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Schreiner und Instrumentenbauer Moritz Dortmund folgt einer alten Tradition und geht auf die Walz

Wanderschaft ins Ungewisse

HEHLEN. Mit der Walz beginnt für Moritz Dortmund eine aufregende Zeit voller Entbehrungen aber auch voller neuer Erfahrungen. Doch zunächst muss er in Hehlen noch rituell Abschied nehmen. Drei Jahren und einen Tag darf der junge Harfenbauer seinem Heimatort nicht näher als 50 Kilometer Luftlinie kommen.

veröffentlicht am 04.10.2017 um 12:46 Uhr
aktualisiert am 04.10.2017 um 19:20 Uhr

Höhepunkt des Abschiedsrituals: Moritz klettert auf das Ortsschild von Hehlen, um sich anschließend in die Arme wandernder Gesellen fallen zu lassen. Foto:ms
Maike Lina Schaper

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Maike Lina Schaper Reporterin zur Autorenseite
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HEHLEN. Die Autofahrer auf der B 83 gucken nicht schlecht, als eine Traube von jungen Männern und Frauen gekleidet in traditioneller Handwerkerkluft das Ortsschild von Hehlen umlagert. Dort spielt sich eine nicht alltägliche Szene ab: Ein junger Harfenbauer wird auf die Walz gebracht. Mehrere Gesellen, die schon länger auf Reisen sind, sind extra angereist, um Moritz Dortmund ein erstes Stück auf seinem Weg zu begleiten. Mit der Walz beginnt für den 27-jährigen Gesellen eine aufregende Zeit voller Entbehrungen aber auch voller neuer Erfahrungen. Doch zunächst muss er in Hehlen noch ein spezielles Abschiedsritual durchlaufen.

Auf der Walz verbringen Handwerksgesellen ganz besondere Jahre. Sie ziehen umher, suchen sich mal hier und mal dort Arbeit. Mehr als drei Monate sind sie nicht am selben Ort. Ihrem Heimatort dürfen sie nicht näher als 50 Kilometer Luftlinie kommen, wo sie in der Nacht schlafen werden, das wissen sie an vielen Tagen nicht. Manchmal endet der Tag im Vorraum einer Bankfiliale, manchmal in einem Haus mit Meerblick. Für Unterkunft und Fortbewegung darf ein Geselle auf der Walz kein Geld ausgeben. Meist ist ein „goldener Daumen“ beim Trampen gefragt.

Mindestens drei Jahre und einen Tag lang darf Moritz nicht zurück oder auch nur in die Nähe von Hehlen kommen. Die Einschränkungen, die auf ihn zukommen, würden ihm aber keine Angst machen, sagt er selbstbewusst. Er wisse zwar, dass es häufig unbequem werden wird, „aber da muss man durch.“ Warum sich der gelernte Schreiner und Instrumentenbauer für diesen Weg entschieden hat, das könne er gar nicht richtig in Worten ausdrücken. „Es gibt viele Gründe, auf die Walz zu gehen“, sagt Moritz. Nicht nur, dass er Lust darauf habe, er schaue auch einfach gern über den Tellerrand.

In einem Loch vor dem Ortsschild werden Schnaps und gute Wünsche vergraben. Foto: ms
  • In einem Loch vor dem Ortsschild werden Schnaps und gute Wünsche vergraben. Foto: ms
Los geht‘s – Moritz wird auf die Walz gebracht. Ein Altgeselle steht ihm in den ersten drei Monaten seiner Reise zur Seite. Foto: ms
  • Los geht‘s – Moritz wird auf die Walz gebracht. Ein Altgeselle steht ihm in den ersten drei Monaten seiner Reise zur Seite. Foto: ms

Dass die Zeit auf der Walz, die eigene Sicht der Dinge verändert, hat Wandergeselle Jonathan schon erlebt. Der Tischler aus Kiel ist bereits seit drei Jahren und vier Monaten auf der Walz und gemeinsam mit mehreren anderen Gesellen unterschiedlichster Gewerke in Hehlen dabei, um Moritz an seinem großen Tag zu verabschieden und ihn mit in eine andere Welt zu nehmen, die ein starkes Kontrastprogramm zu dem Alltag ist, den die meisten Menschen hierzulande leben.

Wie sehr die Walz einen verändert, das kann auch Jonathan nicht in Worte fassen. Aber eines ist für ihn klar: „Ich habe richtig viel gelernt“. Er war nicht nur in Deutschland unterwegs, auch von Erlebnissen in Irland und auf dem Balkan berichtet er. Die Walz ist – bis auf die Bannmeile um den Heimatort – räumlich nicht beschränkt. Wer als Wandergeselle irgendwo fremd ist, sich nicht auskennt und kein Handy dabei hat – auch das muss zuhause bleiben – der muss zwangsläufig lernen, auf Menschen zuzugehen, sagt Jonathan. Als Türöffner helfe da aber auch die Kleidung der Gesellen. Ihre Kluft tragen sie jeden Tag. Ausnahmen – Freizeitveranstaltungen in Jeans zum Beispiel – sind nicht vorgesehen. Auch das gehört zur Walz.

Viel Auswahl an Kleidung würde auch gar nicht ins Gepäck passen. Zum einen müssen die Gesellen alles selbst tragen, zum anderen bietet die Tragehilfe nicht allzu viel Platz. Wandergesellen packen ihre Habseligkeiten in ein bedrucktes Tuch ein – das Charlottenburger, kurz Charlie genannt. Schon aus praktischen Gründen sollte das Gepäck also schmal ausfallen. Kontakt zu Familie und Freunden ist übrigens erlaubt, ohne eigenes Handy allerdings deutlich eingeschränkt.

Und noch ein paar Einschränkungen gibt es. So darf überhaupt nur auf die Walz gehen, wer noch keine 30 Jahre alt ist und frei. Dazu gehört es, ledig zu sein und keine Schulden oder Verantwortung beispielsweise für Frau und Kinder zu haben.

Bevor sich Moritz in Hehlen auf den Weg macht, muss er eine Reihe an Aufgaben bewältigen. Die wohl schwierigste an diesem Morgen ist das Buddeln eines 80 Zentimeter tiefen Loches vor dem Ortsschild. Ein Prozess, der sich dank vieler kleiner und größerer Steine in der Erde in die Länge zieht. Im Loch werden zwei Flaschen vergraben – eine mit Schnaps und eine leere mit handgeschriebenen Wünschen der umstehenden Familienmitglieder, Freunde und Gesellen.

Danach wird es sportlich – Moritz muss aufs Ortsschild klettern und sich von dort in die Arme der Gesellen fallen lassen. Ein Ritual mit deutlicher Symbolik, das allerdings auch einiges an Überwindung erfordert. Moritz zumindest ist sie anzusehen. Am Boden angekommen drehen ihn die Gesellen sogleich mit dem Rücken zum Schild – umdrehen darf er sich jetzt nicht mehr. Hehlen liegt für die nächsten Jahre hinter Moritz.

Es gibt viele Gründe, auf die Walz zu gehen.

Moritz Dortmund, Schreiner und Instrumentenbauer

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