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Dortmunder Kabarettistin Simone Fleck begeistert mit „Mach mir den Prinz!“ in Mittendorfs Saal

Publikum hängt Oma Wally an den Lippen

Buchhagen. Warum so viele Beziehungen in die Brüche gehen? Auf diese Frage weiß selbstverständlich Paartherapeutin Susan Kerkegard eine Antwort: „Viele wünschen sich einen Prinzen, der sie durchs Leben trägt. Dabei wird oft außer Acht gelassen, dass Sie Übergewicht hat – und Er einen Bandscheibenvorfall.“ Die Erwartungen an den Partner seien einfach zu hoch, analysiert die Fachfrau eloquent das vielfache Scheitern. Zupackend, mit holländischem Akzent und großer Empathie, engagiert sich die Lady im chargierenden Mantelkleid bei der Zusammenführung vermeintlich einsamer Herzen. Trotz aller Bemühungen allerdings wollen Karsten (aus Brakel, an Tisch eins) und Jeannette (aus Holzminden, an Tisch 17) weder Plätze noch Partner verlassen, um eins zu werden. Statt sich angesichts dieses Misserfolgs lange zu grämen, setzt die exaltierte Therapeutin rasch ihre affige Brille ab, wirft den mausgrauen Trenchcoat über - und verwandelt sich flugs in Oma Wally. Die gute alte, schrullige Bekannte, freudig begrüßt mit Applaus und Pfiffen, spielt auch im aktuellen Programm der Dortmunder Kabarettistin Simone Fleck die Hauptrolle.

veröffentlicht am 14.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 01:41 Uhr

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Autor:

Sabine Weiße
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Unter dem Motto „Mach mir den Prinz!“ geizt die agile Alte anlässlich der Frauenaktionswochen nicht mit guten Tipps zum lustvollen Altwerden bei gleichzeitigem Flinkbleiben. Seit Wochen bereits komplett ausverkauft ist ihre Vorstellung in Mittendorfs Saal, das 660 – vorwiegend weibliche – Köpfe zählende Publikum hängt Oma Wally förmlich an den Lippen. In bewährter Manier fletscht sie ihre Dritten und flaniert mit angedeutetem Hüftschaden entlang der Bühne, um den Alltag im Seniorenstift „Turne in die Urne“ zu kommentieren.

Dass Sex auch im fortgeschrittenen Alter, „also jenseits der 30“, ein Thema ist, dafür ist Mitbewohnerin Brigitte ein gutes Beispiel: Nach stundenlanger Schminkerei stellt sie sich stets in High Heels an den Rollator. „Da beißen die Männer mit den dritten Zähnen am besten an“, hat Wally beobachtet. Und außerdem festgestellt, dass „die Silikonbrüste in der schäbbigen Ausführung irgendwann zu bröckeln beginnen, nach unten durchrieseln und als Hammerzeh enden“. Im Publikum können sich die Damen mit Naturausstattung - und natürlich die Herren! - das schadenfrohe Lachen ebenso wenig verkneifen wie Oma Wally. Nach Abschaffung des Zivildienstes trauert sie den „jungen, knackigen Pflegern“ nach. „Wären die noch, würden wir uns mehr pflegen, uns öfter aus dem Rolli erheben und …“ Von Stöhnen, verdrehten Augen, Schnalzen, bemerkenswert agilen Hüftschwüngen untermalt, folgt die hingebungsvolle Performance „Mach mir den Prinz“. Und ohne Pfleger, wie läuft’s da? „Vibrator-Trainer brauchen wir nicht – wir haben schließlich Parkinson.“

Nach rasantem Szenen-, Garderoben- und Frisurenwechsel macht sich die lispelnde Susi über ihre Darmflora („Hab ich bald ’ne Orchideenzucht im Bauch?“) und freie Radikale so ihre Gedanken. Und seit Bin Laden auch im Meer ist, sei Vorsicht beim Fischgenuss geboten: „Ehe man sich’s versieht, hat man den Terrorismus im Körper.“ Die Sorge vor Cellulitis („Hagelschaden, den keine Versicherung bezahlt“) treibt das naive, langbeinige Lockenköpfchen ebenso um wie die Frage, ob es nicht sinnvoller sei, statt die Brüste zu vergrößern, besser die Hände der Männer zu verkleinern.

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  • Regt mittels Kopfmassage die Aktivität der männlichen Gehirnzellen an: Oma Wally mit therapeutischer Mission unterwegs im Publikum.

Währenddessen hat Oma Wally als Mitglied der Kreativgruppe „Trockenpflaumen al dente“ ein Gedicht über den Hagebuttentee ersonnen und sich vermutlich mit einer Überdosis jenes Getränkes einen Vitamin-Kick verpasst. Mit ihrem finalen Rap „Ich bin Omma, Omma ausm Heim“ beweist sie jedenfalls altersuntypische Beweglichkeit und bemerkenswerte Kondition. Da hat sich das jahrelange Training bei den Ü 70-Discoabenden ausgezahlt. Das macht nachfolgenden Frauen-Generationen Mut!

„Statt den Frauen die Brüste zu vergrößern, sollte man besser den Männern die Hände verkleinern“, meint die lispelnde Susi.

Jeanette aus Holzminden (li.) bleibt standhaft, auch wenn Paartherapeutin Susan Kerkegard (re.) all ihre Überzeugungskraft aufbietet, um ihr einen Partner zu vermitteln.

Fotos: saw



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