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Urlaub auf dem Bauernhof als zweites Standbein

Gäste helfen Agrarkrisen meistern

LICHTENHAGEN. Die Landwirtschaft kämpft sich derzeit durch schwieriges Fahrwasser: Neben eine wachsende Anzahl von Vorschriften und Reglementierungen geht bei teilweise ruinösen Erlösen für landwirtschaftliche Produkte auf vielen Höfen die finanzielle Existenzangst um. Der Familienbetrieb Timmermann in Lichthagen hat sich deshalb ein zweites Standbei aufgebaut: Urlaub auf dem Bauernhof.

veröffentlicht am 07.04.2017 um 15:21 Uhr

Silke Timmermann muss ihre Jobs in der Landwirtschaft ... Foto: joa
Joachim Zieseniß

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Joachim Zieseniß Reporter Bodenwerder zur Autorenseite
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Im Betrieb Timmermann in Lichtenhagen widmet man sich der Schweinezucht, dem Raps- und Getreideanbau. Doch neben der Landwirtschaft hat sich Familie Timmermann einen weiteren Betriebszweig aufgebaut, um mit einem zweiten Standbein Agrarkrisen besser meistern zu können: „Urlaub auf dem Bauernhof“ heißt an Lichtenhagens Kreuzweg 13 seit Jahren der Weg zu einem ruhigeren Schlaf. Und Silke Timmermann versichert, dass heute das Hofeinkommen gut zur Hälfte mit sechs Ferienwohnungen erwirtschaftet wird. Und das es den Hof Timmermann ohne das Beherberungsgewerbe nach der großen Ferkelkrise vor fünf Jahren wohl schon nicht mehr gäbe.

Um auch andere Berufskollegen davon zu überzeugen, dass Urlaub und Freizeit in landwirtschaftlichen Betrieben mehr als ein lukratives Zubrot werden kann, hat die agile Lichtenhagenerin jetzt bei der Arbeitsgemeinschaft „Urlaub und Freizeit auf dem Lande“ des Landvolks Niedersachsen die Vertretung in Südniedersachsen – vom Weserbergland bis zum Harz – übernommen. Die Arbeitsgemeinschaft ist ein freiwilliger Zusammenschluss niedersächsischer Urlaub- und Freizeithöfe und vertritt mit Partnerbetrieben über 500 Urlaubsbauernhöfe, wovon mehr als die Hälfte Vollerwerbebetriebe sind. 2016 wurden in den 600 Betten der AG rund 900 000 Übernachtungen gezählt. Und die Tendenz ist steigend, ist Silke Timmermann überzeugt – auch in Südniedersachsen, das derzeit neben der Top-Region Lüneburger Heide gut punktet. „Urlaub im Lande nimmt zu“, ist die Bäuerin nicht zuletzt angesichts weltweit zunehmender Krisen überzeugt.

Und so will sie sich künftig in der heimischen Region für die Ziele der Arbeitsgemeinschaft einsetzten, die mehr sein will als ein Beratungsorgan für landwirtschaftliche Betriebe und Marketinginstrument für dörfliche Betten-Anbieter. Denn neben dem Aufzeigen von Einkommensalternativen in der Landwirtschaft will der Zusammenschluss zusätzliche Kaufkraft in ländlich schwach strukturierten Raum holen und kämpft für den Erhalt der Dörfer durch den Ausbau des Landtourismus. „Ausserdem wollen wir auf den Vollerwerbsbetrieben Gästen, die nicht aus der Landwirtschaft kommen, zeigen wie moderne Landwirtschaft funktioniert“, erklärt Silke Timmermann, und meint, dass man so vielleicht auch falsche Bilder, die durch Politik und Medien geistern, wieder richtig rücken kann. Auf Messen, Aktionstagenund im Internet wird dieses Ziel, Öfentlichkeit herzustellen und neue Mitglieder zu gewinnen, ebenfalls verfolgt. Eine engere Zusammenarbeit mit der Landwirtschaftskammer und dem Tourismusverband Niedersachsen per Kooperationsvertrag ist in Vorbereitung.

..und im Gastgewerbe des Betriebes unter einen Hut bringen. Foto: joa
  • ..und im Gastgewerbe des Betriebes unter einen Hut bringen. Foto: joa

Als die Arbeitsgemeinschaft „Urlaub und Freizeit auf dem Lande“ am 13. November 1972 ins Leben gerufen wurde, gehörten die Timmermanns in Lichtenhagen übrigens zu den ersten, die den Tourismus auf dem Lande als Einkommenschance, die man beispielsweise in Bayern schon Jahrzehnte früher erkannt hatte, sahen. Wie Silke Timmermann berichtet, räumte schon ihre Schwiegermutter Anfang der 70er-Jahre im Sommer die Kinderzimmer und bot sie Städtern als Quartier an. Ein Pastorenehepaar aus Berlin soll damals als erstes zum Urlaub nach Lichtenhagen gekommen sein. Während in den Jahren danach „Ferien auf dem Bauernhof“ boomten – man reiste zumeist mit der Bahn an und blieb zwei bis drei Wochen – ging später der Trend mehr zu Zweiturlauben und Kurztripps. Anstatt Gästezimmern mit Halbpension sind heute Ferienwohnungen angesagt, weiß Silke Timmermann zu berichten. Gäste kommen auch aus den europäischen Nachbarländern nach Lichtenhagen. Heute bietet Hof Timmermann sechs solcher Ferienwohnungen im umgebauten Vollmeierhof an – alle mit gehobener Ausstattung um vom Deutschen Tourismusverband mit vier Sternen klassifiziet. Das werde heute von den Gästen bei Quartieren auch auf dem Dorfe erwartet; Omas geräumte Kammer reiche da eben nicht mehr aus, weiß die Lichtenhagener Gastgeberin zu berichten: Wer Tourismus als zweites Standbein auf dem Hof aufbauen wolle, müsse daher die Sache auch als Betriebs-Investition ernst und erst mal richtig Geld in die Hand nehmen. Aber die Investitionen – ganz aktuell gehen die Timmermanns mit einer ganz neu ausgebauten Freienwohnung in die startende Saison 2017 – würde sich lohnen: Auf dem Hof hat man mittlerweile im Schnitt eine überdurchschnittliche Belegung von 190 Tagen pro Wohnung erreicht und kann in Spitzenzeiten gar nicht alle Buchungswünsche annehmen. „Bei uns hat sich der Tourismus zu einem selbständigen Betriebszweig entwickelt, mit denen wir unser Einkommen sichern“, so Silke Timmermann.

Bei der Arbeitsgemeinschaft sind derzeit für die Region Weserbergland lediglich 13 solcher Hof-Beberbergungsbetriebe gemeldet. Doch die Nachfrage steigt auch im Süden Niedersachsens.

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