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Helmut Raabe meldet sich mit harscher Kritik an Stadtentwicklung zurück

„Eine Reihe von Fehlentscheidungen“

BODENWERDER. Helmut Raabe ist immer ein politischer Querdenker gewesen – und damit oft nicht einfach für seine Kollegen in Bodenwerders Ratsszene. Zwölf Jahre lang gehörte der heute 70-Jährige ehemalige Leiter der Stadtsparkasse und Vorsitzende der UWG-Fraktion dem Rat und zuletzt dem Samtgemeinderat der neuen Samtgemeinde Bodenwerder-Polle an. Nach seinem Abschied von der Politik im Jahre 2014 ist Helmut Raabe ein genauer und kritischer Beobachter der politischen Entwicklung in seiner Heimatstadt. In einem Interview äußerte er sich jetzt zu seiner Einschätzung des neu erstellte Städtebauliche Planungskonzepts für Bodenwerder.

veröffentlicht am 01.08.2016 um 09:05 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:26 Uhr

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Das neue Planungskonzept soll – so wörtlich – „Lösungsvorschläge zur Belebung von Altstadt und Stadtzentrum“ liefern, die touristische Funktion stärken und den Arbeits- und Wirtschaftsstandort entwickeln helfen. Wie beurteilen sie diesbezüglich die Chancen?

Helmut Raabe: Wenn man sich die Stellungnahmen der Kommunalpolitiker zur Umsetzung des städtebaulichen Planungskonzeptes zur Erneuerung der Altstadt von Bodenwerder ansieht, fühlt man sich an den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ erinnert. Zum wiederholten Mal wurde ein Fachkonzept unter Einbindung der Bewohner erarbeitet. Die bisherigen Konzepte wurden nie umgesetzt, die Mitarbeit der Bürger war den Verantwortlichen offensichtlich – trotz hehrer Ankündigungen – nicht viel wert. Ich befürchte, dass auch diesmal der gleiche Effekt eintritt.

Das jetzt vom Rat verabschiedete Städtebauliche Planungskonzept geht davon aus, dass Bodenwerders Innenstadt „als Wohnort für alle“ attraktiv gemacht werden und so das Ladensterben aufgehalten werden kann.

Helmut Raabe nennt Fehler der Vergangenheit. Archiv

Die Ursachen für das Ladensterben in der Innenstadt sind lange bekannt. Durch den Verlust vieler gewerblicher Arbeitsplätze und die damit verbundene Abwanderung, insbesondere junger Leute, sinkt die Kaufkraft in Bodenwerder kontinuierlich. Weil gerade für gut ausgebildete Jugendliche kaum interessante Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, setzt sich dieser Trend ungehindert fort. Wir erleben eine Überalterung der Stadt und Region.

Das neue Planungskonzept schlägt vor, das Bewußtsein zum Besuch und Einkauf in der Altstadt zu fördern. Sehen Sie hierfür Möglichkeiten?

Zur Überalterung kommt ein verändertes Verbraucherverhalten. Immer mehr Einkäufe werden heute im Internet getätigt, lokale Anbieter haben das Nachsehen. Diese Entwicklung wurdedurch eine Reihe kommunalpolitischer Entscheidungen begünstigt, was die Verantwortlichen nicht gerne hören. Der Bau der Fußgängerzone in dieser Form war unverantwortlich. Schon seinerzeit habe ich darauf hingewiesen, dass die Größe der Fußgängerzone in keinem Verhältnis zur Einwohnerzahl steht. Eine Entwicklung, die auch in anderen vergleichbaren Städten zum Schließen der Handelsgeschäfte geführt hat. Alle Einwände wurden zurückgewiesen mit zum Teil bemerkenswerten Begründungen: „Ich bin hier geboren, ich weiß deshalb, was für Bodenwerder richtig ist!“ Offensichtlich herrschte die Ansicht vor, ein kleines Disneyland zu entwickeln. Deshalb wurde das kaum begehbare Pflaster verlegt; es wurden in einer Satzung Neonwerbung und Markisen vor den Läden verboten, sogar das Anbringen von Fahnen wurde nur zu besonderen Anlässen gestattet. Statt dessen wurde den Anliegern eine gesonderte kräftige Anliegergebühr aufgebürdet, weil die Grundstücke angeblich durch den Bau der Fußgängerzone eine deutliche Wertsteigerung erfahren hatten. Man kann auch sagen, dass die Anlieger den Strick noch bezahlen mussten, mit dem sie finanziell erhängt wurden.

