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Wie Bodenwerderaner den November 1989 erlebten / Flucht über die Prager Botschaft

Mit dem Mauerfall änderte sich ihr Leben

Bodenwerder. „Es war ein unglaublicher Zufall“, beschreibt Thomas Greef aus Bodenwerder den 9. November 1989 aus seiner Sicht. An diesem Tag ist der damals 17-jährige Gymnasiast nämlich zufällig mit dem 12. Jahrgang seiner Schule auf Studienfahrt in West-Berlin. Er ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort. In der geteilten Stadt Zeuge eines so historischen Ereignisses wie dem Mauerfall zu werden, betrachtet der Bodenwerderaner bis heute als großes Geschenk.

veröffentlicht am 08.11.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 23:41 Uhr

T. Greef

Autor:

Inken Philippi
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„Am Tag zuvor waren wir in Ost-Berlin und hatten dort eine Demonstration gesehen und eine Rede Günter Schabowskis gehört. Wir hatten das Gefühl, dass über der ganzen Stadt eine gewisse Spannung lag. Man konnte spüren, dass irgendetwas passieren würde.“ Am Abend des 9. November besucht Greef mit Schulkameraden zunächst ein Kino. Als sie das Gebäude nach Filmende verlassen wollen, erklärt die Kassiererin: „Die machen die Grenze auf!“ „Es schien zwar total unwahrscheinlich zu sein, aber wir fuhren trotzdem zum Checkpoint Charlie, dem nächstgelegenen Grenzübergang.“ Dort sind die Schüler die Ersten. Es ist dunkel und zunächst passiert nichts. „Aber auf der Ostseite konnte man Stimmen hören und Lichter sehen. Wir wollten einfach nicht wieder gehen.“ Immer mehr Menschen stoßen auf der Westseite zu den Gymnasiasten.

Und dann passiert ganz plötzlich das Unfassbare: Von der Ostseite nähern sich Trabis, Fußgänger, Radfahrer... „Dann waren alle im Freudentaumel!“ Jubel, Lachen, Tränen, Umarmungen. Greef erinnert sich mit Gänsehaut an jene Nacht des Mauerfalls. „Das war Freude pur. In diesem Moment hat niemand daran gedacht, was kommen könnte. Keine Spur von Angst oder Pessimismus. Es war einfach nur ein herzliches und warmes Willkommen, und alle haben sich unbändig gefreut.“

Diese Nacht im November 1989 ist für Greef heute eine immer noch fast unglaubliche persönliche Erinnerung, für andere verändert sie das ganze Leben. Jeannette Gödicke, Jörg Schmäck, Sylvia Höhnisch und Doreen Liebig werden in der DDR geboren und wachsen dort auf. Die damals 18-jährige Jeanette ist gerade mit ihrer Ausbildung zur Facharbeiterin in einem Kabelwerk fertig, als ihre Mutter kurz vor der Wende mit ihrem kleinen Bruder das Land verlassen will. „Ich hatte damals vier Stunden Zeit, mir zu überlegen, ob ich mit will.“ Sie entscheidet sich zu Bleiben. Sie hat Arbeit und Freund in Berlin-Schönefeld. Das will sie nicht aufgeben. Mutter und Bruder fliehen ohne sie über die Tschechoslowakei in den Westen; ob sie sich jemals wieder sehen, ist ungewiss. Sofort versiegelt die Stasi die gemeinsame Wohnung, Jeannette wird verhört und muss aussagen. Sie lügt, habe nichts gewusst, weint und darf schließlich wieder gehen. Teile der Wohnung werden aufgemacht, die darf sie nutzen. Nach der Wende schließt das Kabelwerk, und Jeannette verliert mit dem Job auch die Werkswohnung. Sie siedelt in den Westen zur Mutter über, nicht ganz freiwillig, „aber sonst hätte ich auf der Straße gestanden.“

D. Liebig
  • D. Liebig
S. Höhnisch
  • S. Höhnisch
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Die Mutter wohnt bereits in Bodenwerder, Jeannette findet Arbeit und Wohnung und lernt ihren Mann kennen. Es wird geheiratet. Inzwischen haben die Eheleute zwei Söhne und wohnen in Hehlen. Jeannette ist Hausfrau und sehr glücklich mit dem Verlauf der Dinge. „Das hat der liebe Gott dann wohl doch so gewollt“, erklärt sie lächelnd. Über eine Rückkehr hat sie nie nachgedacht. Ihre Mutter wohnt wieder im Osten, Jeannette fährt nicht mehr oft in ihre ehemalige Heimat. Ihre Stasi-Akte will sie nicht einsehen. Sie will die Dinge ruhen lassen.

Doreens Vater verlässt kurz nach der Wende seinen Heimatort Dessau in der DDR. Ein Freund hat ihm Arbeit im Westen besorgt. Die damals Elfjährige Doreen bleibt zunächst mit ihrer Mutter zurück. Im Jahr darauf holt der Vater die Familie zu sich nach Polle an die Weser. Die kleine Doreen verlässt weinend die Stadt. Sie lässt viele Freunde und Verwandte zurück. Trotzdem findet sie sich im neuen Wohnort und in der neuen Schule gut zurecht. „Nur das Englisch-Defizit habe ich nie aufgeholt“, erklärt die junge Mutter lächelnd. Eine Rückkehr kommt auch für sie nicht infrage. „Im Grunde bin ich ja hier aufgewachsen.“ Sie ist verheiratet und hat eine Tochter, gerade hat die Familie ein Haus in Hehlen gekauft. Wenig erinnert an Dessau, nur wenn sie mit Verwandten in Sachsen-Anhalt telefoniert, kommt noch der alte Akzent durch. „Manche Wörter bringe ich meiner kleinen Tochter bei, dann versteht uns mein Mann nicht mehr“, erzählt die blonde junge Frau lachend und betrachtet die Wende für sich als Glücksfall.

