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Bei einem Ausflug nach Bodenwerder erzählen Flüchtlinge aus ihrem Alltag

Vom Aufbrechen und Ankommen

BODENWERDER. Geflüchteten die Region zu zeigen und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit zu bieten, sich mit Deutschen auszutauschen und dabei ihre Deutschkenntnisse zu verbessern, ist die Idee des Projektes „ACKH on tour“ der ACKH-Flüchtlingshilfe. Einen Ausflug nach Bodenwerder mit Besuch der Sommerrodelbahn und einer Stadtführung auf den Spuren des Barons von Münchhausen nahm die Initiative der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Hameln zum Anlass, um nach dreieinhalb Jahren ihres Bestehens Bilanz zu ziehen: Wie sieht es mit der Integration der Geflüchteten aus? Welche Probleme gibt es noch? Wer hat mittlerweile Arbeit gefunden?

veröffentlicht am 16.09.2018 um 13:37 Uhr
aktualisiert am 16.09.2018 um 19:30 Uhr

Mit seinem Sohn Arya probiert Ali die Sommerrodelbahn aus. Er stammt aus dem Iran und holt gerade seinen Realschulabschluss nach. Am Wochenende arbeitet Ali bei einem Sicherheitsdienst. foto: tac

Autor:

Alexander Tacke
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In zwangloser Atmosphäre schilderten einige der über 20 teilnehmenden Flüchtlinge ihre Lebenssituationen, die vom Aufbrechen und Ankommen handelten. Dabei wurde deutlich, dass das Aufbrechen aus bisherigen Lebens- und Gedankenwelten für viele einen deutlich längeren Prozess darstellte als das Aufbrechen aus der Heimat und Ankommen in Deutschland.

Da ist Ragida, eine staatenlose Palästinenserin aus dem Libanon, die zusammen mit ihrem Mann Achmed und den zwei Kindern seit über drei Jahren in Hameln lebt. Er arbeitet als Hausmeister. Sie arbeitete als Reinigungskraft und möchte bald eine Ausbildung zur Friseurin beginnen. Doch erst seit acht Monaten trägt Ragida kein Kopftuch mehr. „Zwei Jahre lang habe ich ihr gesagt, dass sie kein Kopftuch tragen müsse und dennoch Muslima bleiben könne“, berichtet Tour-Organisator Wolfgang Nowotny, der auch die Führung durch Bodenwerder für den erkrankten Dr. Heinrich Kasting übernahm. „Am Anfang war es schwer“, erzählt die Palästinenserin. „Aber ich habe gemerkt, dass mich die Menschen immer so komisch angeschaut haben, wenn ich ein Kopftuch trug. Das ist jetzt nicht mehr so.“

Überhaupt befand sich unter den überwiegend kurdischen Muslimas nur eine ältere Dame, die Kopftuch trug. „Wir Kurden sehen das nicht so streng“, erklärt der aus Syrien stammende Hasan. „Wir beten nicht täglich, fasten nicht immer und gehen nicht regelmäßig in die Moschee, weshalb wir für viele Araber keine richtigen Muslime sind.“ Der Agraringenieur, der vor über zwei Jahren vor dem Krieg floh und dessen zwei Kinder das Gymnasium besuchen, zeigt auf dem Smartphone seine 14 Bewerbungen „von Hamburg bis München“ und bisher acht Absagen. Nowotny bietet an, ihm beim Formulieren der Bewerbungen zu helfen, damit die Erfolgsaussichten höher ausfallen.

Agraringenieur Hasan und sein Sohn Jan genießen den Tag in Bodenwerder. Hasan ist aktuell auf Jobsuche. foto: tac
  • Agraringenieur Hasan und sein Sohn Jan genießen den Tag in Bodenwerder. Hasan ist aktuell auf Jobsuche. foto: tac
Achmed und Ragida schauen sich mit ihrem Sohn eine Skulptur vom Baron von Münchhausen an. Ragida möchte bald eine Ausbildung zur Frisörin beginnen. Foto: tac
  • Achmed und Ragida schauen sich mit ihrem Sohn eine Skulptur vom Baron von Münchhausen an. Ragida möchte bald eine Ausbildung zur Frisörin beginnen. Foto: tac

Schon einen Schritt weiter ist Ali aus dem Iran. Der zweifache Familienvater holt bei der Volkshochschule morgens seinen Realschulabschluss nach, während seine Frau Yalda nachmittags zum Deutschkurs geht. Am Wochenende, meistens nachts, arbeitet er bei einem Sicherheitsdienst. „Das ist zwar hart, aber ich verdiene eigenes Geld“, begründet er seinen Entschluss. Kritisch sieht Ali, der als konvertierter Christ „auch mal ein Bier“ trinkt, den teilweise exzessiven Alkoholkonsum junger Menschen, wenn er nachts als Türsteher arbeitet. „Freiheit ist gut, aber zu viel ist auch nicht immer gut.“ Eine wichtige Erkenntnis habe er hier jedoch gewonnen: „Wichtiger als Geld ist, dass die Familie zusammen ist.“ Die siebenköpfige Familie Mohammad aus Syrien, die von Dolmetscher Fahad Hudsch betreut wird, kann der Aussage zustimmen. Aber neben belastenden Gedanken an Angehörige in der Heimat und auch Heimweh überwiegt am Ende doch die „Sicherheit und die Zukunft für die Kinder, die Deutschland bietet“, beschreibt es Hasan, der wie viele andere Geflüchtete jeden Tag aufs neue dafür kämpft, dass es der Familie morgen besser gehen wird als gestern.



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