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Zentrale Informationsveranstaltung des Kreises Holzminden / Elternbeteiligung geringer als erwartet

Sitzen bleibt in einer IGS kein einziger Schüler

Buchhagen (ul). Mit sehr vielen interessierten Eltern hatte Hermann Schütte, der Leiter des Schulamtes des Kreises Holzminden gerechnet, als er zeitgleich mit dem Versand der Fragebögen an 3200 Eltern von Grundschulkindern aus dem Kreis Holzminden und der Gemeinde Emmerthal zu einer zentralen Infoveranstaltung über Gesamtschulen ins Gasthaus Mittendorf in Buchhagen eingeladen hatte. Erstaunlich gering war die Resonanz am Dienstagabend.

veröffentlicht am 21.05.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 10:21 Uhr

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Nur 60 Gäste folgten den Erläuterungen des Dezernenten der Landesschulbehörde, Dirk Tack, zur Kooperativen oder Integrierten Gesamtschule. Der Vorsitzende des Kreis-Schulausschusses, Eckart Jungk, lenkte die Diskussion.

Kein Maulkorb für den Bürgermeister

Um die Neutralität zu wahren, hatte der Kreis auf das Moderationsangebot des Bürgermeisters der Samtgemeinde Bodenwerder, Ernst-August Wolf, kurzfristig verzichtet. Es sollte ihm aber kein Maulkorb erteilt werden: „Wir haben parteiübergreifend im Landkreis entschieden, den Bedarf einer IGS in Bodenwerder ermitteln zu wollen. Wir versprechen uns mit dem Angebot einer weiteren Schulform eine Stärkung des ländlichen Raumes. 2002 waren wir schon einmal so weit, damals ging es um eine KGS.

Doch die Gesetzgebung änderte sich. Jetzt sehen wir eine Chance. Landrat Rüdiger Butte und Emmerthals Bürgermeister Martin Grossmann akzeptieren die Fragebogenaktion, wir kooperieren und denken nicht in Kreisgrenzen.“ Wolf monierte: „Ich habe bisher von niemandem eine inhaltliche Begründung erhalten, warum eine IGS mit fünf Parallelklassen geführt werden muss.“ An die Landesschulbehörde gewandt fragte er: „Vielleicht, Herr Tack, können Sie uns die Frage ja beantworten.“

F. Hoppmann
  • F. Hoppmann

„Diese Frage darf sich der Leiter der Landesschulbehörde nicht stellen“, griff Moderator Jungk dazwischen. „Es ist an politischer Stelle, hier eine Schraube zu drehen. Solange der Gesetzgeber in Hannover sagt, eine IGS muss fünfzügig sein, kann Herr Tack zwar persönlich eine andere Meinung vertreten, aber die spielt hier keine Rolle.“

Schwierig zu vermitteln war für den Dezernenten der Landesschulbehörde die derzeit laufende Schulgesetzänderung für Integrierte Gesamtschulen. Um das Abitur an der IGS nach zwölf Jahren absolvieren zu können, soll ab dem 7. Jahrgang neben der Leistungsdifferenzierung von A und B Kursen in Englisch und Mathematik künftig ein Zusatzkurs (Z-Kurs) für Schüler angeboten werden mit hoher Leistungsanforderung, um die Voraussetzung für das Abitur in zwölf Jahren zu schaffen. Ab dem 8. Jahrgang gibt es diese Differenzierung auch in Deutsch und dem Fach Naturwissenschaften (an einer IGS werden Chemie, Biologie und Physik fächerübergreifend unterrichtet).

