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Solbach-Freise-Stiftung verleiht streitbarer Tierärztin Dr. Margrit Herbst den Preis für Zivilcourage

Ein brisanter Fall

Bodenwerder. Ihr Fall ist bis heute brisant, hat sie den Job und ihre Reputation gekostet – weil sie eigentlich nur ihre Pflicht erfüllt hatte. Als Veterinärin hatte Dr. Margrit Herbst vor 20 Jahren im Kreis Segeberg (Schleswig-Holstein) Alarm geschlagen, einen Verdacht auf BSE (Rinderwahnsinn) im Bad Bramstedter Schlachthof publik gemacht. Erst intern, dann öffentlich. Die Folge: Sie wurde entlassen.

veröffentlicht am 16.10.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:04 Uhr

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Matthias Aschmann

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Matthias Aschmann Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Während der Kreistag Segeberg derzeit gerade wieder ihren Fall aufrollt, um sie möglicherweise zu rehabilitieren und zu entschädigen, wird die couragierte Tierärztin aus Brokstedt (Schleswig-Holstein) nun von der Solbach-Freise-Stiftung mit dem Preis für Zivilcourage ausgezeichnet. Die mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung wird der heute 74-Jährigen am Samstag, 18. Oktober, im Rahmen einer Feierstunde in der Kulturmühle Buchhagen überreicht. Beginn ist um 15 Uhr.

Die nunmehr 19. Preisverleihung ist zugleich eine Premiere: Es ist die erste Preisverleihung ohne die Stifterin Anne Solbach-Freise. Sie starb im März dieses Jahres. Laut Tom Jürgens – er ist der neue Geschäftsführer der Stiftung – ist die Preisträgerin „ganz im Sinne von Anne“. Die Stifterin habe den Namen der streitbaren Tierärztin im vergangenen Jahr selbst ins Gespräch gebracht. Jürgens: „Dr. Margrit Herbst ist ihre Wunschkandidatin.“

Die Stiftung, betont der Geschäftsführer, werde auch nach dem Tod von Anne Solbach-Freise weiterleben. Das habe die Stifterin testamentarisch festgelegt. Der frühere Beiratssprecher hat sich nun das Ziel gesetzt, die Stiftung bekannter zu machen, verstärkt Spenden einzuwerben. Jürgens, der für die Grünen im Emmerthaler Gemeinderat und im Kreistag des Landkreises Hameln-Pyrmont sitzt, verweist in diesem Zusammenhang auf das niedrige Zinsniveau. Da müsse man schon sehr sparsam agieren, um an der Höhe des Preisgeldes festhalten zu können.

Die aktuelle Preisträgerin wurde bundesweit bekannt, als sie 1994 mit ihren BSE-Verdachtsfällen in die Medien ging und bei Günther Jauch in einem TV-Interview von ihren Beobachtungen berichtete. Kurz darauf wurde sie fristlos gekündigt mit der Begründung, sie habe die Verschwiegenheitspflicht verletzt. Hinzu kam eine Unterlassungsklage der Norddeutschen Fleischzentrale (NFZ), die den Schlachthof in Bad Bramstedt damals betrieb. Eine halbe Million Mark Geldbuße sollte die Veterinärin zahlen. „Sie haben mich als Kriminelle abgestempelt, obgleich ich die Einzige auf dem Schlachthof gewesen bin, die sich an die Gesetze gehalten hat“, ist Margrit Herbst noch heute schockiert.

Seit 1978 hatte Herbst als Kontrolleurin beim Kreisfleischhygieneamt gearbeitet, geprüft, ob angelieferte Tiere im Bad Bramstedter Schlachthof krank sind. Als sie Anfang der 1990er Jahre verdächtige Symptome bei einigen Rindern ausmachte, die auf BSE hinwiesen, verweigerte sie dem Fleisch der Tiere die Freigabe für die Verwendung als Lebensmittel. Der Verzehr von mit BSE verseuchtem Rindfleisch kann beim Menschen schwere gesundheitliche Schäden verursachen. Es wird vermutet, dass es Verbindungen zu einer Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit bei Menschen gibt. Durch Entscheidungen des Landratsamtes wurde jedoch eine nähere Untersuchung der Verdachtsfälle unterbunden, die Tiere wurden zur Weiterverarbeitung freigegeben.

Nach ihrer fristlosen Kündigung begann ein langer juristischer Streit. Die Unterlassungsklage des Dienstherrn war zunächst erfolgreich, ehe ihr 1997 das Schleswiger Oberlandesgericht (OLG) recht gab. Die Klage wurde abgewiesen, schließlich habe Herbst mit ihren Behauptungen recht gehabt. Man könne den „Eindruck haben, dass den staatlichen Stellen durchaus im Einklang mit den fleischerzeugenden und -verarbeitenden Betrieben daran gelegen war, einen amtlichen BSE-Nachweis wenn irgend möglich zu verhindern“, stellte das OLG fest. Deutlicher kann die Ohrfeige der Richter gar nicht sein. Die Kündigung blieb jedoch bestehen. Mit ihren „unbedachten Äußerungen über unbestätigte Verdachtsfälle“ habe Herbst Ängste geschürt und den Bestand des Schlachthofes nachhaltig gefährdet, urteilte das Arbeitsgericht Neumünster.

Margrit Herbst wurde 2001 mit dem Whistleblower-Preis ausgezeichnet, zudem erhielt sie den Weltethik-Preis. Zwischenzeitlich war das Land Schleswig-Holstein bereit, der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Margrit Herbst zuzustimmen – jedoch unter der Bedingung, auf ihre Ansprüche gegen das Land und den Kreis zu verzichten. Doch die streitbare Tierärztin habe sich nicht kaufen lassen, lobt die Solbach-Freise-Stiftung. Margrit Herbst habe auch hier Zivilcourage gezeigt. Unrecht und eine Gefährdung der Bevölkerung dürften nicht verschwiegen werden. Und: „Eine Preisverleihung mit dem Verzicht auf berechtigte Ansprüche zu erpressen, ist eine Schande für unsere Gesellschaft. Gerade in diesem schwerwiegenden Fall wäre eine vollständige berufliche Rehabilitation die einzige anständige Reaktion gewesen.“ Für den Beirat der Stiftung ist Margrit Herbst daher mehr als eine würdige Preisträgerin – zumal sich in unserer Gesellschaft immer weniger Menschen mit einer derart couragierten Einstellung fänden.

Erstmals wird die Preisträgerin, die heute von einer kleinen Rente leben muss, neben dem Preisgeld auch eine Gedenkmünze mit dem Konterfei der Stifterin und eine Urkunde erhalten. Die öffentliche Feierstunde wird von der Gruppe Rainer Wohlklang umrahmt.

Dr. Margrit Herbst mit ihrem Pferd Sally. Sie reitet gerne aus – eine Sportart, die ihr Kraft gibt und Spaß macht. pr



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