Jörg Schmäck und Sylvia Höhnisch hatten Anfang November 1989 denselben Fluchtweg, trotzdem haben sie einander nicht getroffen, oder sie können sich nicht erinnern. Vieles war zu durcheinander. Der damals 22-jährige Jörg versucht bereits im Oktober gemeinsam mit seinem Bruder die DDR zu verlassen. In der Tschechoslowakei werden die beiden gefasst, der Versuch ist gescheitert. Vier Wochen später klappt es doch. Die Brüder reisen nach Berlin. Von dort fliegen sie am 4. November nach Prag. In der großen Stadt fällt die Orientierung schwer. Überall scheint Polizei zu sein. Ein älterer Herr schenkt den beiden Busfahrkarten, der westdeutsche Fahrer eines Reisebusses hilft auf dem Weg zur Botschaft mit Kartenmaterial aus. Es haben sich mehrere Leute den Brüdern angeschlossen. Kurz vor der Botschaft bricht eine Frau aus der Gruppe zusammen. Sie kann der Spannung nicht mehr standhalten. Die jungen Leute schaffen es trotzdem gemeinsam mit der Frau, die Botschaft zu erreichen.

Am selben Abend erreicht auch Sylvia Höhnisch mit ihrem Mann Ronny und den Kindern Marcel (5) und Steffi (2) die Prager Botschaft. Am Morgen dieses 4. November haben die Eheleute aus Fürstenwalde in Brandenburg im Radio gehört, dass die Grenzen wieder geöffnet sind. „Zwischenzeitlich waren wir ja ganz eingeschlossen“, erklärt die heute 43-Jährige. Sylvia, und ihr Mann zögern nicht: Jetzt oder nie. Sie befürchten keine zweite Gelegenheit mehr zu bekommen. Sie packen sofort zwei kleine Reisetaschen und fahren mit den Kindern im Wartburg Richtung Prag. An der Grenze erklären sie, sie würden in der Tschechoslowakei eine Tante treffen. Die Angst sitzt ihnen im Nacken. Was wird aus den Kindern, wenn es nicht klappt? „Trotzdem wollten wir weg. Eine Zukunft in der DDR gerade für unsere Kinder war für uns nicht mehr vorstellbar. Die Lebensbedingungen waren untragbar.“ Sylvia und ihr Mann wollen nicht, dass die Kinder in einem Denunziantenstaat aufwachsen, sie sollen ihre Chance auf ein freies Leben bekommen. Und auch sie und Ronny wollen sich ein eigenes Leben im Westen aufbauen. Sie lassen Verwandte zurück. Ob man sie wiedersieht ist ungewiss.

Der Wartburg bleibt in Prag stehen. Mit dem Erreichen der Botschaft wächst der Optimismus. Per Zug reisen Familie Höhnisch und die Brüder Schmäck Richtung Westen aus. Als die Bahn die Grenze zur Bundesrepublik passiert, sagt Ronny: „Jetzt sind wir da!“ Da fällt die Spannung ab, die sonst so energische Sylvia lässt den Tränen freien Lauf. Über ein Lager in der Nähe von Siegen und das Lager Friedland landen sie am 9. November alle in der Jugendherberge Bodenwerder. Dort sehen sie am Abend die Bilder der Grenzöffnung. Sie sind ruhig und erleichtert. Ruhig, „weil alles so gut ausgegangen ist, so friedlich“, erklärt Jörg, „damit hatten wir nicht gerechnet, sonst hätten wir nicht diese Flucht gewagt.“ Erleichtert, weil die Chance besteht, Verwandte und Freunde möglicherweise doch bald wiederzusehen. Trotzdem zweifeln sie alle noch, ob die Lage so bleibt. Viele versuchen, in den Osten zu telefonieren.

In der Münchhausenstadt werden die Neuankömmlinge herzlich aufgenommen, erinnert sich Jörg und ist immer noch bewegt von der Hilfsbereitschaft damals. „Man hat sich wirklich sehr gut um uns gekümmert.“ Die Bürger der Stadt sind bemüht, den Geflohenen Unterkunft und Arbeitsplätze zu vermitteln. Es gibt Sachspenden. Mitbringen konnten die meisten fast nichts. Man versucht ihnen den Einstieg zu erleichtern.

Alle finden Arbeit. Jörg heiratet und bekommt einen Sohn. Er kauft für seine Familie ein Haus in Rühle. Sylvia und Ronny ziehen die Kinder groß und kaufen auch das lang ersehnte Eigenheim in Bodenwerder. An eine Rückkehr in den Osten haben sie alle nie gedacht: „Wir haben uns doch hier was aufgebaut.“

Jörg glaubt schon, dass er eine Stasi-Akte hat, aber er will sie nicht mehr einsehen. Er will seine Ruhe. Sylvias Akte wird voraussichtlich 2010 zur Einsicht bereit sein. Ob sie sie dann ansehen wird, weiß sie noch nicht. „Am Ende stellt man fest, dass einen damals Freunde, schlimmstenfalls sogar Verwandte bespitzelt haben“, wie belastend dieses Wissen dann sein könnte, kann sie nur schwer abschätzen. „Zudem weiß man nie, unter welchen Umständen die Menschen dazu gekommen sind, Spitzel für das DDR-Regime zu werden. Viele wurden von der Stasi selbst erpresst.“ Gefragt, ob sie die Flucht noch einmal wagen würde, überlegt die Frau nur kurz, sieht dem Fragesteller fest in die Augen und sagt mit glasklarer Stimme: „Auf alle Fälle!“

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