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„Ohne Elektronik geht heute nichts mehr“

Von Inken Philippi

Bodenwerder. „Diese kleinen Plastikgeräte geben oft ein Stück Selbstsicherheit zurück“, sagt Thomas Lindenkohl und weist dabei auf einen Kasten mit bunten Hörgeräten. Sie sind winzig, am Ohr kaum zu sehen „und ermöglichen vielen Leuten am alltäglichen Leben wieder aktiv teilzunehmen, einfach weil sie dem Geschehen um sich herum wieder folgen können“.

veröffentlicht am 07.02.2010 um 14:38 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 19:41 Uhr

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Von Inken Philippi

Bodenwerder. „Diese kleinen Plastikgeräte geben oft ein Stück Selbstsicherheit zurück“, sagt Thomas Lindenkohl und weist dabei auf einen Kasten mit bunten Hörgeräten. Sie sind winzig, am Ohr kaum zu sehen „und ermöglichen vielen Leuten am alltäglichen Leben wieder aktiv teilzunehmen, einfach weil sie dem Geschehen um sich herum wieder folgen können“.
 „Der Fortschritt auf diesem Gebiet ist unübersehbar“, sagt Gerhard Lindenkohl und zeigt auf Hörrohr und Hörbrille aus Anfangszeiten. Der 78 Jahre alte Hörgeräteakustiker und seine Ehefrau Ilse haben 1965 ihre Prüfung in diesem Fach abgelegt. „Da begann dieser Beruf erst zu existieren“, sagt Gerhard Lindenkohl. Die Senioren freuen sich ihren eigenen Worten zufolge, dass Sohn Thomas jetzt in ihre Fußstapfen tritt – der 53-Jährige hat im vergangenen Jahr seine Meisterprüfung als Hörgeräteakustiker abgelegt und somit bleibt dieser Service in der Region erhalten.
 „Ältere Menschen wissen das Angebot hier vor Ort zu schätzen“, sagt Thomas Lindenkohl und deshalb sei diese jüngste Meisterprüfung für ihn als Optikermeister auch sehr wichtig. „Das ist auch ein Schritt, mit der Zeit zu gehen“, sagt Thomas Lindenkohl. Der Hörgeräteakustiker-Meister muss es wissen, denn setzte Gründer Oskar Görlandt vor 127 Jahren noch allein auf das Uhrmacherhandwerk, so wurde das Sortiment von Generation zu Generation um Schmuck und optische Artikel wie Kneifer, Lupen und Ferngläser erweitert. Mit der Währungsreform nach dem Zweiten Weltkrieg hielten auch die Hörgeräte Einzug bei Görlandt.
 Technisch ausgefeilt sind die Hörgeräte, die beim Fachmann angeboten werden. „Wir stellen die Technik speziell auf den Kunden ein.“ Dann wird das kleine Wunderwerk eine Weile am Ohr Probe getragen und Feinheiten können reguliert werden. „Wichtig ist hier ganz besonders, dass uns der Träger Schwierigkeiten mitteilt, damit wir immer wieder reagieren und unterstützend eingreifen können.“ Nur so könne ein optimales Hörergebnis erzielt werden.
 Um das zu erreichen, arbeitet Lindenkohl junior täglich in seinem Akustik-Raum und das natürlich mithilfe eines Computers, „ohne elektronische Unterstützung geht heute auch bei uns nichts mehr“, sagt der Unternehmer lächelnd. Da hat der Senior noch ganz andere Erfahrungen.
 „Als die ersten Hörgeräte aufkamen, wurden sie in der Gastwirtschaft verkauft, von fliegenden Händlern, das war gegen Ende der 50er Jahre.“ Individuelle Anpassung: Fehlanzeige, von Feinabstimmung ganz zu schweigen. Besonders wichtig sei es bei Hörproblemen zeitig Hilfe zu suchen, erklären die Männer einhellig, denn das Hören finde auf zwei Ebenen statt: im Ohr und im Gehirn. „Das bedeutet, dass Menschen die schon lange Zeit schwerhörig sind, sich auch schwerer an eine Hörhilfe gewöhnen können, weil plötzlich alles ungeheuer laut für sie wird und sie das richtige Hören im Gehirn erst wieder neu erlernen müssen.“
 Vorwiegend ältere Menschen sind von Schwerhörigkeit betroffen, aber auch die Zahl der jungen Menschen mit Hörproblemen habe in den zurückliegenden Jahren deutlich zugenommen, so Lindenkohl junior. „Das liegt sicher auch an Walkman und MP3-Player, aber es ist vor allen Dingen die Lautstärke in der Freizeit, die die Probleme verursacht und die Lärmbelastung geht heute nicht nur von Tonträgern jeder Couleur aus, auch das gesamte Umfeld der jungen Leute ist einfach lauter geworden.“
 Die jüngeren Generationen seien es auch, an die sich die technisch ausgefeiltesten Geräte unter den Hörhilfen richteten. Bluetooth-Funkübertragung, lernfähige Systeme, anpassungsfähige Richtmikrofone und abgemilderte Windgeräusche könnten heute ein nahezu natürliches Hörerlebnis garantieren.
 Ständige Anpassung des Sortiments, Fortbildung der Inhaber und Mitarbeiter sowie die familiäre Atmosphäre mit langjährigen Kunden hätten dazu geführt, dass das Geschäft „Görlandt“ seit über 100 Jahren zum Stadtbild von Bodenwerder gehöre. Erfahrungen würden dort über Generationen weitergegeben und mit der 24 Jahre alten Tochter Anne, die als Optikerin in Kassel arbeitet, stehe die fünfte Generation in den Startlöchern, sagt Lindenkohl junior.

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