Ihrer Meinung nach sind die Ursachen von Bodenwerders derzeitiger Misere also bereits in der Vergangenheit festgezurrt worden?

Die kommunalpolitischen Fehlentscheidungen sind weit zurück zu verfolgen. Schon dem damaligen Stadtdirektor Brünig wurde ein interessantes Angebot unterbreitet, das gesamte Ostufer einem solventen und vertrauenswürdigen Unternehmen zu verkaufen, das dort eine Wohnbebauung vornehmen wollte. Das wurde abgelehnt mit dem Hinweis, ein interessanteres gewerbliches Objekt dort zu errichten. Auch dem späteren Stadtdirektor Bröckel wurde ein ähnliches Angebot unterbreitet; auch hier erfolgte die Ablehnung. Die Entwicklung des stattdessen geplanten Feriendorfes können wir leidvoll beobachten. Interessant ist jedoch der Hinweis, dass die nun ins Auge gefasste Umwidmung in Wohnbebauung schon vor Jahrzehnten möglich gewesen wäre, allerdings lag der damals gebotene Kaufpreis deutlich über dem erzielten Erlös für das nicht zustande kommende Feriendorf. Der Notverkauf des Voglerwaldes wäre dann nicht nötig gewesen.

Können Sie möglicherweise auch für das Ladensterben in der Innenstadt historische Planungsfehler anführen?

Ein letzter schlimmer kommunalpolitischer Fehler ist dann noch zur Amtszeit des Stadtdirektors Bröckel begangen worden: Ein Investor bot an, im Bereich des Parkplatzes hinter dem Rathaus eine gewerbliche Bebauung vorzunehmen. Dort sollten unter anderem die Handelsketten Lidl und Deichmann nebst weiteren namhaften Anbietern angesiedelt werden. Auf diese Weise sollte der Innenstadt mit Frequenzträgern geholfen werden. Das Bauprojekt wurde dem Rat vorgestellt und vomdamaligen Leiter der Kreisbaubehörde Dormann als „Glücksfall für Bodenwerder“ bezeichnet. Der Rat lehnte mit großer Mehrheit die Planung ab mit dem Hinweis auf die zu schützende Ansicht der historischen Gebäude. Stattdessen erfolgte dann die Ansiedlung von Lidl im Hohen Feld, nun in Konkurrenz zur Innenstadt.

Beim neuen Städtebaulichen Planungskonzept hat man Wert gelegt auf eine intensive Beteiligung der Bürger und Interessengruppen am Planungsprozess. Es hat eine öffentliche Ideenwerkstatt gegeben. Wird das eine positive Umsetzung erleichtern?

Nun also soll mithilfe des großen „Wir-Gefühls“ ein neuer Anlauf gemacht werden, um die Innenstadt nicht völlig ausbluten zu lassen. Mir fehlt der Glaube, dass das ernst gemeint ist.Die Verantwortlichenbringen inzwischen selbst die Gäste für die Veranstaltung des Münchhausenpreises nicht mehr hier unter. Die ortsansässige Hotellerie war in den früheren Jahren selbst für Minister, Botschafter und andere Würdenträger gut genug. Diese Gäste waren mit der Unterbringung und Betreuung natürlich auch immer zufrieden. Aber heute reicht das offensichtlich nicht mehr. Die kommunalen Vertreter in den Stiftungsgremienplädieren statt dessen für eine auswärtige Unterbringung. Wie soll unter den geschilderten Gegebenheiten das von mehreren befragten Kommunalpolitikern beschworene „Wir-Gefühl“ wohl entstehen? Interview: Henry Griesefell



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