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Bodenwerder und seine Telefongeschichte

„Leg den Hörer auf die Gabel“

BODENWERDER. Das erste Telefon in Bodenwerder besaß der Baron von Münchhausen – ja, Sie haben richtig gehört! Er überwand, wenn er für seine Gäste Nachschub brauchte, mit der großen „Flüstertüte“, die im Museum zu sehen ist, die nur geringe Entfernung zwischen seiner Grotte und dem Gutshaus.

veröffentlicht am 17.10.2017 um 18:10 Uhr

Münchhausens Telefon, die Flüstertüte. foto: kb
Beißner

Autor

Karin Beißner Reporterin
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Zugegeben, das ist ein bisschen gemogelt, aber Bodenwerder war, was das Fernsprechen angeht, sehr fortschrittlich. Die erste öffentliche Telegraphenstation wurde 1873 im damaligen Postgebäude, das sich in der Großen Straße 29 befand, eingerichtet. Bodenwerder hatte jetzt über Emmerthal und Hameln Anschluss an das große Telegraphennetz der Post. Mit der Wahrnehmung des Telegrafendienstes wurde zunächst der Kaufmann Rudolf Meyer beauftragt, der auf Kosten der Stadt am Morseapparat ausgebildet worden war. Schon bald musste er aber vom Kämmerer Isermann abgelöst werden, weil er mit dem Morsealphabet nicht zurechtkam. Die Zustellung der angekommenen Telegramme erfolgte dann durch einen Boten.

Schmiedemeister Schoppe besaß 1907 den einzigen Fernsprechanschluss.

Der Fortschritt ging weiter, die zukunftsorientierten Bürger Bodenwerders veranlassten die Post, eine Fernsprechvermittlung zu errichten. Über zwei Fernleitungen konnten die Bürger nun per Kurbeltelefon über das „Fräulein vom Amt“ mit der Außenwelt Verbindung aufnehmen. Sie stellte per Hand den Kontakt zum gewünschten Fernsprechteilnehmer her. Nach Holzminden, Hameln und Eschershausen konnte nun täglich telefoniert werden.

In Kemnade besaß Schmiedemeister Heinrich Schoppe 1907 den einzigen Fernsprechanschluss. Zwei Jahre später konnten die Bürger bei Wilhelm Bennefeld, der die erste öffentliche Fernsprechstelle hatte, telefonieren. Er bekam dafür 30 Mark Jahresvergütung.

Das Telefon der Fünfziger Jahre. foto: kb
  • Das Telefon der Fünfziger Jahre. foto: kb
Mit dem Kurbeltelefon verband das „Fräulein vom Amt“ die Bürber mit der Außenwelt. foto: kb
  • Mit dem Kurbeltelefon verband das „Fräulein vom Amt“ die Bürber mit der Außenwelt. foto: kb

1933 wurde das Fräulein vom Amt abgeschafft, nun gab es im Ort eine „Ortswählvermittlung mit 200 Beschallungsanlagen“. Schon ein paar Jahre später kamen 100 weitere Anschlüsse dazu. Bodenwerder hatte den Fortschritt angenommen und mit dem allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg stieg auch der Bedarf an Fernsprechern, 297 Telefonanschlüsse gab es 1949. Sich wichtige Telefonnummern zu merken war damals noch einfach. Aus einem alten Prospekt der Stadt ist zu erfahren, dass nähere Auskünfte von der Kurverwaltung unter Telefon Nr. 2 oder vom Bürgermeisteramt mit der Nr.16 zu bekommen sind.

1966 hatte Bodenwerder bereits 600 Telefonanschlüsse und plante schon ein Jahr später weitere 200 Anschlusseinheiten zu installieren. Mit dem zunehmenden Interesse am Telefonfortschritt entwickelte sich auch das Telefon als solches immer weiter. Nach dem schwarzen Fünfzigerjahre-Apparat kam der farbige modernere in grün, orange und beige in den Siebzigern in Mode. Die Einwohner Bodenwerders wollten den Farbklecks in ihrer Wohnung haben. Die Zahl der Fernsprechanschlüsse stieg auf 1458 an. Heute sind die Anschlüsse im Ort kaum noch zu zählen und fast jeder hat, oft schon im frühen Kindesalter, sein eigenes mobiles Telefon.

Für Jung und Alt ist es selbstverständlich, das kleine Ding bei sich zu tragen, aber die schönen alten Begriffe „Wählscheibe“ oder „Leg mal den Hörer auf die Gabel“ sind der jungen Generation kaum noch bekannt. Und vielleicht kennt in einigen Jahren auch niemand mehr den Namen „Telefon“ (aus dem Griechischen tele = fern, phone = Laut, Ton, Stimme), den es vor mehr als 250 Jahren vom deutschen Physiker Philipp Reis erhielt.

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