahren das Futter in extra dafür vorgesehene Krippen im Wald zu verteilen, geht die Jägerschaft heute anders vor: An den Krippen hätten die starken Rehböcke meist das Futter für sich beansprucht und andere, schwächere Tiere abgedrängt, die davon nichts mehr abbekommen hätten, sagt Hundertmark. Deshalb erfolgt heute eine breitere Streuung zur gerechteren Verteilung des Futters auf Wegen, gar nicht mehr in Krippen, wie es auch das aktuelle Jagdgesetz vorschreibt. Fünf solcher festen Futterplätze hat Hundertmark in seinem Revier rund um Halle im Tönniesberg und am Ith, zu denen er mit anderen Jägern jeden zweiten Tag fährt, um neues Futter aufzufüllen und zu kontrollieren. Der Kreisjägermeister rechnet damit, bei diesen strengen Temperaturen mindestens bis Mitte März das Wild versorgen zu müssen.

Eine Sache liegt ihm noch besonders am Herzen: Im Namen der Jägerschaft bittet er alle Wintersportler, beim Skifahren, Wandern oder Schlittenfahren doch bitte auf den Waldwegen zu bleiben, um die Tiere in ihren Schonungen nicht zu erschrecken. Auch Hundebesitzer sollten ihre Hunde stets angeleint im Wald spazieren führen.

Ein Aufschrecken der ruhenden Tiere und das plötzliche Auslösen einer Stresssituation würden viele Tiere momentan kaum verkraften und auf der Flucht geschwächt zusammenbrechen und verenden.

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