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Der Heilige Gral

Die Geschichte des Eversteiner Adels auf der Burg Polle

POLLE. Diese Geschichte hat Geschichte geschrieben: Es geht um den großen Barbarossa, um Königsmacher, die Wittelsbacher, Staufer und Welfen, um Tempelritter, den Löwen als Wappentier und einen Klosterkelch aus Silber und Gold, sozusagen den „Heiligen Gral von der Weser“.

veröffentlicht am 15.09.2017 um 15:00 Uhr

Carola Busche (Gräfin Lutgardis von Schladen), Andreas Busche (Graf Otto von Everstein) und Denise Wolter (Aschenputtel). Foto: Leona Ohsiek/PR
Thomas Thimm

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Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
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Es ist sehr, sehr viel Wasser die Weser hinabgeflossen, seitdem dies alles passiert ist: Rund 300 Jahre nach Karl dem Großen, dessen Christianisierung und den Sachsen-Kriegen beginnt die große Zeit des berühmten Rotbartes: Friedrich I. Barbarossa gehört zum Adelsgeschlecht der Staufer. Quasi in seinem Windschatten erlebt Mitte des 12. Jahrhunderts auch das Geschlecht der Eversteiner einen glanzvollen Aufstieg. Der Ursprung des Grafengeschlechtes liegt im Dunkel der Geschichte, aber über das Kloster Fulda werden die Eversteiner eines Tages in Hameln Vögte des Bonifatiusstiftes. Die Edelherren und Grafen nennen sich nach den Burgen auf dem Großen und Kleinen Everstein in Amelungsborn, ihren ursprünglichen Stammburgen unweit der Weser.

Im Gebiet zwischen Hameln, Holzminden und Höxter baut die Familie ihren Besitz zu einer kleinen Landesherrschaft aus. Die edelfreien Grafen von Everstein beherrschen von 1113 bis 1409 das Gebiet zwischen Weser und Diemel, haben in Hameln Vogteirechte und tauchen immer wieder urkundlich auf. Als im Jahr 1180 der welfische Herzog von Sachsen und Bayern, Heinrich der Löwe, gestürzt wird, werden die Eversteiner wie zahlreiche andere edelfreie Herren schrittweise mächtiger und mächtiger über Land und Leute. Denn sie wechseln die Seiten im Herrschaftsgefüge der damaligen Zeit: Standen sie zuvor an der Seite der Welfen, werden sie nun zu Unterstützern der Staufer, die ihnen ihrerseits Schutz gewähren.

Es ist Albert III. von Everstein, der in dieser Zeit durch seine Politik für Macht, Ansehen und Wohlstand seiner Familie sorgt. Einer seiner vier Söhne, Hermann von Everstein, erbaut um das Jahr 1200 die Burg in Polle an der Weser – so ganz genau lässt sich das nicht mehr datieren. Sie liegt majestätisch erhaben auf einem Felsen westlich der Weser und thront über einer markanten Schleife des Flusses. Der Burgfelsen fällt steil ab, was als gute Voraussetzung für eine Burg gilt – und doch überlebt sie die Jahrhunderte nicht unbeschadet.

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Die erste urkundliche Erwähnung der Burg Polle datiert vom 19. Februar 1285. Fünf Jahre später ist es der Sohn des Burg-Bauherren, Graf Otto von Everstein, der durch Erzbischof Siegfried von Westerburg und Köln als Marschall von Westfalen eingesetzt wird. Zwei Jahre später ist Marschall Otto als kleiner Graf von der Weser am Vertrag zur Königswahl von Adolf zu Nassau beteiligt. Die Eversteiner versuchen im Laufe ihrer drei Jahrhunderte, hier und dort an Einfluss zu gewinnen: Andere Mitglieder des Grafengeschlechtes sind im Deutschen Orden und bei den Tempelrittern in führenden Positionen oder stellen Domherren der Kirche.

