weather-image
22°
Museum feiert 75 Jahre Münchhausen-Zimmer / Viel Lob für kontinuierliche Weiterentwicklung

Von „ollet Kram“ zum urigen Erzählzimmer

Bodenwerder. 75 Jahre Münchhausen-Zimmer – die Feierstunde im Obergeschoss der historischen „Schulenburg“ gestaltet sich zum Abend der Komplimente. „Dieses wunderbare Museum schmückt auch unseren Familiennamen“, bekennt Matthias Freiherr von Münchhausen. Der Vorsitzende des Familienverbandes ist mit seinem Sohn Philipp in die Geburtsstadt seines berühmten Familienmitgliedes Hieronymus Karl Friedrich von Münchhausen (1720-1797) gereist – und will spätestens zur Münchhausen-Preisverleihung am 5. Mai wieder kommen.

veröffentlicht am 02.04.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 01:41 Uhr

270_008_5372872_Muench.jpg

Autor:

Sabine Weiße
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Als „Wohnzimmer des Freundeskreises“ bezeichnet Helmut Kühn, Vorsitzender der Gutshof-Freunde, das Museum. Anerkennung drückt auch der Berliner Verleger und Münchhausen-Forscher Helmut Scherer aus: „Mein Kompliment, wie Sie Ihr Museum weiterentwickelt haben.“ Von früheren Besuchen an der Weser erinnert er sich noch gut an das kleine, gemütliche Münchhausen-Zimmer, das im Seitenbereich des Rathauses untergebracht war.

Eingerichtet worden war das „Erinnerungszimmer“, wie es damals genannt wurde, auf Initiative des Stadtangestellten Ludwig Bode. Pünktlich zur 650-Jahr-Feier der Stadt Bodenwerder im Jahr 1937 hatte Malermeister Georg Bedey die Wände mit Motiven der bekanntesten Jagd- und Abenteuer-Geschichten dekoriert, wurden Gewehre, Säbel und Jagdtrophäen, ein paar Dokumente und Münchhausen-Bücher zusammengestellt.

„An die ganz besondere Atmosphäre erinnern sich noch viele von uns. Die Möbel, die heute im neuen Museum ihren Platz haben, verwandelten das Zimmer in einen gemütlichen Wohnraum“, so der ehrenamtlich tätige Heimatpfleger und Museumsleiter Werner Koch in seiner Rückschau. Vor allem von der Erzählkunst der engagierten und talentierten Museumsmitarbeiter habe dieser Raum gelebt, der gern auch liebevoll als „unser Erzählzimmer“ angepriesen wurde.

270_008_5372873_muench1.jpg
  • Das 1937 eingerichtete Münchhausen-Erinnerungszimmer hatte das Flair eines gemütlichen Wohnraums. Ein Gemälde erinnert daran.

Im Jahr 1964 hatte Ludwig Bode in der ehemaligen Branntweinbrennerei des Gutshofes, dem heutigen Bürgerbüro, zusätzlich ein Heimatmuseum eröffnet. „Seit den 60er Jahren übten die zwei Einrichtungen große Anziehungskraft aus. Bis zu 30 000 Besucher, vor allem Schulklassen und Bus-Reisegruppen, wurden in beiden Museen jährlich gezählt“, erinnert sich Koch. In den 90ern allerdings kamen nur noch 17000 bis 18 000.

Mit der Einstellung der Museumspädagogin Thekla Gehrmann 1991 nahm ein zeitgemäßes museumspädagogisches Konzept Formen an – und der zunächst von vielen Bürgern und Kommunalpolitikern als abwegig bewertete Gedanke, die seit Jahrzehnten kaum beachtete und immer stärker verfallende „Schulenburg“ aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. Heftig diskutiert wurde damals die Sanierung des im Kern mittelalterlichen Steinhauses, das mit großer Wahrscheinlichkeit einmal die Stadtburg von Bodenwerder war. Hieronymus von Münchhausen und seine Frau Jacobina hatten das vermutlich als Scheune genutzte Gebäude 1772 erweitern lassen. Werner Koch: „Bei vier Gegenstimmen und einer Enthaltung beschloss der Stadtrat 1998 dann doch, eine halbe Million D-Mark für die Sanierung bereitzustellen.“ Das war längst nicht genug Geld. Vor allem der damalige Stadtdirektor Herbert Bröckel bewies Leidenschaft und Überzeugungskraft beim Einwerben von Fördermitteln und Spenden, holte zahlreiche Sponsoren ins Boot. „Sie sind so wichtig wie der Kraftstoff fürs Auto“, schmeichelte denn auch Museumsleiter Werner Koch den an diesem Abend sehr zahlreich erschienenen Sponsoren aus der regionalen Wirtschaft, den Vertretern von Stiftungen, den Gutshof-Freunden, aber auch den vielen treuen, privaten Förderern und Freunden des Museums.

Im Jahr 2003 eröffnet, befinden sich seitdem die beiden musealen Einrichtungen unter einem Dach, im „Münchhausen-Museum in der Schulenburg“. Auch wenn die unglaublichen Münchhausen-Geschichten die Besucher zum Lachen bringen sollen: Wie schon seine 2002 verstorbene Vorgängerin Thekla Gehrmann, setzt auch Werner Koch großen Elan daran, den Freiherrn vom Ruch des Unseriösen („Lügenbaron“) zu befreien. Man pflegt Kontakte zu Münchhausen-Forschern und Museen in aller Welt und bemüht sich, ein Bild vom weltberühmten Freiherrn zu zeichnen, das einer wissenschaftlichen Überprüfung standhält. „Seinen Lebensweg können wir mittlerweile fast lückenlos dokumentieren“, so Koch. Er und sein Museumsteam unternehmen Bildungsreisen zu Münchhausens Wirkungsstätten und Lebensstationen, um die jährlich rund 21 000 Besucher kompetent betreuen zu können.

„Kaum zu glauben, dass aus so einer Ruine mal etwas so Schönes wird“. Dieses bis heute häufig vernehmbare Staunen fasst das sehr persönlich gehaltene Grußwort von Bürgermeisterin Elke Perdacher gut zusammen. In der Münchhausenstraße quasi gleich nebenan aufgewachsen, „kann ich mich noch gut daran erinnern, wie meine Brüder und ich zwischen all‘ dem Gerümpel auf Entdeckungsreise gingen. Die alte Schulenburg war ein prima Spielplatz.“ Und wenn man auf etwas vermeintlich „Wertvolles“ stieß, habe es mehr als einmal geheißen „Oh, ollet Kram – ab ins Museum damit.“ Aber auch den alten, modrigen Geruch des Gebäudes hat sie noch in der Nase. „So schön wie heute ist die Schulenburg in meiner Erinnerung dann doch nicht.“



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare