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Schriftsteller, Schamane und Stammeshäuptling Galsan Tschinag erzählt humorvoll in Kiels Sonnengarten

Mittler zwischen den Welten

OTTENSTEIN. „Deutsch zu lernen ist der Inhalt meines Lebens“, sagt Galsan Tschinag, „mein Ziel ist es, meinen Deutschkenntnissen täglich drei Wörter hinzuzufügen.“ Das Thema Sprache ist eines der Dinge, die den mehrfach ausgezeichneten Schriftsteller und Mittler zwischen den Welten, wie er sich selbst bezeichnet, bewegen. Darüber und über sein Leben, sein Land und sein Volk berichtet der Mongole in Kiels Sonnengarten. Die 60 Gäste erleben einen kurzweiligen und humorvollen Abend mit dem Schriftsteller, Schamanen und Stammeshäuptling der Tuwa. Zusammen mit seinem jüngsten Sohn Galtai war er auf Einladung seiner langjährigen Freundin Angelika Dencker auf die Hochebene gekommen.

veröffentlicht am 15.10.2017 um 13:04 Uhr

Schriftsteller, Schamane und Stammeshäuptling Galsan Tschinag signiert in der Pause Bücher. Foto: KB
Beißner

Autor

Karin Beißner Reporterin
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Geboren wurde er während des Zweiten Weltkrieges „als Stalingrad eingekesselt war“, besuchte mit fünf Jahren die Schamanenschule und erinnert sich an eiskalte Füße in der wenig geheizten Schule und die Freude auf die Pause, wo er marschieren und patriotische Lieder singen durfte. „Ich hatte eine entbehrungsreiche Kindheit, aber darüber will ich nicht schlecht reden. Ich wurde dadurch körperlich ertüchtigt, geprägt und gestärkt“, erzählt er. Diese Eigenschaften haben ihn wohl auch beim Erlernen der deutschen Sprache unterstützt.

Bei einem dreimonatigen Praktikum in Weimar verbrachte er viel Zeit im Goethe-Haus. „Eines Tages ritt mich der Teufel und ich legte mich auf Goethes Bett. Ich bin ja klein, aber der große Dichter war noch einen halben Kopf kleiner als ich“, freut er sich. Goethe bewundert er sehr. Später, nachdem er sein Studium mit Auszeichnung abgeschlossen hatte, reiste er im Auftrag der Goethe-Gesellschaft nach Australien, um den Bewohnern den großen deutschen Dichter nahezubringen. Jede Sprache ist Galsan Tschinag wichtig, auch kleine Sprachen und Dialekte sollten gepflegt werden, um sie zu erhalten. Sprache sei das Kulturgut des Menschen, die wahre Mutter der Heimat. Im Ausland sei es für jeden eine Freude, Worte seiner Heimatsprache zu hören. Galsans Muttersprache, das Tuwenisch, wird nur von 300 000 Menschen gesprochen. An die Zuhörer richtet er die Bitte, dass jeder seiner eigenen Sprache ein neues Wort hinzufügen möge: „lieber Gast“ gibt es, aber nicht „liebe Gästin“. Warum eigentlich nicht? Wichtig ist ihm auch, die deutschen Ausdrücke zu verwenden, statt „okay“ gibt es doch „ja, einverstanden, gut so oder einfach in Ordnung“. Seine Romane schreibt er auf Deutsch, hat unter anderen den Heimito-von-Doderer-Literaturpreis für die Weiterentwicklung der deutschen Sprache bekommen. Doch Gedichte und Gesänge verfasst er in seiner Muttersprache. Beim Signieren seiner Bücher in der Pause benutzt er beide Sprachen und nimmt sich viel Zeit. Für jeden schreibt er eine persönliche Widmung und setzt die Unterschrift – von oben nach unten – in seiner Schrift dazu.

Das zweite Thema, das Galsan Tschinag bewegt, ist die Natur. Er arbeitet als Schamane, als Naturheiler. Deshalb ist ihm die Bewaldung seiner Heimat auch so wichtig. Eine Millionen Bäume im Altai-Gebirge und der mongolischen Steppe neu anzupflanzen, hat er sich zum Ziel gesetzt. Dazu hat er eigene Baumschulen gegründet, die Setzlinge von 20 verschiedenen Baumarten züchten. 700 000 Bäume sind mit Hilfe eines Fördervereins Mongolei schon gepflanzt. Er ist gegen das Leben im Überfluss, auch mit 80 Prozent kann der Mensch noch glücklich sein. Sein Volk praktiziert das, es ernährt sich von nur zwei Mahlzeiten am Tag, ist bescheiden. Galsan Tschinag, der ein Drittel des Jahres bei seinem Stamm verbringt, lädt seine Zuhörer ein, sein Volk und die Mongolei zu besuchen. Um schon einmal eine Vorstellung von den Gesängen seines Volkes zu bekommen, singt er gebärdenreich und hingebungsvoll, begleitet von seinem Sohn, ein tuwenisches Hirtenlied zum Abschluss. In dieser Stimmung verließen die Besucher die beeindruckende Veranstaltung und wurden draußen noch mit einem Sternenhimmel über der Hochebene belohnt.

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