Mit Graf Hermann VII. von Everstein endet aber das Adelskapitel. Das Aussterben der Eversteiner droht – und umliegende Landesherren möchten das Erbe dieser strategisch guten Lage entlang der Weser und reichen Grafschaft an Land und Leuten antreten. 1399 schließt der Graf eine Erbverbrüderung mit dem Bistum Paderborn für den Fall der Erblosigkeit. Die Welfen beschweren sich darüber beim König. Streit und Vertrag enden mit der Geburt eines Thronnachfolgers, der dann allerdings im zarten Kindesalter verstirbt. 1403 kommt es tatsächlich zu einer vertraglichen Erbverbrüderung mit Lippe – wieder ein Affront gegen die Welfen.

Deshalb wird es 1404 gewalttätig und blutig: Am 19. November 1404 kommt es am Ohrberg bei Hameln zur „Schlacht am Trotzbusch“: Dort kämpfen mal wieder Staufer-Freunde gegen Welfen-Freunde, die Eversteiner und Lipper gegen die Braunschweiger. Deren Herzog wird verhaftet und eingekerkert, ein Lösegeld von 100.000 Goldgulden gefordert. Der König muss einschreiten, der Herzog wird im Jahr drauf wieder freigelassen.

1407 nimmt Heinrich I. als Herzog von Braunschweig-Lüneburg die Burg Polle im Zuge der Eversteiner Fehde mit einer Streitmacht ein. Am 20. Januar 1408 wechseln die Eversteiner erneut die politischen Fronten: Sie schließen in Hameln ohne die Lipper mit den Welfen einen Vertrag, werden in deren Rat der Herzöge aufgenommen – Hermann VII. übergibt dafür seine Grafschaft an die Braunschweiger Herzöge, sodass auch die Burg Polle endgültig an die Welfen fällt. Der Eversteiner Löwe findet sich seither im Wappen von Braunschweig-Lüneburg. Ein Jahr später schließen auch die Lipper Frieden mit Braunschweig. Der Eversteiner Erbfolgekrieg ist nach fünf Jahren zu Ende.

Doch die Ländereien sind nicht alles, was Hermann VII. den Braunschweigern gibt: Er verheiratet seine Tochter Elisabeth mit dem Welfen-Haus – sie wird Herzogin von Braunschweig-Lüneburg. Mit Elisabeth endet das Geschlecht der Eversteiner auf deutschem Boden. Kurz vor ihrem Tod 1468 stiftet sie dem Kloster Wienhausen bei Celle einen kostbaren Kelch aus Silber und Gold.

Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) belagert Feldherr Tilly – jener aus einem alten niederländischen Adelsgeschlecht stammende oberste Heerführer der katholischen Liga und der kaiserlichen Truppen Johann T’Serclaes Graf von Tilly – die Burg Polle und plündert sie nach der Eroberung 1623 aus.

1641 zerschießen schwedische Truppen mit ihren Geschützen die Burg, die dadurch ausbrennt. Nach dem Ende des Krieges wird ab 1656 die Unterburg wieder aufgebaut. Es entsteht ein Amtshaus im Stil der Weserrenaissance, das bei schweren Kämpfen um Polle am Ende des Zweiten Weltkrieges aber wieder zerstört wird. Von dem Gebäude von 1656 ist einzig und allein das wappenverzierte Renaissance-Portal erhalten geblieben.

Über 200 Jahre später, von 1984 bis 1988, wird die Burg Polle restauriert. Heutzutage finden kulturelle Veranstaltungen im Burghof statt, darunter Aufführungen des Märchens Aschenputtel, da Polle die angedichtete „Heimat“ des Aschenputtels ist.

Burg Polle ist eine Ruine. Einst war es eine stolze Burg. Geblieben ist Elisabeths Kelch. Er existiert noch heute, dieser Heilige Kelch der Eversteiner von der Weser.

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