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Selbst bei der Direktvermarktung bleibt für die Bauern nicht viel Geld übrig

Preiskrise auch an der Milch-Tankstelle

veröffentlicht am 13.09.2016 um 19:35 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 09:28 Uhr

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Autor:

Julia Alin
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Seit Jahren klagen die Milchbauern in Deutschland, zu wenig Geld zu bekommen. Die Supermarktketten setzten die Molkereien unter Druck. Das Überangebot der frisch zu vermarktenden Ware – auch infolge der Sanktionen gegen Russland – macht es schwierig, die Situation kurzfristig entscheidend zu verändern. Milcherzeuger aus Kemnade und Bodenwerder versuchen, mit dem Direktverkauf an die Verbraucher auf ihre Kosten zu kommen – aber auch das ist kein einfaches Geschäft.

KEMNADE / BODENWERDER. Milch direkt von der Kuh? Vor einigen Jahrzehnten war dies noch Gang und Gäbe. Meistens waren es Kinder, die mit der Milchkanne losgeschickt wurden – Milch holen. Mit dem Aluminium-Messbecher wurde dann die frische Milch in die Kanne gefüllt und wehe dem, der vergessen hatte, dass in der Kanne noch das Geld zum Bezahlen lag.

Florian Hamann kauft auch heute regelmäßig Rohmilch vom Erzeuger – und nicht den Papppack aus dem Supermarktregal. Seit fast zwei Jahren zapft er mehrmals im Monat einige Liter Milch aus dem Milchautomaten der „Dorf-Kuh“ in Kemnade ab. Die Behältnisse dafür bringt er mit, aber die Betreiber des Milchautomaten, Verena und Falk Bormann-Gesterling, halten auch neue Milchflaschen zum Kauf bereit. Die klassische Aluminium-Milchkanne mit Deckel wird von ihnen nicht angeboten. „Wir haben Milchflaschen aus Kunststoff. Die sind besser zu reinigen, und es gibt keine Probleme, wenn einmal eine herunterfällt“, erklärt Verena Bormann-Gesterling.

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Für Marcel Borchers – hier mit Sohn Louis – ist der Direktverkauf der Milch erst einmal ein Versuch. Foto: bor

Vor rund vier Jahren haben die Bormann-Gesterlings die Hütte mit dem darin befindlichem Milchautomaten gebaut und dabei eine fünfstellige Summe investiert. Leben könne man von den Einnahmen bei den momentanen Milchpreisen von 19 bis 22 Cent nicht, klagen auch sie. „Da bleibt einfach zu wenig übrig“, erklärt die 37-Jährige. Es sei inzwischen mehr eine Imagegeschichte. Die Familie Bormann-Gesterling muss jeden Tag rund eine halbe Stunde Arbeitszeit für die Wartung und Reinigung des Milchautomaten einplanen. „Dabei helfen aber auch manchmal unsere drei Kinder mit“, meint die Kemnader Landwirtin; sie sind zwischen 12 und 15 Jahre alt. Nachdem der Automat trotz Überwachungskamera bereits dreimal aufgebrochen wurde, wird er nachts abgeschaltet und die Kasse geleert. Auch die nicht bezahlten oder gestohlenen Milchflaschen hätten leider dazu geführt, dass die Flaschen inzwischen im nebenan gelegenen Haus der Familie abgeholt werden müssen.

Positiv wertet Verena Bormann-Gesterling die Tatsache, dass manchmal auch größere Mengen an Rohmilch direkt bei ihnen gekauft werden. Ein Koch in Bodenwerder stelle daraus Mozzarella her, einige syrische Nachbarn benötigten die Rohmilch für die Käseherstellung. Bis zu 30 Liter der zwischen 4 und 6 Grad Celsius kalten Milch werden am Tag aus dem Automaten gezapft. Beim Lichterfest waren es auch schon einmal 70 Liter. Die Milch wird natürlich durchgehend von der Molkerei neben Zellgehalt und Keimzahl auch auf Fett, Eiweiß- und Wassergehalt getestet. Und mit Ulme, Flore, Bomber und Rose stehen im Stall des Bauernhofs auch vier 13 Jahre alte Kühe mit einer Gesamtlebensleistung von über 100 000 Litern Milch.

Milchprodukte vom Eis bis zum Joghurt bietet das „Melkhus“ des Reiterverein Bodenwerder seinen Mitglieder, Gästen und vorbeifahrenden Radfahrern an. Wohlgekühlt in Kühlschrank und Gefriertruhe wird gern einmal eine kleine Pause eingelegt, um ein kaltes Milchprodukt einzunehmen.

Einen anderen Weg der Direktvermarktung beschreitet seit Mitte des Jahres Marcel Borchers im Ziegeleiweg 21 in Bodenwerder. Er verkauft die Rohmilch seiner Kühe direkt aus dem Kühltank. Bei ihm ist, wie auch bei allen anderen Milchdirektvermarktern nach Vorgabe der Lebensmittelhygiene-Verordnung gut sichtbar ein Schild angebracht, wonach die Rohmilch vor dem Verzehr abzukochen sei. „Bei uns in der Familie wird die Rohmilch allerdings direkt verzehrt. Da hat es noch nie, auch nicht bei unseren Kindern, ein Problem gegeben“, sagt der Landwirt. „Sie schmeckt dann besser.“

Für den 35-jährigen Milchbauern ist die Direktabgabe erst einmal ein Versuch. „Von 8 bis 9 Uhr ist täglich sichergestellt, dass jemand von uns zu Hause ist“, schildert Borchers. Kunden seien zurzeit Nachbarn, Campingplatzgäste und die Rühler „Bäckerei am Weinberg“ von Rainer Mattukat. „Der Teig wird allein schon durch den höheren Fettgehalt geschmeidiger und das Gebäck bleibt länger frisch und saftig“, weiß der Bäckermeister. Trotz der derzeit nicht deckenden Herstellungskosten und den unbefriedigenden Milchpreisen hat Marcel Borchers in diesem Jahr in einen neuen Boxenlaufstall investiert, der bis zu 100 Kühe beherbergen kann. Die Kühe haben Zugang zu einem angrenzenden, befestigten Laufhof und bekommen witterungsabhängig die Möglichkeit geboten, die Weide aufzusuchen.

Einkauf auf dem Bauernhof als Erlebnis

Angesichts des Preistiefs bei Schweinefleisch und Milch beobachtet das Landvolk eine wachsende Kreativität von Landwirten bei der Vermarktung ihrer Produkte. So ziehen gerade in Nordniedersachen immer mehr Bauern die Einrichtung von Milchtankstellen in Betracht, berichtet Heike Bollmann vom Landvolk-Bauernverband. „Die Seminare, die die Landwirtschaftskammer dazu anbietet, sind ausgebucht.“ Allerdings wird laut Landvolk die Mehrzahl der Lebensmittel in Niedersachsen nach wie vor über die üblichen Vermarktungswege verkauft. Direktvermarktungsangebote seien eine Nische, würden aber gut angenommen, wenn Lage und Preis stimmen oder der Einkauf auf dem Bauernhof mit einem Erlebnis verbunden werde – wie das Tierestreicheln oder selber zu ernten. Auch der Trend zur Regionalität spiele den Direktvermarktern in die Hände.

Neben Milch werden inzwischen auch Obst, Gemüse und Fleisch aus Automaten verkauft. Das stehe aber noch am Anfang. Sollten sich bei den Vorreitern Erfolge einstellen, ziehen vermutlich noch einige Landwirte nach, sagt Bollmann. Allerdings könnte dieser Trend auch wieder ausgebremst werden, wenn die Preise für Milch und Fleisch wieder zulegen. Denn die Investitionen und der Aufwand seien recht hoch. Milchtankstellen dürfen nur am Ort der Erzeugung aufgestellt werden, weil dort Rohmilch verkauft wird. Um erfolgreich zu sein, müsse der Hof eine Lage haben, an der auch Laufkundschaft vorbeikommt.

Als ein weiterer neuer Vermarktungsweg biete sich das Internet an, auf das schon einige Landwirte setzen.



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