weather-image

Emil: "Ich will die Leute lachen sehen"

Bodenwerder/Kassel. Unter den buschigen Brauen blitzen hellwache, lebhafte Augen, das Haupthaar glänzt in Ehren ergraut, Falten sind nicht zu übersehen – Lachfalten, keine Frage. Emil Steinberger lacht gerne, und er bringt noch viel lieber andere zum Lachen. „Ich will die Leute lachen sehen“, erklärt der neben Wilhelm Tell wohl berühmteste Schweizer, der im Laufe seiner beachtlichen Karriere in diesem Punkt wahrlich reiche Ernte eingefahren hat.

veröffentlicht am 04.05.2009 um 19:34 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 11:41 Uhr

Emil
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Im Zeichen des Steinbocks am 6. Januar 1933 um 23 Uhr geboren, gab und gibt es für den Münchhausen-Preisträger 2009 offenbar nur eine Zielrichtung: den Berg hinauf. Während er sich selbst in Bescheidenheit übt, trotz aller Erfolge auf dem Boden geblieben ist, darf sich der heute 76-Jährige getrost als Gipfelstürmer bezeichnen. Was er im Laufe seines künstlerischen Lebens auch anfasste, es wurde zum sprichwörtlichen Gold.

Konzentriert und doch entspannt sitzt Emil Steinberger in der Caféteria des Kasseler Schauspielhauses, lässt sich detailliert von Thomas Greef den Ablauf der Preisverleihung am 8. Mai in Buchhagen erläutern. Der Vorstandsvorsitzende der veranstaltenden Stiftung Sparkasse Bodenwerder ist nicht mit leeren Händen gekommen, bedenkt den Luzerner Ehrenbürger mit zahlreichen Münchhausen-Präsenten (Sticker, Likör, Tasche, Literatur) und reichlich Informationsmaterial aus dem Weserbergland, darunter die Vogler-DVD. Eine Dewezet mit Emils Konterfei, die Greef gemeinsam mit Kuratoriumsmitglied Herbert Bröckel überreicht, gehört selbstverständlich auch dazu.
Bis zum Auftritt sind es jetzt noch knapp 60 Minuten. Während die ersten Besucher bereits das Foyer füllen – die Vorstellung ist (natürlich) ausverkauft –, steht der vielfach ausgezeichnete Kabarettist der Dewezet geduldig Rede und Antwort. „Ja, es ist schon unglaublich gut gegangen“, blickt das Allroundtalent zufrieden und vor allem dankbar zurück. Allerdings: „Ich bin der Zeit immer hinterhergehinkt.“
Der gebürtige Luzerner spielt damit auf seine „verrückte Entscheidung“ an, Postbeamter zu werden. Neun lange Jahre leistete er Dienst am Schalter, ehe er im Alter von 27 Jahren die sichere Beamtenstelle bei der Schweizer Post kündigte – zugunsten einer fünfjährigen Grafiker-Ausbildung. Als diplomierter Grafiker betrieb er ein Werbebüro, eröffnete gemeinsam mit seiner ersten Frau Maya das Luzerner Kleintheater, übernahm die Leitung eines Kinos und baute zusätzlich ein Studiokino.
Seit seinem 20. Lebensjahr stand Emil Steinberger als Hobby-Kabarettist auf der Bühne, ehe ihm 1970 mit „E wie Emil“ der Durchbruch als gefeierter Profi gelang – erst in der Schweiz, dann in Deutschland und Österreich. Klamauk lag und liegt dem Feingeist fern, sein Humor kommt auf leisen Sohlen, nimmt fast liebevoll menschliche Schwächen, Dummheit und Vorurteile auf die satirische Schippe – mit liebenswürdiger schweizer Gemächlichkeit. Sein ganzes Leben, sagt Emil, sei von dem Bedürfnis geprägt, andere Menschen zu unterhalten. Schon als Messdiener und in der Schule habe er den Hanswurst gespielt. Natürlich, räumt der Tausendsassa ein, sei nicht alles eitel Sonnenschein. So eine Scheidung sei schon hart.
