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Das Lotterleben der Judith von Bomeneburg bringt Kloster in Verruf

Kemnade – ein „Sündenpfuhl“

Kemnade. In der Zeit zwischen 956 und 965 gründeten die Töchter des Billunger Grafen Wichmann I., Imma und Frideruna, das Kanonissenstift und spätere Kloster Kemnade. Die Stiftsdamen lebten nach den strengen Regeln des heiligen Benedikts – ora et labora (bete und arbeite). Zum Stift gehörten viele Besitzungen in den umliegenden Dörfern sowie in 20 Orten an der Elbe und im Herzogtum Bremen, die für eine wirtschaftlich solide Basis sorgten.

veröffentlicht am 13.04.2015 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 15:41 Uhr

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Autor:

Karin Beißner
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Im Laufe der Jahre nahmen Ansehen und Bedeutung des reichen Familienklosters ständig zu. Anfang des 11. Jahrhunderts bestätigte Kaiser Heinrich II. die Reichsunmittelbarkeit, Äbtissin und Vogt durften nun selbst gewählt werden. Im Laufe des nächsten Jahrhunderts begannen die Stiftsdamen aber wohl infolge der Wohlhabenheit und des Reichtums, die strenge asketische Zucht außer Acht zu lassen. Das Leben wurde nun leichtgenommen und die Moral sank rapide. Am schlimmsten trieb es die junge Äbtissin Judith von Bomeneburg, eine Enkelin des mächtigen Grafen Otto von Northeim. Sie war schon früh durch ihr anstößiges Leben, das sie nun als Äbtissin fortsetzte, weit und breit bekannt. Ihr Halbbruder Siegfried von Bomeneburg war Besitzer der Homburg bei Stadtoldendorf und Stifter des Zisterzienserklosters Amelungsborn, und Bruder Heinrich war Abt von Corvey.

Judith feierte fröhliche Feste und verschenkte in ihrer Verschwendungssucht mehr als 100 Hufen Land (1 Hufe etwa 7,5 ha) an ihre zahlreichen Liebhaber, Edelleute aus der Nachbarschaft und auf den Besitzungen des Klosters. Der Konvent folgte ihrem Beispiel, und weit und breit hatte das Kloster einen üblen Ruf. Kaiser Konrad III. bezeichnete das Stift Kemnade 1146 als „Sündenpfuhl“.

Auch dem Papst blieben die sittenlosen Zustände nicht verborgen, und er forderte den Kaiser auf, die verfallene Zucht in der Reichsabtei Kemnade wiederherzustellen. Eine Besserung der Sitten trat aber nicht ein, ja die Ausschweifungen der „Jungfrauen“ zu Kemnade wurden vom Diözesanbischof Heinrich von Minden sogar noch in Schutz genommen, sodass nur eine Radikalkur den von Kaiser und Papst gewünschten Erfolg bringen konnte. So erhielt der Kardinal Thomas vom Papst den Auftrag, gegen Judith von Kemnade vorzugehen. Er sprach Ende März 1146 ihre Absetzung aus. Da sie sich nicht fügte, sondern in Kemnade verblieb, erteilte der Kardinal dem Vogt des Klosters, Dietrich von Ricklingen, den Auftrag, Judith zu entfernen. Dieser schickte am 15. Juni 1146 seine Knechte aus. Sie sollten die widerspenstige Prälatin im Falle fortgesetzter Weigerung mit Gewalt aus dem Kloster entfernen.

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Rekonstruktion der ehemaligen Klosterkirche durch Jürgen Steffen, Kirchbrak (li.) Ehemaliges Klostergebäude in Kemnade (unten). kb-Archiv (3)

So geschah es denn auch. Die Äbtissin von Welt saß gerade mit einigen jüngeren Herren, den Ministerialen der Klosterkirche, beim festlichen Mahle zu Ehren des heiligen Vitus, als die Diener des Klostervogts erschienen und Judith aufforderten, sofort den Raum zu verlassen. Doch Judith ging nicht, sondern erklärte, dass erst die Tafel aufgehoben sein müsse. Da nahmen die Knechte keine Rücksicht mehr, fassten zu, ergriffen die Äbtissin, rissen sie von der Festtafel und warfen sie mitsamt ihren unsauberen Zechgenossinnen und -genossen kurzerhand vor die Tür.

Das Stift brauchte nun eine neue Äbtissin. Die bisherige Pröpstin Helmburgis wurde zwar einstimmig zu Judiths Nachfolgerin gewählt, doch gelang es dem Vater einer anderen Klosterjungfrau, dem Grafen Ludwig von Lohra, gegen Schenkung von 100 Hufen Landes an das Kloster, Helmburgis‘ Wahl rückgängig zu machen und die Wahl seiner Stieftochter Judith von Eberstein zur Äbtissin des Klosters durchzusetzen. Dietrich von Ricklingen, dessen Tochter bei der Wahl durchgefallen war, trat nun als Feind des Klosters auf und bemühte sich eifrig, die abgesetzte Judith, die er selbst durch seine Leute hatte entfernen lassen, nach Kemnade zurückzubringen. Als die Äbtissin Judith von Eberstein von diesem Plan erfuhr, verließ sie angsterfüllt das Kloster und eilte zu ihrem Stiefvater nach Schloss Lohra.

Da der Nonnenkonvent in Kemnade sich als unfähig erwiesen hatte, seine Angelegenheiten selbst zu regeln, übergab der Kaiser das Stift an Corvey. Der Nonnenkonvent wurde 1147 aufgelöst und an seine Stelle Benediktinermönche unter einem Propst, aber in völliger Abhängigkeit von Corvey, eingesetzt. Doch die vertriebene Judith konnte sich mit ihrem Schicksal noch nicht so leicht abfinden und versuchte 1149 ihr Heil noch einmal mit Gewalt. An einem Septembermorgen erschien sie in Begleitung Dietrichs von Ricklingen und seiner Söhne in Kemnade, drang mit Gewalt in das Kloster ein, vertrieb die Mönche, ließ den Propst in die Weser werfen und den Turm der Klosterkirche besetzen. Doch die Herrlichkeit dauerte nicht lange. Dienstleute und Bauern des Klosters Corvey vertrieben Judith und ihre Mannen, jagten sie aus dem Kloster und führten einige als Gefangene mit sich fort. Dietrich von Ricklingen erhielt einen kaiserlichen Tadel, die Benediktinermönche wurden wieder eingesetzt und Judith wurde auf Betreiben Corveys 1150 für immer aus dem Dorfe Kemnade verwiesen.



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