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Bodenwerder und Kemnade – die Geschichte eines schwierigen Verhältnisses / Teil 1

Sogar die Grenze blieb dunkel

Bodenwerder/Kemnade. „Ich bin nicht aus Bodenwerder, ich bin aus Kemnade!“ So äußerte sich ein Patient im Holzmindener Krankenhaus empört. Das ist schon einige Jahre her, aber auch heute soll es noch solche oder ähnliche Äußerungen geben, in denen es darum geht, klarzustellen, woher man kommt. Warum das so ist, erzählt uns die Geschichte beider Orte.

veröffentlicht am 05.01.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 19:41 Uhr

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Autor:

Karin Beißner
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Kemnade und Bodenwerder sind gleichsam als Geschwister aufgewachsen mit ein und derselben Vergangenheit. Als das Nonnenkloster zwischen 956 und 965 gegründet wurde, haben wohl auf der Weserinsel schon Menschen gelebt. Inseln boten immer einen guten Schutz vor Feinden und Angreifern. „Fraglos hat sich der Ort unter dem Schutze und dem Einfluss des Klosters zu Kemnade entwickelt“, schreibt der Chronist Carl Rose. Als dann im Jahre 1146 die Äbtissin Judith von Northeim das Kloster in Verruf brachte und es seine Selbstständigkeit verlor, kam es zusammen mit Bodenwerder unter die Herrschaft des Klosters Corvey.

1245 erwarben die Homburger die Weserinsel als Lehen, Kemnade blieb weiter bei Corvey. Dadurch trennten sich erstmalig die Wege von Bodenwerder und Kemnade. Vielleicht war das schon der Beginn des Auseinanderlebens beider bis dahin so eng verbundener Ansiedlungen.

In den folgenden Jahrhunderten änderten sich die Besitzverhältnisse im Gebiet zwischen Weser und Leine ständig, Herrscherhäuser starben aus, Erbe wurde geteilt, Lehen wurden vergeben. 1635 bewirkten schließlich die durch Besitzstreit der Welfen entstehenden Landesgrenzen eine fast 350 Jahre dauernde Trennung beider Ortschaften. Kemnade gehörte nun zum Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel, während Bodenwerder als früherer homburgischer Besitz dem Fürstentum Calenberg und damit der späteren hannoverschen Linie zugeteilt wurde. Bodenwerder bildete nun zusammen mit Pegestorf eine Enklave, eine Insel, im Braunschweigischen Gebiet. Noch heute sind im Waldgelände am Hopfenberg verschiedene Grenzsteine zu finden, die auf der einen Seite die Buchstaben KH (Königreich Hannover), auf der anderen HB (Herzogtum Braunschweig) tragen. Sehr genau wird diese Grenze durch Georg Friedrich Martens 1824 beschrieben: „Die Grenze beginnt am Schrinnthale und zieht von dessen Mitte über den Hopfenberg und am oberen Rande des letzteren her, so daß der Abhang der Stadt Bodenwerder mitthin Hannöverisch, die ganze Oberfläche des Berges aber Braunschweigisch bleibt, durch die Grüne Schleite auf den von Münchhausenschen Berggarten, den sie umschließt.“ Dieses Enklaven-Dasein im feindlichen Ausland war für Bodenwerder eine schwierige Situation. Ganz schlimm wurde es aber für die Handel- und Gewerbetreibenden als 1844 der Landkreis Holzminden sich dem Zollverein anschloss. Die Enklave Bodenwerder war nun komplett von Zollschranken eingeschlossen, sodass „nichts herein und heraus konnte“. An allen Ausgängen standen Schlagbäume und in Kemnade wurde eine Zollstation eingerichtet. Durch Zollauflagen war es somit nicht mehr möglich die Waren – besonders die Schuhmacher und Bäcker besuchten die umliegenden Märkte – aus Bodenwerder hinauszubringen. Auf allen möglichen Schleichwegen versuchten die Handwerker und Händler, ihre Waren ins Ausland zu schaffen. Es wird berichtet, dass die Zöllner in Kemnade besonders hart gegen die um ihre Existenz ringenden Bürger Bodenwerders vorgingen. Dadurch tat sich eine tiefe Kluft zwischen den Bewohnern beider Orte auf. Diese war zum Anderen wohl auch darin begründet, dass „im Braunschweigischen die Etablierung mehrerer Kaufleute in den fast vor den Toren liegenden Bauerndörfern Kemnade, Hehlen und Halle gestattet worden war“, und damit den Händlern aus Bodenwerder ein Teil ihrer Verdienstmöglichkeiten genommen wurde. Auch in den Sitzungsprotokollen der Gemeinde Kemnade gibt es mehrere Beispiele für die Differenzen zwischen den Nachbarorten und dem alten Denken: hier Kemnade und dort Bodenwerder, hier Braunschweig und dort Hannover. Im August 1892 brach eine Choleraepidemie aus und als vorgeschlagen wurde, gemeinsam mit Bodenwerder eine Isolierbaracke für Krankheitsfälle zu bauen, scheiterte dieser Vorschlag.

Im gleichen Jahr gab es die sogenannte „Straßenlampenaffaire“. Bodenwerder wollte in Gemeinschaft mit Kemnade auf der Grenze zwischen beiden Orten auf der Hamelner Straße eine Straßenlaterne errichten. Aus Sicht des Kemnader Rates sollten die Anschaffungs- und Unterhaltungskosten ein Drittel zu zwei Dritteln aufgeteilt werden. Bodenwerder ließ sich darauf nicht ein und so wurde nichts aus der Gemeinschaftslaterne, die Grenze blieb zunächst dunkel.

Zu einem weiteren Streitpunkt wurde der Bahnhof. Als 1897 die Vorwohle-Emmerthaler-Eisenbahn ins Leben gerufen wurde, sollte er den Namen „Bahnhof Bodenwerder“ erhalten, obwohl er auf Kemnader Grund und Boden stand. Nach schärfstem Protest der Gemeinde wurde er dann „Bodenwerder-Kemnade“ genannt.

Auch der grün-weiße Anstrich eines Fahnenmastes auf dem Sportplatz des Fußballvereins „Münchhausen“, dessen Mitglieder sowohl aus Bodenwerder als auch aus Kemnade kamen, wurde 1930 zum Politikum. Da der Masten auch von der Gemeinde genutzt wurde, sollte er in den Braunschweiger Farben blaugelb leuchten, was natürlich für Bodenwerder unannehmbar war. Nach vielem Hin und Her, Drohungen hier und Drohungen von der anderen Seite, einigten beide sich schließlich auf einen neutralen weißen Anstrich.

Auch Mitte des 20. Jahrhunderts, nachdem beide Orte seit 1941 durch den braunschweigisch-preußischen Gebietsaustausch zum Kreis Holzminden gehörten, setzten sich die Differenzen weiter fort. Kemnades Schule war zu klein geworden. Es wurde ein Neubau geplant und Kemnade wollte diesen zusammen mit Bodenwerder errichten. Das wurde zunächst abgelehnt und ebenso die Gründung eines Schulzweckverbandes. Es dauerte zwei Jahre, bis beide zur Vernunft kamen und gemeinsam die Schule im Kälbertal bauten.

Eine historische Aufnahme der Klosterkirche St. Marien in Kemnade.



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