Die Frage von Eltern, ob da nicht ein Stück Integration verloren gehe, vermochte Tack nicht zu beantworten: „Wie das organisatorisch zu gestalten ist, ist noch offen. Diejenigen Schüler, die die Z-Kurse nicht komplett von Anfang an belegt haben, erhalten in der 10. Klasse eine Einführungsphase, mit der sie berechtigt sein werden, die Sekundarstufe II zu besuchen.“

Bisher hatte eine Integrierte Gesamtschule zwei Fachleistungsniveaus, künftig wird sie mit den Zusatzkursen drei haben. Auf die Frage eines Vaters, ob dadurch nicht die Durchlässigkeit verloren gehe, antwortete Tack, die Schüler müssten nicht alle Z-Kurse belegen, sondern könnten auch Schwerpunkte bilden. Die Frage sei aber berechtigt, ob sich mit der Einführung der Z-Kurse ein gymnasialer Zweig abspalte.

Auf die Frage von Hauptschulleiterin Claudia Erler nach der Schülerzahl von Z-Kursen, meinte Tack: „Das können wir erst sagen, wenn der neue Grundsatzerlass da ist.“ Realschulleiter Karl-Heinz Hasemann ergänzte: „Sollte es eine vorgeschriebene Größe für Z-Kurse geben und wird diese nicht erreicht, wären die Schüler, die nach zwölf Jahren das Abitur machen wollen, auf einer IGS benachteiligt.“ Tack: „Was sich die Regierung bei der Gesetzgebung denkt, kann ich nicht sagen, wir sind nur verantwortlich für die Umsetzung.“ Anfang Juni werde der Landtag die Schulgesetzänderung beschließen. Der Hauptschulabschluss sei nach der 9. Klasse, der Realschulabschluss nach der 10. Klasse an der IGS möglich. Die Oberstufe einer IGS unterscheide sich nicht von der in Gymnasien.

Neu sei, dass die zweite Fremdsprache bereits in der 6. Klasse beginne. Andere Fächer wie Werken und Hauswirtschaft werden reduziert.

Auch zu den Zusatzangeboten an einer Integrierten Gesamtschule wurde Tack von Eltern befragt. „Wir können nur offene Angebote liefern. Ein geschlossenes Angebot für Ganztagsschulen gibt es nicht.“ Die Lehrerstunden für den Nachmittag könne man „kapitalisieren“, anstelle der Lehrer freie Mitarbeiter einsetzen, die dann Nachhilfe, Benimmkurse, Sportangebote oder Ähnliches anböten.

Friedemann Hoppmann, ehemaliger Schulleiter der mehrfach ausgezeichneten Integrierten Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim, berichtete: „Gesamtschulen wollen keine Auswahl von Schülern schon ab der 2. Grundschulklasse. Wir wollen diese Verteilung durchbrechen, bis die Kinder durch die Pubertät sind.“ Deshalb gebe es Leitungsbewertungen und keine Noten bis zur 9. Klasse und auch kein Sitzen bleiben.

Bemängelt wurde von Hauptschulleiterin Claudia Erler, dass mit Einführung einer Integrierten Gesamtschule die Qualität der Förderung für Hauptschüler verringert werde, weil die Sozialarbeiter entfielen. „Damit ist diese IGS nur ein ganz preisgünstiges System“, kritisierte Erler. Hoppmann erläuterte, „es ist nicht alles festgelegt, sie können sich für Sozialarbeiter oder andere Programme einsetzen“.

In der öffentlichen Sitzung des Kreisschulausschusses am 10. Juni im Campe-Gymnasium Holzminden soll das Ergebnis der Elternbefragung vorgestellt werden. Das Schulamt bittet alle angeschriebenen Eltern noch einmal, an der Befragung teilzunehmen, um die Schulentwicklung planen zu können.

„Eine Flut von Antworten auf den Elternfragebogen hat uns schon erreicht. Auch das Telefon steht für Auskünfte zu dem Thema derzeit nicht still“, berichtete Bernd Schaper vom Schulamt des Kreises.

Über die Integrierte Gesamtschule informieren Bernd Schaper, Hermann Schütte, Eckart Jungk und Dirk Tack (von links) die Zuhörer.Fotos: ul

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