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Erfolgsmodell in der Leseförderung

Mentor – mit Vanessa Schüler fing alles an

Dohnsen (ul). Beim Striegeln, Hufreinigen und Schweifwaschen ist Vanessa Schüler in ihrem Element. Der fuchsbraune Anglo-Araber mit dem Namen Gafra schnaubt freudig, wenn ihm die 19-jährige den Sattel auflegt. Gleich geht es hinaus aus dem Stall von Gudrun und Otto Quent, hinaus auf die Felder zwischen Dohnsen und Halle. Doch diesmal steht Vanessa nicht allein im Stall mit Gafra. Das schlaue Pferd erkennt seinen Besitzer, der nach anderthalb Jahren Abstinenz ihm freundlich den Hals klopft. Und das Tier bleibt ruhig, trotz laufender Kamera, der langen Mikrophonstange und der fremden Redakteurin mit dem roten Anorak, Nicole Florié. Im Stall fragt sie Pferdebesitzer Otto Stender danach, wie Gafra, Vanessa und er vor acht Jahren zueinander gefunden haben und sich aus dieser Bekanntschaft heraus ein kleiner Verein entwickelte, der inzwischen über die Grenzen Deutschlands hinaus nachgefragt ist.

veröffentlicht am 26.03.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 13:41 Uhr

Vanessa Schüler aus Halle: Aus dem schüchternen Kind mit Hauptsc
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Otto Stender lacht verschmitzt. „Vanessa kam wie so viele Mädchen im Stall zu mir, durfte kurz mal aufsitzen und ein paar Runden auf Gafra drehen, damals noch in Bisperode.“ Und sie pflegte seinen Gafra liebevoll, dazu fehlte dem Buchhändler aus Hannover oft die Zeit. Zum Dank schenkte er ihr mal ein Buch, „so wie ich allen Menschen Bücher schenke“. Doch auf seine Nachfrage, wie es ihr gefalle, erhielt er jedes Mal eine andere Ausrede.

Im Buchladen unterhielt er sich mit seinen Mitarbeitern und Kunden stets über Bücher, warum nur wich ihm Vanessa aus? Er besuchte ihre Eltern und stellte erstaunt fest, dass es Menschen gibt, die kaum ein Buch in ihrem Wohnzimmer haben, die nicht wie er mit Büchern groß geworden sind. Er bot an, Vanessa und ihren Geschwistern Nachhilfe zu geben.

„Gemeinsam haben wir gelesen“

„Wir haben gemeinsam gelesen und über das Gelesene gesprochen, zwei Mal in der Woche tauchten die beiden in die Welt der Bücher ein, und Vanessas Schulnoten – sie hatte eine Hauptschulempfehlung – wurden von Monat zu Monat besser. Ihr Selbstvertrauen wächst, sie schreibt nicht mehr nur Vieren und Fünfen, sie traut sich plötzlich, in der Klasse mitzureden. Von der Kooperativen Gesamtschule in Salzhemmendorf wechselt Vanessa zur Elisabeth-Selbert-Schule, wo sie jetzt ebenfalls im Fokus der Kamera von Wolfram Hahn vom SWR steht. Die Mathearbeit in der 12. Klasse schreibt das Mädchen mit Hauptschulempfehlung im Fachgymnasium Ernährungswissenschaft mit links.

Der Südwestfunk Stuttgart interessiert sich für das Erfolgsmuster, das Otto Stender mit Gründung des Vereins „Mentor“ gestrickt hat, um Kindern aus bildungsfernen Familien über das Lesen so zu fördern, wie Vanessa. „Ohne Vanessa würde es Mentor nicht geben. Ich war schon ein ziemlicher Zyniker. Doch die Arbeit mit den Schülern hat mich vollkommen verändert. Ich erzählte meinen Kunden in Hannover von dem Erfolg, den die Lesestunden bei ihr bewirkten.“

2003 bildete sich ein Kreis von lesebegeisterten „jung gebliebenen Alten“, die sich zum Ziel setzten, Schüler im Lesen zu fördern. Die Lesefreunde aus Hannover wandten sich an Schulen und boten auffälligen, unruhigen und leistungsschwache Schülern Leselernhilfe an. Die Idee sprach sich wie ein Lauffeuer rum.

950 Mentoren arbeiten jetzt in der Region Hannover als Leseförderer. Monatlich schult der Verein neue Mentoren. In Hamburg gründeten interessierte Leser den zweiten Mentor-Verein, Hameln folgte 2005 als dritter Verein für Leseförderung. Und die Nachfragen nach diesem simplen, ehrenamtlichen Erfolgsrezept reißt nicht ab.

2008 wurde ein Bundesverband der Mentoren gegründet. Seitdem reist Stender durch die Republik und berichtet über die persönlichkeitsstärkenden Lese- und Lernerfolge. Neue Mentor-Vereine werden gegründet. Mit der Aufmerksamkeit und dem Wissen, das Mentoren Kindern mit oder ohne Mi-grationshintergrund schenken, ist ihre wöchentlich ein- oder zweistündige freiwillige kostenlose Arbeit von immensem Leistungserfolg bei den Schülern gekrönt.

Ein Modell, dass vom Kriminologischen Forschungsinstitut unter Christian Pfeiffer begleitet wird – an Schulen mit Mentoren, sinkt nachweislich die Zahl der Gewalt unter Schülern: Mohamed brachte es gegenüber Stender auf den Punkt: „Seitdem ich mich mit Worten streiten kann, muss ich mich nicht mehr prügeln.“

Stender besucht selbst Horst Köhler

Auch Bundespräsident Horst Köhler wird von Stender aufgesucht, der 72 Jahre alte Buchhändler reist nach Wien und besucht den britischen Botschafter in Berlin, überall stößt er auf Interesse an Mentor, weil dieses generationsübergreifende Projekt dazu beiträgt, den schlechten Pisa-Werten entgegen zu wirken.

Wer Interesse hat, als Mentor mit Kindern zu arbeiten, melde sich nach den Osterferien beim Hamelner Mentor Verein unter 05151/61771.

Im SWR läuft der Film über die Gründung von Mentor mit Vanessa Schüler und Otto Stender am 12. Mai um 22.30 Uhr.

Otto Stender berichtet vor laufender Kamera im Pferdestall der Familie Quent in Dohnsen über den Beginn der Leseförderung mit Vanessa Schüler.



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