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Unternehmer „aus lauter Liebe zur Heimat“

Von Karin Beißner

Bodenwerder. Sie läuft und läuft, und läuft. Auch heute noch. Wer kennt sie nicht, die Dampfmaschine vor dem Rathaus? Auf der Schautafel heißt es: „Diese Einkurbel-Verbund-Dampfmaschine wurde im Jahre 1950 gebaut, montiert und in der Garnspinnerei der Gebrüder Reese in Betrieb genommen.“ Aber wer kennt sie noch, die alte Fabrik und die Geschichte des ersten Industrieunternehmens in Bodenwerder? Heinrich Schoof, Neffe des letzten Besitzers, hat in einer Chronik die Geschichte aufgeschrieben.

veröffentlicht am 01.10.2010 um 16:08 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 11:41 Uhr

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Von Karin Beißner

Bodenwerder. Sie läuft und läuft, und läuft. Auch heute noch. Wer kennt sie nicht, die Dampfmaschine vor dem Rathaus? Auf der Schautafel heißt es: „Diese Einkurbel-Verbund-Dampfmaschine wurde im Jahre 1950 gebaut, montiert und in der Garnspinnerei der Gebrüder Reese in Betrieb genommen.“ Aber wer kennt sie noch, die alte Fabrik und die Geschichte des ersten Industrieunternehmens in Bodenwerder? Heinrich Schoof, Neffe des letzten Besitzers, hat in einer Chronik die Geschichte aufgeschrieben.
 Am Ostufer der Weser, in der Nähe der damaligen Schiffsbrücke, die als Weserübergang dient, gründet Adolph Reese 1862 eine Kunstwollfabrik und Wollgarnspinnerei. Eigentlich ist Bodenwerder damals kein guter Standort für ein Industrieunternehmen, da die Verkehrsanbindung schlecht ist. Als Transportmittel sind nur Schiffe geeignet, die nächste Eisenbahnlinie ist weit entfernt. Elze ist der nächste Verladebahnhof und der Transport von Waren muss mit Pferdefuhrwerken erfolgen. Warum wählt Reese den Standort Bodenwerder? „Aus lauter Liebe zur Heimat“, antwortet einst Frau Louise.
 In dem Unternehmen, das für die Verhältnisse in Bodenwerder eine beachtliche Größe hat und von Adolph, einem der drei Brüder, geleitet wird, werden aus Wolllumpen Garne gewonnen. Viele Arbeitsgänge sind von der Anlieferung der Lumpen bis zum fertigen Streichgarn, der sogenannten Reißwolle oder Kunstwolle, nötig. Das erfordert Arbeitskräfte. 1867 hat das Unternehmen 100 Mitarbeiter, acht Jahre später 235. Im Laufe der Jahre kauft Reese alle Nachbargrundstücke und erweitert die Fabrik. Bald ist er der größte Arbeitgeber in der Region. An 20 Spinnmaschinen werden jährlich 600 Tonnen Streichgarn gesponnen. 1895 kommt ein neuer Industriezweig hinzu, die Kunstdüngerfabrikation.
 Bei der Verarbeitung der Lumpen entsteht Wollstaub, der mit Rohphosphat zu Kunstdünger verarbeitet wird. In diesem Betriebszweig sind nur Männer angestellt, in der Wollproduktion Frauen. In der Spinnerei arbeiten damals auch Kinder. Deren schlanke Finger eignen sich zum Andrehen der Fäden. Kinderarbeit war im 19. Jahrhundert vielfach üblich und erlaubt.
 Arbeitskräfte zu bekommen, ist damals gar nicht so leicht. Bodenwerder zählt 1500 Einwohner und ist auf Arbeitskräfte aus umliegenden Orten angewiesen. Diese müssen Fußwege von nicht weniger als zwei Stunden in Kauf nehmen, um zur Arbeit zu kommen. Bei einem Arbeitstag von zwölf Stunden ist das im Winter anstrengend und kaum zu schaffen. Deshalb bauen Reese Gebrüder ein Logierhaus nebst Badehaus und Kantine für die auswärtigen Arbeiter, aber auch für die Beschäftigten von der anderen Weserseite, die oft tagelang nicht nach Hause können, wenn die Schiffsbrücke wegen Eisgang oder Hochwasser unterbrochen ist.

 Adolph Reese ist ein umsichtiger Arbeitgeber, dem es wichtig ist, seine Mitarbeiter an den Betrieb zu binden. Schon lange vor der allgemeinen Versicherungspflicht hat die Firma eine Betriebskrankenkasse, die 100 Jahre lang besteht.
 Ende 1981 kommt für das Traditionsunternehmen nach fast 120-jähriger Firmengeschichte das Aus. Die Stadt ersteigert 1988 das Gelände und lässt die Gebäude abreißen. Die Sprengung der drei Backsteinschornsteine ist damals für viele Schaulustige ein Erlebnis. Aber nur zwei Schornsteine fallen, der dritte beugt sich der Zerstörung erst im zweiten Anlauf. Geblieben ist von der Firma Reese Gebrüder nur die Einkurbel-Verbund-Dampfmaschine, die mit einem Euro gefüttert, auch heute noch läuft.



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