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Die Klosterkirche Kemnade ist noch heute gespickt mit wertvollen und bedeutsamen Gegenständen

Die Ruhestätte des Barons war einst Pferdestall

Kemnade (roh). Erzählt wird, dass Hieronymus Karl Friedrich Freiherr von Münchhausen, gemeinhin als Lügenbaron bezeichnet, gar nicht in der Gruft in Kemnade beigesetzt werden wollte. Fakt ist aber, dass er als einziger seiner Familie auch derzeit noch unterhalb der Kirche seine letzte Ruhestätte hat.

veröffentlicht am 22.12.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 21:21 Uhr

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1837 hat man sämtliche in den Gruften beigesetzten Adligen auf den Kemnader Friedhof umgebettet, mit Ausnahme von Bodenwerders bekanntestem Sohn. Horst Trahm, Vorsitzender des Vereins Klosterkirche, zeigt auf die Bodenplatte mit dem eingravierten Namen des Adligen und sagt: „Ob das genau die Stelle ist, wo die Gebeine jetzt liegen, weiß man nicht. Aber der Legende nach war der Leichnam des Lügenbarons noch vollständig erhalten, als man die Gruften öffnete und fiel erst wegen der einströmenden Luft in sich zusammen.“

Die heute mit einem Dachreiter für die Glocken ausgestattete romanische Kirche blieb in ihrer bewegten Geschichte viele Jahre als Kirche ungenutzt, und die Westseite mit dem Turm wurde um das 16. Jahrhundert herum komplett zerstört, sodass die Kirche heute rund 20 Meter kürzer ist, als bei ihrer Erbauung. Trahm vermutet einen Blitzeinschlag als Ursache für das Desaster, aber hat dafür genauso wenig Beweise, wie die Forscher, die die Zerstörung dem Dreißigjährigen Krieg zuschreiben. Immerhin stünde fest, so Edda Heye, dass Tilly mit seinen Truppen hier gewesen sei. „Die Kirche wurde sogar als Pferdestall missbraucht“, stellt sie mit kaum verborgener Empörung fest. Und diese Empörung steigert sich noch sowohl bei Trahm als auch bei Heye, wenn der Name Judith fällt. Judith von Northeim war im 12. Jahrhundert Äbtissin des Klosters und brachte den heiligen Ort an den Rand des finanziellen Ruins. Vorsichtig erzählen Heye und Trahm vom sehr weltlichen Lebenswandel der Nonne und nachzulesen ist auch, dass sie Besitztümer des Klosters sowie Ländereien an ihre Liebhaber verschenkt haben soll. Nichtsdestotrotz ist die Kirche auch heute noch gespickt mit historisch wertvollen und sakral bedeutsamen Gegenständen, wie beispielsweise der Sarkophag des Siegfried von Homburg. „Die von Homburgs hatten innerhalb der Kirche hier im nördlichen Querschiff ihre eigene Kapelle mit eigenem Eingang und einer viel luxuriöseren Ausstattung als die Kirche selbst“, berichtet Heye. Der Flügelaltar von 1425 ist genauso imposant wie die Ende des 15. Jahrhunderts entstandene Strahlenkranzmadonna.

1964 sei die Kirche umfassend renoviert worden. Dabei seien auch zahlreiche Fresken übertüncht worden, über deren Schönheit nur noch alte schwarz-weiße Bilder Zeugnis liefern. „In den 60er Jahren hatte man ein ganz besonderes Faible für Schlichtheit“, meinen Trahm und Heye, wobei man den beiden Vereinsmitgliedern ihre Verbundenheit mit der fast 1000 Jahre alten Kirche anmerkt. Während Heye auch Mitglied des Kirchenvorstandes ist, hat Trahm eine ganz besondere Aufgabe übernommen. Er ist der Pilgerbeauftragte der Kirche und kümmert sich um die zahlreichen Pilger, die auf ihrem Weg von Volkenroda nach Loccum Station in Kemnade machen. „Das Besondere an diesem Pilgerweg ist, dass man ihn etappenweise bewältigen kann“, sagt Trahm und erinnert noch einmal an Judiths Zeiten: „Eine der Brüder der Äbtissin war Mitbegründer des Klosters in Amelungsborn. Auf seinem Weg von Volkenroda nach Loccum hat er bei seiner Schwester hier in Kemnade Rast gemacht.“

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Größtes Sorgenkind der Kirche ist derzeit die Westwand. Da, wo früher die Kirche noch einige Meter weiter in die Landschaft ragte, nagt nun das Wetter unaufhaltsam an der Substanz der Wand. „Wir haben hier Absenkungen, Wasser tritt ein und an vielen Stellen fallen bereits Steine aus der Mauer hinaus“, sagt der Vorsitzende und berichtet, dass man erst unlängst einige Ausbesserungen an der Innenseite der maroden Wand vorgenommen hätte. In naher Zukunft sei aber eine umfassende Renovierung der gesamten Westwand sowohl von innen als auch von außen nötig, und dabei hoffe man vor allem auf Unterstützung durch Spenden für den Verein, so Trahm. Bis dahin werde die Kirche aber weiterhin für die Gemeindemitglieder, Pilger und – das betonen Heye und Trahm einmütig – für die Gäste der zahlreichen Konzerte in Schuss gehalten.

Der Flügelaltar von 1425 (links). Eine schlichte Bodenplatte zeigt, welch berühmter Mensch in der Kirche beerdigt wurde.

Der Sarkophag des Siegfried von Homburg, der im südlichen Querschiff steht. Im Hintergrund die Strahlenkranzmadonna.

Obwohl es der Klosterkirche Kemnade an Länge fehlt, vermittelt der Blick auf den Altar doch eine enorme Weite.

Fotos: roh



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