1987 hatte Emil seine große Fangemeinde mit seinem Bühnenabschied geschockt, zwei Jahre später folgte die schmerzhafte Scheidung von Maya. Möglicherweise, sucht der sanfte Schweizer eine Erklärung, sei die Scheidung auch ein Resultat seiner vielen Tätigkeiten gewesen. Warum er der Bühne den Rücken gekehrt hat? „Ich mochte einfach nicht mehr. Immer unterwegs, immer in Hotelzimmern – es war Zeit, etwas Neues anzupacken, wieder kreativ zu werden.“ Steinberger wirkte fortan im Hintergrund nicht minder erfolgreich als Texter und Regisseur, schrieb und inszenierte allein für Melitta-Kaffee 100 Werbespots – und machte so über Nacht den Melitta-Mann (Egon Wellenbrink) berühmt. Mit „Nie fragen, kaufen!“ setzte er zudem Fisherman‘s Friend in Szene.
Ende 1993 gönnte sich Steinberger eine Auszeit, zog nach New York, um dort, wie er sagt, in der Anonymität als Nobody zu leben. Sechs Jahre blieb er in Manhattan, schrieb in dieser Zeit im 26. Stock des Olympic Towers an der Fifth Avenue („Traumhaft!“) mehr als 100 Kolumnen für die „Berliner Morgenpost“ und andere namhafte Zeitungen. An seine New Yorker Zeit erinnert sich Emil mit glänzenden Augen, schließlich heiratete er dort 1999 in der City Hall seine jetzige Frau Niccel. Die bezaubernde Gelotologin (Lach-Trainerin) aus Deutschland wirkt augenscheinlich wie ein Jungbrunnen auf Steinberger. Seine 76 Jahre sieht man ihm nicht an, er versprüht pure Lebensfreude, besticht durch sicheres Auftreten und sportliche Eleganz. Ohne Niccel, betont Emil, könnte er heute nie so aktiv sein. Seit 1985 habe man aus beruflichen Gründen in losem Briefkontakt gestanden, zumal die junge Frau (Jahrgang 1965) aus dem Kölner Raum damals ihre Magisterarbeit über das Lachen schrieb. Welche Wirkung das Lachen haben kann, weiß Emil aus eigener Erfahrung zu berichten: Zweimal hätten Frauen seine Vorstellung frühzeitig verlassen müssen, weil ihr Lachen eine Frühgeburt ausgelöst habe. Der Heirat folgte die Rückkehr in die Schweiz, der Umzug an den Genfersee bei Montreux. Seit 1999 ist der Kabarettist, Schauspieler („Die Schweizermacher“), Verleger („Edition E“), Schriftsteller, Kolumnist, Maler („Wochenblätter“), Clown (neun umjubelte Monate als „Kniemel“ im Circus Knie) und Fotograf wieder auf der Bühne zu sehen: mit seiner kabarettistischen Lesung „Drei Engel“ aus seinem Buch „Wahre Lügengeschichten“. Und hier erlebt auch Emil seine Wiedergeburt.
Ganz klein in Buchhandlungen startete er 1999 sein Comeback in die Öffentlichkeit, inzwischen füllt Emil Steinberger wieder mit Leichtigkeit große Säle. Die legendären Emil-Klassiker wie „Auf der Polizeihauptwache“ oder „Der Kinderwagen“ lässt der „Sit-Down-Comedian“ (für seine Show benötigt er lediglich einen Tisch, einen Stuhl und ein Mikrofon) lässt der begnadete Unterhaltungskünstler allerdings in der Schublade. Diese Zeit sei vorbei, er sei halt nicht mehr das Milchgesicht wie damals – die Sketche würden unglaubwürdig. Emil plaudert locker und gelöst – wie der nette Nachbar von nebenan: ein Star zum Anfassen ohne jegliche Allüren. Der kreative Kopf schwebt keinesfalls über den Wolken, ist bodenständig und zugleich knallharter Geschäftsmann. Einen Manager hat er nie gebraucht, er vermarktet sich selbst. Als kritischer Zeitgenosse verfolgt er aufmerksam das Weltgeschehen, liest wo immer es geht Zeitungen. Und nein, nötig habe er seine Auftritte nicht mehr. Aber wenn er auf der Bühne stehe, die Scheinwerfer brennen und das Publikum wieder zu lachen beginne – dann erhole er sich.
Jetzt freut sich Emil Steinberger auf Buchhagen. Die Preisverleihung im Gasthaus Mittendorf beginnt am Freitag, 8. Mai, um 19 Uhr. Die Laudatio hält Edith Jeske. Für den musikalischen Rahmen sorgt die Band „Cochon Bleu“. Der Eintritt ist frei.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt