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Nils-Holger Eilers war 123 Tage im Afghanistan-Einsatz / Teil zwei seiner Tagebuchaufzeichnungen

„Es kam schlimmer: der Kamerad war tot“

Hohe. Nils-Holger Eilers kommt gut zurecht mit dem Leben im Provincial Reconstruction Team (PRT) in der afghanischen Stadt Kundus, hat sich eingerichtet und ist in die Truppe integriert. Die Kameradschaft unter den Soldaten gefällt dem 38 Jahre alten Hauptfeldwebel der Bundeswehr aus Hohe. Alles ist gut, bis zu einem Mittwoch im April.

veröffentlicht am 10.11.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 23:41 Uhr

Kundus, Nordafghanistan: Ehrenwache für einen getöteten Soldaten

Autor:

Inken Philippi
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Tagebucheintrag vom 29. April: Ein Tag wie jeder andere, der Himmel strahlt in prächtigem Blau. Fünf auf Patrouille angesprengte Kameraden wurden medizinisch versorgt, allesamt hatten Verbrennungen, Selbstmordattentäter! Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch keiner, dass es ein wirklich schwarzer Tag für das gesamte PRT werden sollte. Gegen 18.30 Uhr die Meldung: Angriff auf deutsche Patrouille! Man bereitete sich auf einen schwerstverwundeten Kameraden vor. Armabriss, die erste Meldung! Nun war Teamarbeit gefragt. Doch es kam schlimmer. Über Tetrapol übermittelte der mitgefahrene Arzt die Gewissheit: der Kamerad war tot! Ein Schock fuhr wahrscheinlich nicht nur durch meine Glieder. Ich räumte den Kühlcontainer leer, andere Kameraden holten den Sarg. Jeder rang mit seiner Fassung. Ich kümmerte mich um die Kraftfahrerin, die das Fahrzeug mitsamt dem toten Kameraden im Feuergefecht gefahren hatte. Sie war völlig fertig.

Die Patrouille war in einen geplanten Hinterhalt geraten und das Feuer wurde sofort eröffnet. Feuer, Feuer überall Feuer und Detonationen sagte die völlig traurige und verzweifelte junge Frau zu mir. Wir schalteten den Truppenpsychologen und den Standortpfarrer ein. Nachdem die Leiche im OP hergerichtet wurde, legten wir den Leichnam in den Sarg und trugen ihn zum Kühlcontainer, ein schauriges Spiel. Der Sarg muss noch für den Rückflug verlötet werden.

Der junge Soldat ist nur 22 Jahre alt geworden. Dieser erste Gefallene während seines Aufenthaltes gibt Eilers schwer zu denken. Es dauert eine Weile, bis er wieder zur Tagesordnung übergehen kann. Gespräche mit den Kameraden helfen, das Ereignis zu verarbeiten. Irgendwann kehrt wieder die tägliche Routine ein. Es gibt noch drei weitere Tote während des Aufenthaltes von Hauptfeldwebel Eilers, und sie nähren bei vielen Soldaten die Abneigung gegenüber den Einheimischen. Dabei sind die Afghanen, im Lager „locals“ genannt, sogar Teil des täglichen Lebens im Provincial Reconstruction Team in Kundus. Sie arbeiten dort als Gärtner oder Putzhilfen.

„Das ist Teil des Sicherungskonzepts, man will sie integrieren, es soll Vertrauen zwischen den Soldaten und den locals aufgebaut werden“, erläutert Eilers und es schwingen leise Zweifel bei dieser Aussage mit. Es ist schwer, den Afghanen Vertrauen zu schenken, denn letztlich sind sie diejenigen, die nie im Lager sind, wenn es beschossen wird. Zu Beschuss kommt es immer wieder im Lager des Provincial Reconstruction Teams und zu risikoreichen Außeneinsätzen der Kameraden. Eilers wundert sich, „wie unvorbereitet der eine oder andere in den Einsatz geht“. Besonders jungen Soldaten sei in vielen Fällen gar nicht klar, welches Risiko sie gerade bei Patrouillenfahrten eingingen. Er selbst hat sich akribisch vorbereitet und würde wieder als Soldat ins gefährliche Land am Hindukusch gehen, aber erneut nur im Innendienst. Auch seine Frau unterstützt einen weiteren Auslandseinsatz. Sie sehen sich für eine zweite risikobehaftete Trennung als Familie gewappnet. Zusätzliches Geld spült ein Aufenthalt in Afghanistan ebenfalls in die Familienkasse.

Tagebucheintrag vom 16. Juli: Mein erster Einsatz geht dem Ende entgegen. Am 16. soll der langersehnte Heimflug starten. Am 13.07.2009 aufatmen: mein Nachfolger ist im Anrollen! Es beginnen die Übergaben. Am 16.07.: Um halb drei geht es los. Gegen halb sieben: Die TransAll befindet sich im Landeanflug, hoffentlich geht jetzt nichts mehr schief! Gegen acht Uhr Ankunft in Termez/Usbekistan. Endlich durchatmen, keine Raketen mehr.

An diesem Tag endet der Einsatz in Kundus, und Eilers betritt in Leipzig wieder deutschen Boden. Endlich gibt es das lang ersehnte glückliche Wiedersehen mit seiner Familie. Der Einsatz hat sie alle noch mehr zusammengeschweißt, der 38-jährige weiß das. Er schließt sein Tagebuch erleichtert mit den schlichten Worten: „Einfach schön – endlich zu Hause.“

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