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„Die meisten rechnen nicht mit Gegenwehr“

Von Inken Philippi

Es ist ihr erstes Mal: 14 Frauen besuchen einen Selbstverteidigungskurs. Anfangs halten sie die Idee für albern. Später lernen sie mit Spaß, richtig zu schlagen und zu treten. Eine Frau berichtet von ihrem Ausflug auf die Matte.

veröffentlicht am 24.11.2010 um 16:07 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 10:21 Uhr

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Von Inken Philippi
Bodenwerder. Wir sind 14 Frauen und wir sind plötzlich nicht mehr so sicher, ob es nicht doch eine alberne Idee war, hierher in die Münchhausenhalle zu kommen: Ein Selbstbehauptungskurs für Frauen, brauchen wir den wirklich? Immerhin ist die Sache kostenlos und kann bestimmt nicht schaden.
 In Sportkleidung und dicken Socken stehen wir etwas befangen in der Halle, bis uns Willi Tacke im weißen Anzug begrüßt. Er ist der Vorsitzendes des Budo-Clubs Bodenwerder und trägt einen eindrucksvollen schwarzen Gurt. Ein durchtrainierter Zweimetermann mit kräftiger Stimme, der uns heute wertvolle Tipps in Sachen Selbstverteidigung geben wird.
 Nachdem wir uns alle kurz vorgestellt haben, ist die erste Befangenheit weg, denn: Kaum jemand hat Erfahrung mit Kampfsport, dafür haben wir aber alle mehr oder weniger viel Angst allein im Dunkeln. Dann geht es los mit dem praktischen Teil. Der Schwarzgurtträger fordert uns auf, seinen Helferinnen eine Backpfeife auf die Pratzen, das sind mit weichem Material gefüllte Lederkissen, zu hauen.
 Etwas unschlüssig stehe ich auf der Judo-Matte. Okay, ich werde zuhauen, aber auf keinen Fall brülle ich dabei wie der Kursleiter! Als ich dran bin, sieht Tacke zu. „Und, was ist mit schreien?“ Ich will das nicht. Tacke brüllt mich an: „Und? Und?“, langsam werde ich sauer. „Hey, was ist?“ brüllt der Chef noch mal. Jetzt reicht’s: „Ja!“ brülle ich laut zurück, während ich Helferin Julia mächtig eins auf die Pratze haue. Ein bisschen bin ich über mich selbst erschrocken. Aber das Schreien hat durchaus Sinn, erklärt der Kursleiter: „Es dient im Ernstfall der Eigenmotivation, der Einschüchterung des Angreifers und Ihr könnt damit andere auf Euch aufmerksam machen.“ Das klingt sinnvoll. Langsam fängt die Sache an, richtig Spaß zu machen.
 Tacke fährt zügig fort im Programm, neben theoretischen Erläuterungen zeigt er uns, wie wir uns aus Würgegriffen und Umklammerungen befreien können und wie man dem Schwitzkasten entkommt. Dabei setzt er auf Taktik und Strategie, nie auf Kraft, denn eins ist schon mal klar beim Blick in die Runde: Wir wären den meisten Männern kräftemäßig ohnehin klar unterlegen, wir sind alle eher zierlich. Umso überraschter stellen wir fest, wie leicht es uns gelingen kann, potenziellen Angreifern etwas entgegenzusetzen. „Ganz entscheidend ist für Euch der Überraschungsmoment“, erklärt Tacke. „Stellt dem Angreifer einfach irgendeine Frage, tretet ihn vor das Schienenbein oder fangt laut an, zu schreien. Die meisten Täter rechnen nicht mit Gegenwehr.“ Dabei sprechen Statistiken zum Thema eine deutliche Sprache: In 84 Prozent der Fälle, in denen sich Frauen bei Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen energisch und aktiv zur Wehr setzten – dazu zählte bereits ein Tritt gegen das Schienenbein – führte dies zum Abbruch der Tat. Ein klares Argument für unseren Kurs also. Und dann demonstriert Kämpfer Tacke gemeinsam mit einer seiner Helferinnen den Albtraum aller Frauen: Die zierliche Frau liegt auf dem Rücken, Tacke kniet über ihr und hält ihre Arme fest. Noch während er anhebt, zu erklären, wie dieser Situation entkommen werden kann, tritt ihm die junge Frau ein Knie weg und der Zweimetermann fällt beinah plump zur Seite. Selbst überrascht steht er auf: „Darauf war ich noch nicht vorbereitet“, sagt er grinsend, alles richtig gemacht also. Wir müssen lachen. Mit der Ausrichtung des Kurses folgte der Budo-Club dem Ruf des Deutschen Olympischen Sportbunds und des Weißen Rings, die die Organisatoren des diesjährigen Internationalen Aktionstags „Nein zu Gewalt an Frauen“ sind. Der Zuspruch der Teilnehmerinnen zeigt an diesem Abend klar, dass Bedarf für Selbstbehauptungskurse besteht. Am Ende der Veranstaltung verteilt Manuela Schäfer vom Weißen Ring blaue Trillerpfeifen an alle Frauen. Ich habe zwar heute Abend eine Menge in Sachen Selbstbehauptung gelernt, aber ich nehme doch lieber noch eine Pfeife mit. Sicher ist sicher.

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