weather-image
23°
Die Gerberei hat in Bodenwerder eine lange Tradition

Mit Lohe und Weserwasser zum Erfolg

BODENWERDER. Eines der wenigen noch bestehenden Industrieunternehmen in direkter Umgebung von Bodenwerder sind die Heller-Lederwerke. Dort werden heute mit modernsten Mitteln Häute gegerbt. Der Beruf des Gerbers hat seit dem frühen 18. Jahrhundert in Bodenwerder Tradition. Damals lautete die Berufsbezeichnung Lohgerber, da die Häute in der Lohe, einem Sud aus Eichenrinde, eingeweicht wurden.

veröffentlicht am 30.01.2018 um 19:05 Uhr
aktualisiert am 30.01.2018 um 21:00 Uhr

Das Zeichen der Lohgerber ziert den Giebel des Hauses der Lohgerbergilde an der Homburgstraße. Foto: kb
Beißner

Autor

Karin Beißner Reporterin
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Erste Lohgerber wurden schon um 1700 namentlich erwähnt. 1763 heißt es in der Chronik: „60 Jahre lang haben allhier drei ordentlich gelernte Lohgerber gewohnt und ihre Profession für sich allein betrieben.“ Das von ihnen produzierte kräftige, strapazierfähige Leder wurde für Schuhsohlen, Stiefel, Sättel und Ranzen verwendet. Es war nur wenig elastisch, dafür aber widerstandsfähig gegen Wasser.

Zu der Zeit besaßen die Gerber noch keine eigene Gilde (Genossenschaft). Die Regierung verfügte, dass sie sich der Schuhmacher-Gilde anschließen sollten. Das jedoch war ihnen ein Dorn im Auge, da die Schuhmacher angefangen hatten, auch als Lohgerber zu arbeiten, ohne das Handwerk gelernt zu haben. Es gab massive Proteste. Am 2. November 1767 schließlich genehmigte Georg III., König von England und Kurfürst von Hannover, das Führen einer eigenen Gilde und verbot gleichzeitig den Schuhmachern, Lohgerberei zu betreiben. Auf dem Wappenzeichen der Gilde sind zwei Löwen zu sehen, die die Tatzen zu einer Krone erheben. In der Mitte befindet sich ein Rührholz, wie es zum Wenden der Häute benutzt wurde. Das Haus Nummer 101 in der Homburgstraße trägt im Giebel dieses Zeichen. Es war das Amtshaus der Lohgerbergilde. Dort wohnte wohl ein Meister dieser Zunft. Das Amtssiegel der „Loh- und Rohtgerber“ aus der Zeit befindet sich im Heimatmuseum.

Es gab zu der Zeit auf der Insel Bodenwerder sechs Gerber. Die Anzahl erhöhte sich 1833 auf zehn einheimische Meister, neun Gesellen und vier Lehrlinge. Wer Meister werden wollte, musste eine Prüfung ablegen, die darin bestand, sowohl helles (falbes), als auch schwarzes Leder zu gerben. Außerdem musste der Prüfling den Arbeitslohn und die Kosten berechnen können. 1856 schlossen sich die Sattler der Lohgerber-Gilde an.

1833 gab es zehn einheimische Meister, neun Gesellen und vier Lehrlinge.

Karl Rose, der in seiner Chronik eine Aufstellung aller damals vorhandenen Häuser und deren Bewohner anfertigte, nennt dort viele Namen mit der Berufsbezeichnung des Gerbers. Zwei Namen sind mit der Geschichte dieser Zunft ganz besonders verbunden, Ludwig Freise und Carl Ludewig. Ludwig Louis Freise betrieb sein Handwerk in heute historischen Mauern. Er hatte 1871 den gesamten Gutshof der Familie Münchhausen gekauft und dort eine Gerberei einrichten lassen. Das Gewerbe stand damals in Bodenwerder in voller Blüte. Im heutigen Museum, der Schulenburg, war die Gerberwerkstatt. Freise hatte dafür, um genügend Raum zum Trocknen der Felle zu schaffen, den oberen Aufbau des Gebäudes völlig verändert. Die Form aus Fachwerk und Ziegelsteinen mit den vielen Luken und Klappen war geprägt von den Merkmalen der wirtschaftlichen Nutzung als Gerberei. Bis 1853 betrieb Ludwig Freise sein Unternehmen, dann ging er in Konkurs.

Am Ostufer der Weser baute Gerbermeister Carl Ludewig jun. 1880 eine Gerberei auf. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde das Gewerbe auf der Insel Bodenwerder in elf kleineren handwerklichen Betrieben ausgeübt. Die einfachen Gerber gerbten die Häute auf ihren Grundstücken. Dafür wurde ein etwa zwei Quadratmeter großes Loch ausgehoben, das mit der Lohe gefüllt wurde. Darin blieben die Häute bis zu drei Jahren liegen, in denen sie dann zu Leder wurden. Das fertige Produkt wurde exportiert und wegen seiner guten Qualität, die durch das weiche Weserwasser erzielt wurde, gern genommen, besonders das Oberleder. Die elf Gerber erzielten für ihre Produkte gute Preise. Die Eichenlohe, mit der gegerbt wurde, konnten sie günstig im Braunschweigischen bekommen, wo große Eichenbestände abgeholzt wurden.

Gerbermeister Ludewig gab dem Gewerbe weiter Aufschwung, doch die kleinen Betriebe gingen allmählich ein. Viele ihrer Besitzer fanden als gute Handwerker Arbeit in dem neuen Ludewigschen Großbetrieb mit mehr als 30 Arbeitsplätzen. Die Firma bekam für ihre Lederprodukte mehrere Auszeichnungen und belieferte verschiedene Märkte. Nach der Schließung der Fabrik 1934 erwarb der Landhandel Karlbaum das Gebäude und nutzte es fortan als Kornspeicher.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare