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Oft haben sie längere Tage als ihre Eltern

Von Inken Philippi

Hohe/Brökeln. Es ist 5.50 Uhr, der Wecker klingelt und für Jana und Alina Stolle, beide elf Jahre alt, ist die Nacht zu Ende. Müde drehen sich beide nochmal um, aber in spätestens zehn Minuten müssen sie aus dem Bett sein, sonst wird es knapp und sie werden den Schulbus verpassen. Die Zwillinge aus Hohe sind Schülerinnen des Albert-Einstein-Gymnasiums in Hameln. Für den Schulbesuch müssen die beiden Mädchen einen langen Weg auf sich nehmen.

veröffentlicht am 08.12.2009 um 13:21 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 21:41 Uhr

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Von Inken Philippi

Hohe/Brökeln. Es ist 5.50 Uhr, der Wecker klingelt und für Jana und Alina Stolle, beide elf Jahre alt, ist die Nacht zu Ende. Müde drehen sich beide nochmal um, aber in spätestens zehn Minuten müssen sie aus dem Bett sein, sonst wird es knapp und sie werden den Schulbus verpassen. Die Zwillinge aus Hohe sind Schülerinnen des Albert-Einstein-Gymnasiums in Hameln. Für den Schulbesuch müssen die beiden Mädchen einen langen Weg auf sich nehmen.
 Um 6.30 Uhr erreichen die beiden die Haltestelle inmitten des Dorfes. In der Regel treffen sie dort die anderen Frühaufsteher aus Hohe und Brökeln: Franziska, Niklas, Bjarne, Cedrik und Jan Philip warten dort im Morgengrauen zusammen mit ihnen, oft spielen sie noch eine Runde Fußball. Um 6.45 Uhr kommt der Bus. Um 7.50 Uhr beginnt der Unterricht. Die Kinder aus Hohe und Brökeln sind dann schon mindestens zwei Stunden wach. Alle haben zuhause gefrühstückt oder tun es unterwegs, sonst kommt der Hunger vor der großen Pause.
 32 Schüler besuchen die 6. Klasse von Jana und Alina. Auf dem Stundenplan stehen jeden Tag sechs Stunden, schließlich ist die Zeit zum Abitur knapper als noch vor ein paar Jahren. In 12 Jahren müssen sie heute dasselbe lernen wie früher in 13, da wird die Arbeitszeit für Elfjährige schon mal länger.
 Nach Schulschluss sind sie kurz nach 14.30 Uhr wieder zuhause, dann essen sie Mittag und machen ihre Hausaufgaben. „In der fünften Klasse haben wir auch mal eine Arbeitsgemeinschaft besucht“, erzählt Jana, aber dann endete die Schule erst um 15.20 Uhr, per Bus erreichten sie nicht vor 17 Uhr ihren Heimatort, es sei denn, sie wurden von ihren Eltern abgeholt. Das war zu lang, Hausaufgaben, Vokabeln lernen, Klassenarbeiten vorbereiten, dafür fehlte die Zeit, auf Arbeitsgemeinschaften verzichten die Zwillinge deshalb vorerst.
 In den höheren Jahrgängen werden die Stundenpläne noch voller, das wissen die Mädchen. Dann werden sie manchmal längere Arbeitstage haben als ihre Eltern. Trotzdem sehen sie und ihre Mitschüler aus den beiden Bergdörfern die Sache gelassen: „Eigentlich belastet uns der lange Schulweg nicht, wir hören Musik, machen auch manchmal ein bisschen Quatsch mit den anderen oder lernen nochmal Vokabeln“, erklärt Jana. Dazu kommt, dass die Klasse vornehmlich aus Fahrschülern besteht. Geteiltes Leid ist da auch halbes Leid. Wenn sie Freunde aus ihrer Klasse besuchen wollen, fahren sie in der Regel gleich nach der Schule mit ihnen nach Hause, abends holen sie ihre Eltern dort ab.
 Bleibt bei soviel Schule denn überhaupt noch Zeit für Hobbys? „Klar“, antworten Jana und Alina, sie spielen Fußball und Gitarre und gehen zum Trampolinturnen. Fahrschüler haben keine Langeweile, meistens sind sie auf dem Weg „irgendwohin“. Nur in Stoßzeiten, wenn besonders viele Klassenarbeiten anstehen, fällt der Sport hin und wieder der Schule zum Opfer, da müssen Prioritäten gesetzt werden. „Das kommt aber selten vor“, sagt Alina.
 Wäre es nicht einfacher, wenn sie in Hameln oder zumindest näher dran wohnten? „Auf keinen Fall“, erklären die Fahrschüler aus Hohe und Brökeln. Keiner von ihnen würde das Dorf verlassen wollen, um näher an der Schule zu sein. Dann schon lieber Busfahren. Erstaunlicherweise sind die meisten von ihnen trotz relativ großer Arbeitsbelastung gute Schüler.
 Vielleicht liegt es daran, dass sie schon mit zehn Jahren allein für den Schulbesuch viel Disziplin aufbringen müssen. Sie betrachten den Besuch des Gymnasiums immer noch als Privileg.
 Der Bildung gilt es dabei viel zu opfern. Spätestens ab der 11. Klasse müssen dann auch ihre Eltern Opfer bringen und zwar solche finanzieller Natur, denn dann müssen sie die Fahrkarten zur Schule selbst bezahlen. Im Augenblick kostet der Transfer für einen Schüler der 11. Klasse von Hohe bis zum Albert-Einstein-Gymnasium monatlich knapp 130 Euro.
 Für Familie Stolle werden sich die Fahrtkosten, wenn es schulisch für Jana und Alina so gut weiterläuft wie bisher, dann also auf ungefähr 260 Euro monatlich belaufen. Bei geschätzten acht Monaten Schulbesuch im Jahr wird der Besuch des elften und zwölften Jahrgangs die Eltern von Jana und Alina mindestens 4160 Euro allein für den Bustransfer kosten. Hinzu kommen Klassenfahrten, Schulbücher und der gängige Bedarf an Heften und Stiften.
 Vater Oliver Stolle arbeitet in einem Metall verarbeitenden Betrieb als Schichtarbeiter, Mutter Andrea ist als Einzelhandelskauffrau in Teilzeit beschäftigt. Die Fahrtkosten werden für sie harte Einschnitte bedeuten. Trotzdem werden sie und die anderen Eltern der Fahrschüler den Besuch des Gymnasiums für ihre Kinder möglich machen. Bereits jetzt fahren sie manchmal selbst nach Hameln oder zurück, um die Belastung der Kinder möglichst gering zu halten. Der Schulbesuch ist längst zum Familienprojekt geworden.
 Den Eltern der Fahrschüler ist bewusst, dass der Schulweg nach Hameln im Falle eines Gymnasium-Besuchs immer zurückgelegt werden muss. Die Frage ist allerdings wann. Ein Kind, das mit 12 Jahren nach acht Stunden Schule erst um 17 Uhr zuhause ist, wird am Abend kaum noch lernen können. Dazu kommen immense Kosten für die Fahrschüler gerade in den letzten Jahren des Schulbesuchs, sodass von gleichen Chancen auf Bildung für die Familien aus Hohe und Brökeln wohl kaum die Rede sein kann.
 Darüber machen sich Jana und Alina momentan aber noch keine Gedanken. Es ist spät geworden, schon nach 21 Uhr. Normalerweise liegen die Zwillinge jetzt bereits im Bett, denn um 5.50 Uhr ist die Nacht für sie schon wieder vorbei. Nur in Kirchbrak wird noch früher aufgestanden, denn dort fährt der Bus für die Gymnasiasten bereits um 6.15 Uhr ab.



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