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Betreiber wirft Finanzamt Holzminden „Raubritter-Methoden“ vor / Auch Draisinenangebot gefährdet

Hotelzug vor dem Aus

Bodenwerder. Hotelzug- und Draisinenbetreiber Oliver Victor bescheinigt dem Finanzamt Holzminden unumwunden Raubritter-Methoden; und er meint, dass Niedersachsens Steuereintreiber wohl auch nicht davor zurückschrecken würden, seine Geschäfte im Schleswig-Holstein und in Bodenwerder kaputt zumachen.

veröffentlicht am 18.02.2016 um 16:21 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:37 Uhr

Hoch hinaus sollte es mit dem Hotelzug gehen. Jetzt steht das Projekt vor dem Aus. Auch die Draisinen von Betreiber Oliver Victor werden verkauft. Foto: Archiv / wfx
Joachim Zieseniß

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Joachim Zieseniß Reporter Coppenbrügge-Salzhemmendorf zur Autorenseite
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Soviel wenigstens steht schon jetzt fest: Wie es in Bodenwerder in der bevorstehenden Saison mit den Draisinenfahrten und der Hotellerie in umgebauten Eisenbahnwaggons hoch über der Weser weitergehen wird, steht für den erklärten Schienen- und Eisenbahnfan Victor erst einmal in den Sternen.

Oliver Victor ist seit 1998 Betreiber der „Erlebnisbahn Ratzeburg“. Seinen Gästen bietet er dort eine Reise durch die Welt der Eisenbahnen und Fahrräder auf den verschiedensten muskelkraftbetriebenen Fahrzeugen über vorgegebene Touren durch den Naturpark Lauenburgische Seen.

In Bodenwerder bereits alle Mitarbeiter entlassen

Als Zweitbetrieb unterhält Victor, der heute in Dielmissen seinen Wohnsitz hat, die Kulturbahnhof Bodenwerder GmbH: Sie vermietet an Touristen sowie für Betriebs- und Familienfeiern große Handhebeldraisinen auf dem etwa fünf Kilometer langen Streckenabschnitt zwischen Buchhagen und dem Zementwerk Dielmissen. An der Endstation wird ein Beiprogramm angeboten. Das Angebot hat sich in dieser Form seit 2005 etabliert.

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  • Start zur Draisinenfahrt: Oliver Victor (re.) mit Kunden. Foto: wfx

Als neuestes Projekt in Bodenwerder arbeitet Victor an seinem „Hotelzug auf der Weserbrücke“ (wir berichteten). Die extravagante Übernachtungsmöglichkeit mit Alleinstellungsmerkmal sollte eigentlich neben Bodenwerders „Lügenbaron“ so etwas wie ein zweites Wahrzeichen für die Münchhausenstadt werden.

Sollte. Und: Eigentlich. Denn Oliver Victor muss jetzt erst einmal die finanzielle Notbremse ziehen. Am 23. Dezember flatterte dem Bodenwerderaner Hotel-Visionär – „sozusagen als Weihnachtsgeschenk“, wie er es formuliert – Post vom Finanzamt Holzminden ins Haus: Nach einer Steuerprüfung für den Zeitraum 2011 bis 2013 waren für seine Unternehmen in Bodenwerder und Schmielau – beide Betriebe sind beim Finanzamt Holzminden als Organschaft steuerlich veranlagt – 180 000 Euro an Umsatzsteuer nachzuzahlen. Und das, weil „nachträglich für die Jahre 2009 bis 2012 die Steuern erhöht wurden, für die vorher auch über mehrere Steuerprüfungen hinweg Konsens bestand, dass ein niedrigerer Steuersatz der rechtmäßig gültige sei“, wie Victor versichert.

Das Finanzamt Holzminden aber stellt sich nun auf den Standpunkt, dass Draisinenfahrten nicht unter das Beförderungsgesetz fallen, weil das passive Element fehle. Das Finanzamt und beruft sich auf ein Urteil des Bundesfinanzhofs vom 6. Dezember 2012. Der Bundesfinanzhof begründete die Anhebung der Umsatzsteuer damit, dass Victors Draisinengäste die Beförderung nicht nur passiv über sich ergehen ließen, sondern selbst aktiv würden, indem die Draisinenfahrer sowohl an den Lauenburgischen Seen als auch im Lennetal kräftig selbst zu ihrem Vergnügen den Draisinenhebel pumpen würden. Dieses Urteil hatte Victor damals zur Kenntnis genommen, sofort gehandelt und den Steuersatz von bislang 7 auf 19 Prozent angehoben. Das Finanzamt Holzminden aber will nun die Steuerdifferenz nicht nur ab dem Urteilsspruch, sondern sogar rückwirkend für die Jahre davor bis hin zur Verjährungsgrenze im Jahre 2009 nacherheben. Für Oliver Victor, dessen Laune nach eigenen Worten „jetzt erst einmal völlig im Keller ist“, bleibt damit nun erst einmal alles offen, wie es weitergehen soll: Voranmeldungen für Draisinenfahrten habe man erst mal weiter angenommen, Hotelzug-Buchungen aber storniert. Investiert werde in das Bodenwerder Projekt ohne weitere Kredite erst mal „nur noch in ganz kleinem Rahmen“, versichert der Unternehmer und dass man bei Draisinenfahrten nun die gewünschten 19 Prozent Umsatzsteuer draufgeschlagen hat. Mit der Folge: Waren die Fahrgastzahlen mit 4500 Gästen jährlich bis dahin relativ stabil, habe es nun nach der Preiserhöhung einen Einbruch gegeben, erklärt Victor: Widersprüche bei der Finanzbehörde seien unerhört geblieben.

Nach Bekanntwerden des Sachverhaltes hat Victor in seinen beiden GmbHs erst einmal so viele Mitarbeiter wie möglich entlassen – in Bodenwerder alle. „Den Leuten vom Finanzamt ist das doch sowieso wurscht“, ärgert sich der Unternehmer. Er hat sich nun als letzte Möglichkeit den Bundespetitionsausschuss gewandt. Dieser Ausschuss hat die Petition nach kurzer Überlegung weitergereicht an den Petitionsausschuss des Landes Schleswig-Holstein. Dort wiederum war man der Ansicht, dass das alles eigentlich vom niedersächsischen Petitionsausschuss zu behandeln sei. Letztendlich sei das zuständige Finanzamt ja auch das in Holzminden. Und demgegenüber seien ja die Niedersachsen weisungsbefugt. Oliver Victor hat die Hoffnung nicht aufgegeben: „Vielleicht sehen die ja ein, dass es hier um die Existenz von Unternehmen mit Mitarbeitern geht.“



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