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Kabarettist René Sydow stößt seine Zuhörer auf unangenehme Wahrheiten

Unterhaltung vom Feinsten

BUCHHAGEN.René Sydow bringt das Publikum in der Kulturmühle zum Lachen, aber manches Mal bleibt dieses Lachen auch im Halse stecken, wenn der Kabarettist unangenehme Wahrheiten anspricht; sei es über das Internet oder unsere Lebenszeit.

veröffentlicht am 25.02.2018 um 16:41 Uhr
aktualisiert am 25.02.2018 um 20:00 Uhr

Nicht nur mit seinen Texten, auch dank vollkommener Mimik und Gestik bietet Kabarettist René Sydow dem Publikum in der Kulturmühle Buchhagen anspruchsvolle Unterhaltung. Foto: br Nicht nur mit seinen Texten, auch dank vollkommener Mimik und Gestik bo
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Autor

Burkhard Reimer Reporter
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„Sehen Sie das?“ René Sydow hält dem Besucher in der ersten Reihe die hohle Hand hin. „Ja, ich weiß, es ist ganz klein und nur schwer zu erkennen aber jetzt haben Sie’s, gell? Ja genau, es ist der letzte Rest von Boris Beckers Selbstachtung.“ Es ist nur ein kleiner Scherz am Rande, den der Mann aus dem Süddeutschen sich erlaubt. Er kann, wie einige weitere Späßchen dieser Art, dem Publikum in der Buchhagener Kulturmühle immerhin zu ein wenig Auflockerung verhelfen.

Denn ansonsten ist höchste Aufmerksamkeit geboten, als der Kabarettist sein zweistündiges, nur von einer kurzen Pause unterbrochenes Programm „Die Bürde des weisen Mannes“ vorträgt. Das ist anspruchsvolle Unterhaltung vom Feinsten. Da geht es Schlag auf Schlag, da wird nichts, was der Kritik oder des Aufdeckens würdig wäre, ausgelassen, da bleibt, wie‘s scheint, kaum Zeit zum Luftholen. Das führt dann zwangsläufig beim Publikum zu einer gewissen Anspannung.

Nicht so bei René Sydow. Der 38-Jährige präsentiert sein neues Programm in Buchhagen im Rahmen der ersten Vorpremiere – sozusagen in einer Welturaufführung. Da wären Nervosität und Lampenfieber doch eigentlich nur zu verständlich. Aber René Sydow ist, abgesehen von zwei winzig kleinen Textaussetzern, davon nichts anzumerken. Im Gegenteil: Er ist während seines Vortrags ständig in Bewegung, nimmt die gesamte Bühne für sich in Anspruch, unterstreicht mit Gestik und Mimik vollendet, was er dem Publikum zu sagen hat.

Und das ist nun wahrlich nicht immer lustig. Da bleibt so manches Mal das Lachen im Halse stecken, wenn der Irrwisch auf der Bühne die Nasen seiner Zuhörerschaft zielgerichtet auf unangenehme Wahrheiten stößt. Zum Beispiel, wenn es um die vermeintlichen „Segnungen“ des Internets geht, und der Kabarettist feststellt: „Ja sicher, seit es das Internet gibt, sind die Gedanken endlich wirklich frei – aber die Rechte darauf hat Google“. Aber Amazon hat sie auch. Da hat Sydow einen Trick auf Lager, um den Internethändler gründlich in die Irre zu führen: „Bestellen sie immer zwei gänzlich gegensätzliche Artikel. Also zum Beispiel eine CD von Helene Fischer und eine von Rammstein oder ein Buch von Eckhard von Hirschhausen und eines mit Inhalt“.

Zehn Jahre lang, berichtet René Sydow, sei er als Lehrer tätig gewesen. Da ist das „digitalisierte Klassenzimmer, in dem es nurmehr um Algorithmen, aber überhaupt nicht mehr um Bildung geht“, für ihn ein gefundenes Fressen. Den pädagogischen Zeigefinger lässt Sydow allerdings stets brav in der Hosentasche. Auch stellt sich dem Publikum hier und da die Frage: „Ist der Mann nun Kabarettist oder doch eher ein Prediger?“ Mag sein, vielleicht, aber wenn, dann einer, der seine Schäfchen liebt und geduldig an die Hand nimmt, der ihnen genau zeigt, an welcher Stelle etwas gänzlich schief läuft. Zum Beispiel, „weil es diese Achtsamkeits-Seminare in der Eifel ja wirklich gibt, in denen sich der eine oder andere auch tatsächlich selbst gefunden hat – was dann meistens eine bittere Enttäuschung war“.

Sarkasmus gehört zum guten Kabarett eben dazu, auch dann, wenn es um den Themenblock Religion und Kirche geht, etwa um das Versprechen: „Selig sind die Armen, denn sie sitzen zur Rechten Gottes.“ Da vergisst Sydow den Hinweis darauf nicht, „dass die dann allerdings auch tot sind“.

„Hay más tiempo que vida“, lautet ein südamerikanisches Sprichwort, das René Sydow mehrfach zitiert. „Ja, wir haben mehr Zeit als Leben“, übersetzt er. „Auch zum Erzählen. Schließlich leben wir doch in einer Zeit, in der ständig irgendetwas kommuniziert, aber“, und wieder schließt Sydow mit einer bitteren Erkenntnis, „kaum einmal ein vernünftiger Gedanke formuliert wird.“

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