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Grüne loben Heller-Leder als Vorzeige-Firma und kämpfen für Christian Meyer als künftigen Minister

Vom Leder zieht Jürgen Trittin erst am Abend

Hehlen / Holzminden (saw/pd). „Respekt! Wirklich anerkennenswert, wie es ein traditionsreiches Familienunternehmen mit geschicktem Management und der Ausrichtung auf nachhaltige Lederherstellung schafft, sich auf einem internationalen, hart umkämpften Markt zu positionieren.“ Jürgen Trittin, ehemaliger Umweltminister und Spitzenkandidat der Grünen für die Bundestagswahl, hat soeben im Eilschritt die Firma Heller-Leder kennengelernt. Das 1920 gegründete Familienunternehmen ist die erste Gerberei weltweit, die für emissionsarme Polsterleder mit dem renommierten Umweltsignet „Der Blaue Engel“ ausgezeichnet wurde. „An so einem Vorzeige-Unternehmen sollte Herr Trittin nicht vorbeifahren“, unterstreicht der Landtagsabgeordnete Christian Meyer lächelnd, der sich am 20. Januar erneut um ein Mandat im Landesparlament bewirbt und im Falle eines Regierungswechsels als zukünftiger Landwirtschaftsminister im Gespräch ist.

veröffentlicht am 09.01.2013 um 16:23 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 20:21 Uhr

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Und so lernen Jürgen Trittin, Christian Meyer und eine Handvoll lokaler Grünen-Politiker auf ihrer Wahlkampftour entlang der Weser eine Firma kennen, für die Ökologie und Nachhaltigkeit maßgebliche Pfeiler der Unternehmensphilosophie darstellen. Dabei zähle das Gerberhandwerk nicht nur zu den ältesten der Menschheitsgeschichte, „sondern nach Angaben einer Studie auch zu den schmutzigsten“, so Geschäftsführer Thomas Strebost, der sogleich fortfährt: „Aber wir sehen das anders – und leben es anders.“ Billig und umweltbelastend werde in Ländern wie Indien und Bangladesch produziert, ein derart niedriges Kostenniveau sei in Deutschland gar nicht darstellbar. „Heller-Leder hat seine Existenzberechtigung und findet seinen Markt, weil wir hochwertigste Leder unter Einhaltung der höchsten Umweltstandards produzieren“, unterstreicht Strebost. Neben dem Nachhaltigkeitspreis „Blauer Engel“ kann Heller-Leder als erste europäische Gerberei mit dem Gold-Status der Leather Working Group aufwarten, gewann zudem 2011 in Shanghai den Titel „Tannery of the Year“. Etwa 1200 Häute täglich werden in der vollstufigen Gerberei mit 183 Mitarbeitern in einem größtmöglich ökologischen Produktionsverfahren zum hochwertigen Heller-Leder verarbeitet, das Abnehmer in der Möbel-, Automobil- und Schuhindustrie findet.

Als „Quantensprung für unser Marketing“ bewertet Geschäftsführer Frank Fiedler den „Blauen Engel“. Dank dieses vertrauenswürdigen Labels habe man sich bereits neue Kundensegmente insbesondere in der Büromöbel-Industrie erschließen können. Und der grüne Spitzenkandidat Trittin horcht auf, als Fiedler darauf verweist, dass erst durch die Initiative von Heller-Leder entsprechende Vergaberichtlinien für eine nachhaltige Lederproduktion erarbeitet wurden. „Es gab eine sehr konstruktive, partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem Bundesumweltamt“, bestätigt der für Vertrieb und Marketing zuständige Geschäftsführer. Dank stetiger Investitionen in Umweltstandards und den Bau von zwei Biogasanlagen habe man in den vergangenen zehn Jahren den Energiebedarf von einer Million Liter Öl auf 600 000 Liter senken und den CO2-Ausstoß entsprechend reduzieren können. Rückläufig sei der Verbrauch organischer Substanzen, Lösungsmittel oder Stickstoff, „die Verwendung von Tensiden haben wir weitgehend gegen null gefahren“, so Strebost. Mehr als ärgerlich sei allerdings die Tatsache, dass das bei der Lederherstellung anfallende, sehr energiereiche Restprodukt „Leimleder“ die Vergärungsleistung der benachbarten Biogasanlagen weiter steigern und somit den Verbrauch fossiler Brennstoffe senken könnte – das aber finanziell völlig uninteressant ist. Die Ursache ist im „Erneuerbare-Energien-Gesetz“ (EEG) zu suchen, das Bonuszahlungen für ins Netz eingespeisten Strom aus nachwachsenden Agrar-Rohstoffen (wie die in die Biogasanlage eingebrachte Maissilage) gewährt, aber eben nicht für Reststoffe wie Leimleder. „Dabei könnten wir mit den jährlich anfallenden 3500 Tonnen Leimleder etwa 4500 Tonnen Mais einsparen“, führt Strebost aus. „Ganz klar eine Lücke in der Gesetzgebung, die bei der nächsten EEG-Novelle zu berücksichtigen sein wird“, so bewertet Jürgen Trittin die Lage. Da habe sich möglicherweise die kleine Lobby der Lederindustrie neben der starken Agrarlobby nicht ausreichend Gehör verschaffen können.

Von Hehlen eilen die Grünen zu ihrer Wahlkampfveranstaltung nach Holzminden, um vor 120 Besuchern im prall gefüllten Foyer der Stadthalle ihre politischen Vorstellungen zu erläutern. Meyer stellt bildungspolitisch vor allem die Wahl- und Mitentscheidungsfreiheit der Eltern bei allen Schulentscheidungen in den Vordergrund und plädiert für die Wiederabschaffung des zwölfjährigen Abiturs sowie die Einführung des Integrativen Gesamtschulmodells. Kommunalpolitisch prangert Meyer vor allem die „Gängelung des ländlichen Raumes“ durch die niedersächsische Kommunalaufsicht an, die unter anderem den Kreis trotz deutlicher Verringerung der Neuverschuldung blockiere. Trittin wiederum stärkt Meyer den Rücken: „Wir streiten dafür, dass der nächste Landwirtschaftsminister nicht Lindemann heißt, sondern Christian Meyer.“ Dafür erntet der Bundespolitiker donnernden Applaus und „Bravo“-Rufe. Für die Freunde deftiger Rhetorik hat Trittin seine Rede auch mit verbalem Sperrfeuer gegen den politischen Gegner gewürzt. Die Regierung Merkel sei eine „Gurkentruppe aus Wildsäuen“, so habe die sich immerhin selbst in verschiedenen Zusammenhängen charakterisiert. FDP-Entwicklungsminister Rösler bezeichnet er als naseweis, den Ex-Umweltminister „Heini“ Sander als Sekundär-Agrarminister und vor allem als „Kettensägenmeister“.

Zu Wort kommt allerdings auch die SPD-Landtagsabgeordnete und SPD-Direktkandidatin Sabine Tippelt, die ein Grußwort sprechen darf. Tippelt unterstreicht wie Meyer den gemeinsamen Willen, Schwarz-Gelb abzulösen. „Wir werden kämpfen, die Wahl zu gewinnen“, sagt Tippelt mit besonderer Betonung auf dem „Wir“.



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