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Immer auf Achse in Bodenwerder und Umgebung: Alida Weiß arbeitete als Reporterin in den 50er Jahren

Mit Fahrrad und Füller unterwegs - Wie Zeitung früher gemacht wurde

BODENWERDER. „Ich musste immer mit, wenn meine Mutter die Bürgermeister in den Orten abklapperte“, erzählt Maike Weiß. Noch sehr gut in Erinnerung ist ihr die Tätigkeit ihrer Mutter, die in den 50er Jahren für den „Täglichen Anzeiger Holzminden“ und die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ als Reporterin unterwegs war. Wie anders war ihre Arbeit damals...!

veröffentlicht am 23.08.2017 um 17:32 Uhr

Alida Weiß in den 50ern, rechts ein von ihr verfasster Text über Münchhausens Grabstätte. Foto: privat
Beißner

Autor

Karin Beißner Reporterin
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Alida Weiß war durch ihren Mann Gottfried zu ihrer Tätigkeit gekommen. Der hatte, nachdem er 1946 aus der Gefangenschaft kam, für die Zeitung geschrieben, manche Artikel verfassten beide zusammen. Dann übernahm Alida den Job. Zu den Interviews und Einsätzen fuhr sie mit dem einzigen Fahrrad der Familie, ein Auto gab es nicht. Maike als jüngstes Kind saß auf dem Gepäckträger und musste immer mit. Es war üblich, bei den Ortsbürgermeistern der Umgebung anzufragen, ob es etwas aus der Gemeinde zu berichten gäbe. Sogar bis nach Eschershausen fuhr die Reporterin mit dem Rad, um von einem Gerichtsprozess zu berichten. Bei der Arminiuswerft hatte es eine Unterschlagung gegeben, die den Selbstmord des Beschuldigten nach sich zog. Sie betitelte den Bericht mit „Prozess im Schatten eines Toten“. Auch zu Feuerwehrübungen und -einsätzen ging es per Rad und mit dem Ehrgeiz, eher vor Ort zu sein als die Feuerwehr selbst. Alida nutzte jede Gelegenheit zu berichten, wobei ihr aber die Berichte über den Kaninchenzüchter-Verein oder die Haus- und Grundbesitzer viel zu trocken waren. Am liebsten schrieb sie Geschichten, wie über den 80-jährigen Harfenspieler aus Pegestorf, der sein Instrument im Bollerwagen zu Geburtstagen und Hochzeiten zog. Oder über die neu entdeckte Langenfelder-Höhle, in die sie junge Höhlenforscher mitnahmen und wo sie sich zeitweise bäuchlings fortbewegen musste. Streng geheim war alles, namentlich durfte die Höhle in ihrem Artikel nicht genannt werden.

Aber manchmal, wenn es gut lief, gab es auch einen 20 DM-Tag, dann durften wir eine Tafel Schokolade kaufen.

Maike Weiß, Tochter von Alida Weiß

Alida Weiß war viel unterwegs, denn je mehr Zeilen sie schrieb, desto mehr Geld konnte sie zum knappen Haushalt beisteuern. Mit zehn Pfennig wurde eine Zeile honoriert. Oft wurden Artikel gekürzt oder erschienen gar nicht. Eine Entschädigung gab es nicht, das war Berufsrisiko. „Aber manchmal, wenn es gut lief, gab es auch einen 20 DM-Tag“, erinnert sich Maike Weiß, „dann durften wir eine Tafel Schokolade kaufen, die unter uns fünf Kindern gerecht aufgeteilt wurde.“ Und so kam es sicher auch, dass schon die Jüngsten darauf aus waren, ihrer Mutter „Stoff“ zu liefern. Einmal kam Maike freudestrahlend aus dem Kindergarten: „Ich habe eine Zeitungsnachricht für dich, Mummi, morgen ist Himmelfahrt.“ Die Reportertätigkeit der Mutter, der Mummi, war den Kindern immer gegenwärtig. Am Mittagstisch saß sie oft Zeilen zählend und wenn sie an ihrem Schreibtisch Platz nahm und ihre Artikel schrieb, hieß es: „Mummi muss schreiben“. Dann wussten die Kinder genau, dass sie „die Klappe halten mussten“ und nicht stören durften. Oft wurde der Artikel – mit Füller geschrieben – erst auf den letzten Drücker fertig, um 18 Uhr fuhr der Linienbus nach Holzminden – Abgabetermin. Eines der Kinder flitzte mit dem Brief den Berg hinunter zur Bushaltestelle. Oft musste vorher noch eine Briefmarke gekauft werden. In Holzminden wurde der Brief von einem TAH-Mitarbeiter beim Busfahrer abgeholt und ging in den Druck. Wenn es einmal ganz schnell gehen musste, wurde der Text per Telefon durchgegeben. Nur in wenigen Haushalten gab es einen Fernsprecher, doch Familie Weiß im Schlesierweg hatte schon eins, weil Alida es beruflich brauchte. Vielleicht hat sie auch einige ihrer Artikel über Münchhausen und die Schulenburg, die im Keller des Pfarrbüros im Corvinusgang archiviert und an ihrem Kürzel „We“ zu erkennen sind, so in die Redaktion weitergegeben.

Da Alida Weiß sich häufig mit dem Thema Münchhausen beschäftigt hatte, bat der Stadtheimatpfleger Ludwig Bode sie, eine Broschüre über Münchhausen zu verfassen. Das war eine Aufgabe nach ihrem Geschmack! Sie nahm Kontakt zu Archiven auf und begann zu schreiben. Das Ergebnis ihrer Recherche geht noch heute viele Male über den Verkaufstisch im Münchhausen-Museum. „Wer war Münchhausen wirklich?“ erschien 1960 und gibt dem Leser einen Überblick über Leben und Werk des Fabulierers.

Foto: privat


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