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Hinaus in die Natur – Betrachtungen des Chronisten Theodor Reitemeyer

„Perle des Wesertals“

BODENWERDER. Jetzt werden sie wieder allerorten geschnürt, die Wanderstiefel. Egal, ob als Familienausflug, Spaziergang mit oder ohne Hund oder gar die Tageswanderung in der Gruppe – die Menschen zieht es hinaus. Echte Wanderer kennen freilich keine Jahreszeit und scheuen auch im Winter nicht die frische Luft. Bewegung in der freien Natur ein wichtiger Faktor für das Wohlbefinden und gehört für viele zum Fitness- und Sportprogramm oder einfach nur zum Sonntagsvergnügen.

veröffentlicht am 19.04.2017 um 17:10 Uhr

Rast an der Münchhausengrotte nach einem Spaziergangdurch den Berggarten. (Aufnahme aus den 1920er Jahren). foto: pr/Archiv
Beißner

Autor

Karin Beißner Reporterin
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In der Ortschronik von Kemnade hält Theodor Reitemeyer 1909 im Kapitel über die kulturelle Ortsentwicklung Rückschau auf unsere Vorfahren im 19. Jahrhundert und ihren Umgang mit der Natur. Er berichtet: „Wer noch vor einem Menschenalter nicht gezwungen war, den Wald aufzusuchen oder die Berge zu besteigen, der starb dahin, ohne je einen Fuß dahin gelenkt zu haben. Man ruhte wohl Sonn- und Festtags von der Werktagsarbeit, saß innerhalb seiner vier Pfähle oder vor Nachbars Tür im traulichen Geplauder oder auch zechend, singend und spielend im Kruge (Gasthof); aber an schönen Sommertagen mit Weib und Kind den Wald aufzusuchen oder die Berge zu besteigen, das hielt man denn doch mindestens für überflüssig, auch wohl für sonderbar und ungeheuerlich.“

Zu Reitemeyers Zeit hatte sich die Einstellung zur Natur schon geändert und er ergeht sich in Schwärmereien über die Schönheit in unserer Gegend, welche wie er meint, mit Recht die „Perle des Wesertals“ genannt wird: „Und wie weitet das Besteigen unserer Berge die Brust! Wie lässt der Anblick der Wunderwerke Gottes das Herz höher schlagen! Siehe am Fuße der Berge den sich durch grüne Wiesen und prangende Saatfelder hinschlängelnden Fluss und im fernen Westen die untergehende Abendsonne mit ihrer dunkelroten Scheibe am Firmament. Kunstwerke können auch wohl religiöse Gedanken erwecken, aber unsere Naturbilder können sie in ihrer Wirkung nicht ersetzen.“

Jetzt sieht man auch den Arbeiter mit Weib und Kind an schönen Sommertagen dem Walde zueilen.

Theodor Reitemeyer, Chronist

Schon Ende des 19. Jahrhunderts erkannten die Verantwortlichen für Bodenwerder-Kemnade, welch ein Potential in unserer Landschaft steckt und dass es notwendig ist, den Sinn für die Schönheiten der Natur zu wecken und zu pflegen. Zu dem Zweck wurde ein „ Verschönerungsverein“ gegründet, der „Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs“, welcher sich die Aufgabe gestellt hat, den Naturfreunden die reizvolle Gegend immer mehr zu erschließen. Der Chronist zeigt sich zufrieden mit den Bemühungen: „Jetzt sieht man auch den Arbeiter mit Weib und Kind an schönen Sommertagen dem Walde zueilen. Die Zahl der Fremden, welche in der Sommerzeit das Wesertal aufsuchen, beläuft sich auf viele Tausende, so dass während vor 50 Jahren nur ein Personendampfer den Verkehr zwischen Münden und Hameln vermittelte, jetzt deren fünf – „Kronprinz Wilhelm“, „Kaiser Wilhelm“, „Kaiser Friedrich“, „Fürst Bismarck“ und „Graf Moltke“ – zur Einstellung gekommen sind. Auch die hiesige Sommerfrische Bodenwerder-Kemnade erfreut sich im Sommer eines recht lebhaften Besuchs. Als besonderer Anziehungspunkt gilt der Münchhausensche Berg mit der von Hieronymus von Münchhausen („Lügenmünchhausen“) 1763 erbauten Muschelgrotte mit Grottenhäuschen, in deren Nähe man noch jetzt im Geflüster der Bäume das Lachen der Gäste Münchhausens zu vernehmen glaubt.“

Blick von der schönen Aussicht am Hopfenberg auf Bodenwerder. (Aus dem Jahr 1911). Foto:pr/archiv
  • Blick von der schönen Aussicht am Hopfenberg auf Bodenwerder. (Aus dem Jahr 1911). Foto:pr/archiv
Bei einem Aufstieg zur Königszinne bot sich dem Wanderer dieser Blick auf Bodenwerder. (Aufnahme vor 1930). Foto: pr/archiv
  • Bei einem Aufstieg zur Königszinne bot sich dem Wanderer dieser Blick auf Bodenwerder. (Aufnahme vor 1930). Foto: pr/archiv

Was Reitemeyer Anfang des 20. Jahrhunderts schreibt, klingt schwülstig und übertrieben, ist aber dem Zeitgeist entsprechend. In der heutigen Zeit ist die Werbung für die Natur und das Wesertal sachlicher, aber nicht weniger attraktiv. Und trotz der Medien, die viele Geheimnisse der Gegend schon offenbart haben, gibt es für den Wanderer und Pilger auf den Wegen durch Bodenwerders Umgebung noch viel zu entdecken.

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