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Eine aussterbende Sprache? Drei Hehlener Herren bleiben dran

In Hehlen wird noch Platt gesprochen

HEHLEN. Jeden ersten Dienstag im Monat trifft sich eine Plattdeutsche Gruppe im Kantorhaus in Hehlen. Von den ehemals 26 Sprach-Begeisterten sind nur noch drei übrig. Diese jedoch wollen die Sprache nicht verkommen lassen.

veröffentlicht am 17.02.2017 um 16:59 Uhr
aktualisiert am 17.02.2017 um 21:00 Uhr

Hehlens letzte Plattdeutsche (v.li.): die Herren Warning, Jonas und Dorkowski. Foto: joa
Joachim Zieseniß

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Joachim Zieseniß Reporter Bodenwerder zur Autorenseite
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Der Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern plante schon, Plattdeutsch als Wahlsprache und sogar Abiturfach an weiterführenden Schulen einzuführen; Hamburger Klinikpersonal nimmt Plattdeutschunterricht, damit sich die älteren Patienten wohler führen. Diese Beispiele sind nur einige der Erfolgsgeschichten, die auf eine positive Zukunft für den Erhalt des Plattdeutschen hindeuten könnten. In Hehlen trifft sich die Plattdeutsche Gruppe jeden ersten Dienstag im Monat im Kantorhaus. 143 solcher Treffen hat es seit Gründung der Gruppe bislang gegeben. Doch waren es 2006 noch 26 Sprach-Begeisterte, die die alte, langsam untergehende Gebrauchssprache, das ostfälische Platt, in ihrem örtlichen Dialekt zu erhalten und damit an nachfolgende Generationen weiterzugeben hofften, so ist hier mittlerweile Ernüchterung eingetreten: Derzeit treffen sich nur noch drei Plattdeutsche zum „Küren“ im Küsterhaus: „Wir sind immer weniger geworden“, erklärt Friedhelm Jonas (79), und dass immer mehr derjenigen, die noch Platt verstehen, verstorben oder ins Altersheim gekommen sind. Den umliegenden plattdeutschen Gruppen – sei es in Grünenplan, Boffzen oder Aerzen – gehe es da nicht anders: Östfälisches Platt – hierzulande eine aussterbende Sprache? Die drei letzten Hehlener Sprachfreunde, die derzeit noch unter dem Dach des Vereins für Heimatpflege und Regionalgeschichte Hehlen ihrem Hobby nachgehen, sehen das so – mit Wehmut. Dabei ist Plattdeutsch für die drei Hehlener eigentlich schon eine wiedererlernte Fremdsprache. So wurde in Eichenborn, wo Friedhelm Jonas groß geworden ist, zwar noch platt gekürt, „meine Eltern haben aber mit uns immer nur hochdeutsch gesprochen“, erinnert er sich und berichtet, dass er sich die Sprache erst wieder aneignen musste, nachdem er Hehlens plattdeutsche Gruppe ins Leben gerufen hatte. Ähnlich geht es den zweiten im Bunde: Ewald Dorkowski (84) stammt aus Ostpreußen, bevor er nach dem Kriege in Hehlen eine neue Heimat gefunden hat. Als Kind habe er zwar auch Platt gesprochen, auf der Flucht sei es dann aber irgendwie verloren gegangen, meint er. Und auch für Friedrich-Wilhelm Warning (77) war damals zuhause in Vehlen Platt tabu: „Mein Vater sprach das schaumburg-lippische, meine Mutter das Heidscher-Platt. Und da wurde entschieden, dass ich nur Hochdeutsch sprechen sollte“, denkt er zurück. Sprachbiografien, die vor allem für den südniedersächsischen Raum typisch sind: Verdrängte doch das vereinheitlichte Schulwesen sowie das reformierte Deutsch seit dem 19. Jahrhundert das Plattdeutsch als Muttersprache vieler Einheimischer. Mit ihrem Umzug in eine neue Stadt oder Region oder auf dem Ausbildungsweg verloren einige Muttersprachler ihr Sprachwissen. Da Platt der Ruf anhaftete, nur vom einfachen, ländlichen Volk gesprochen zu werden, legten intellektuelle bis elitäre Bildungsinstitutionen keinen Wert auf Erhalt und Pflege der langsam aussterbenden Sprache.

Und so halten in Hehlen nur noch drei ältere Herrn bei ihren Zusammenkünften mit volkskundlichen Themen und plattdeutschem Schriftgut die Erinnerung an die Sprache der Vorfahren in Ehren. Eine Sprache, die einst im Westen von der Weser begrenzt wurde, im Norden von der Aller, im Osten von Elbe und Saale und im Süden vom Südharz und dem Eichsfeld.

Wilfried Voss (88) aus Ohr, vielen bekannt mit seinen Anekdoten – veröffentlicht unter dem Pseudonym „Fiffi Voss“ und dem Buch „Dat Hamelste ABC“, das er zusammen mit F. H. Lampe herausgegeben hat, sieht im hier früher gesprochenen ostfälischen Platt „eine leider aussterbende Sprache.“ Und er bekennt auch wehmütig: „Platt ist leider in unserer Region keine Alltagssprache mehr. Es sind nur noch die ganz wenigen Älteren, die es aufrechterhalten.“ So könne er sich in seinem Heimatort Ohr nur noch mit einer Frau auf Platt unterhalten, und auch im benachbarten Aerzen gebe es nur noch drei bis vier aktive Sprecher. Anders als in nördlicheren Gefilden fehle es hier an jüngeren Leuten, die die Umgangssprache von den Älteren übernehmen. Auch Versuche, Platt an hiesigen Schulen zu etablieren, seien fehlgeschlagen. Wilfried Voss: „Es hat da Versuche gegeben, aber die Resonanz blieb aus.“ Und so gibt er dem Plattdeutschen in der heimischen Region keine große Zukunft mehr: „Es wird zugrunde gehen. So leid es mir tut.“

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