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Als es in Bodenwerder noch Nachtwächter gab / Erst 1957 endet die Tradition

Mit Hellebarde und Laterne

Bodenwerder. „Hört ihr Herrn und lasst euch sagen…“ – mit diesen Worten verkündete der Nachtwächter den Bürgern die vollen Abend- und Nachtstunden. Jede Nacht war er, bewaffnet mit einer Hellebarde, mit Laterne und Horn auf den Straßen und in den Gassen unterwegs. Er sorgte für Ruhe und Ordnung, überwachte das Verschließen der Haustüren und der Stadttore und kümmerte sich um verdächtige Personen auf den nächtlichen Straßen, die er notfalls auch in Gewahrsam nehmen durfte. Bei außergewöhnlichen Ereignissen weckte und warnte er die schlafenden Bürger mit seinem Horn.

veröffentlicht am 28.10.2015 um 15:44 Uhr
aktualisiert am 26.10.2016 um 08:56 Uhr

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Autor:

VON KARIN BEIßNER
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Auch Bodenwerder hatte eine lange Nachtwächtertradition. Zwei Stadttore, das Obere Tor in der Weserstraße und das untere Mühlentor, die Zugänge ins Stadtinnere, musste der Nachtwächter Abend für Abend kontrollieren. Sie wurden mit Beginn der Dämmerung geschlossen, damit keine dunklen Gestalten in die Stadt kamen. Eine wichtige Aufgabe war auch die Warnung der Bevölkerung bei Ausbruch eines Feuers und bei Hochwasser. Der nächtliche Aufpasser beobachtete bei Eisgang den Wasserstand der Weser und warnte die Bevölkerung, wenn der Fluss über die Ufer zu treten drohte. Dann blies er kräftig in sein Horn, und das dumpfe Tuten weckte die Bürger. Das Horn wurde aber auch für friedliche Zwecke genutzt. Zu jeder vollen Stunde verkündete es die Zeit. Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts Bodenwerder Sommerfrische wurde und viele Gäste kamen, um die Jod-Sole-Quelle zu nutzen oder sich beim Wandern zu erholen, fühlten sie sich durch die nächtlichen Signale in ihrer Ruhe gestört und beschwerten sich. So beschlossen die Stadtväter schon vor dem Ersten Weltkrieg, diesen Brauch ad acta zu legen. Von nun an wurde das Horn nur noch bei Gefahr benutzt.

Der erste namentlich bekannte Nachtwächter war Fritz Bunte, der 1913 seinen Dienst antrat. Ihm folgten bis zum Zweiten Weltkrieg Heinrich Brandt, Karl Tappe und Wilhelm Reuter. Nach dem Krieg begann in Bodenwerder eine unruhige Zeit. Schweinediebe und dunkle Existenzen waren nachts unterwegs. Um ihrer Herr zu werden, richtete die Stadt einen besonderen nächtlichen Wachdienst ein: Alle männlichen Einwohner wurden verpflichtet, nachts mit einem Knüppel bewaffnet auf Streife zu gehen. Erst 1947 wurde wieder ein offizieller Nachtwächter berufen. Am 1. Februar trat der städtische Waldarbeiter Karl Heinemeier seinen Dienst an. In einem Zeitungsartikel von 1950 heißt es über ihn: „Es war sein Wunsch, in der damaligen unsicheren Zeit, neben der Polizei mitzuhelfen, die nächtliche Ordnung und Ruhe der Stadt zu gewährleisten. Wolf und Senta, seine treuen vierbeinigen Begleiter – im Springen, Spursuchen, Schwimmen, aber auch im Gehorchen zwei prächtige Schäfer-

hunde – sind stets voll freudiger Ungeduld, wenn die Stunde der Nachtwache schlägt und es heißt, ihren Herrn auf seinen nicht immer gefahrlosen Streifen bis zum frühen Morgen zu begleiten. Im Aufspüren von Dieben sind sie ganz groß. Wird ihr Herr mit Stich- oder Hiebwaffen ernstlich bedroht, erkennen sie nicht nur sofort die Gefahr, sondern meistern sie auch und konnten bisher stets die Angreifer unschädlich machen. Eine vom Stadtrat ausgesprochene Belobigung zeichnete Karl Heinemeier besonders aus.“

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Benno Laufmann, der bei seinen Großeltern in dem ehemaligen Mehrfamilienhaus am Münchhausenplatz 10, dem sogenannten Roten Hof, lebte, erinnert sich noch gut an Karl Heinemeier und seine Frau Anna, die im gleichen Haus wohnten. Beide konnten ihre Neugier nur schwer bezähmen und wollten über alles und jeden Bescheid wissen. Das führte dazu, dass sie oft auch aufgezogen wurden. So teilte ein anderer Hausbewohner eines Tages mit: „Sie haben da einen auf der Straße gefunden.“ Auf die neugierige Frage: „Wen denn?“ war die Antwort: „Einen Zigarrenstummel!“ Karl Heinemeier kümmerte sich um alles, um offene Fenster, die Liebespaare im Park, die Jugendlichen vorm Kino, die ihm ihre Ausweise zeigen mussten, und auch darum, dass Benno Laufmanns Großvater pünktlich zur Arbeit ging. Er hatte eben eine sehr wichtige Aufgabe.

Als sich nach der Währungsreform die Zeiten normalisierten, verzichtete die Stadt auf den Dienst des Nachtwächters, und so beendete Karl Heinemeier am 30. September 1957 die Tradition. Seine Utensilien – Tute, Lampe und Uhr sowie sein Foto – sind im Eingangsbereich des Münchhausen-Museums ausgestellt.

Heute lassen einige Städte den Nachtwächter wieder auferstehen. Doch ist ihre Aufgabe eine ganz andere. Sie sind Stadtführer und berichten in ihren traditionellen Gewändern bei einem abendlichen Gang durch die Stadt auf unterhaltsame Weise aus der Stadthistorie und über die tägliche Arbeit des Nachtwächters. Was könnte ein Nachtwächter wohl heute über Bodenwerders finstere Zeiten erzählen?



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