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Apotheken gibt es in der Münchhausenstadt seit 1625 / Apotheker waren Angestellte der Stadt

Der Gewinn des Verkaufs floss ins Stadtsäckel

Bodenwerder. Fenchel für den Husten, Holunder bei Erkältung, Baldrian zur Beruhigung, Johanniskraut bei Depressionen – diese Kräuter und ihre Verwendung kennt fast jeder. Im Mittelalter bauten Nonnen und Mönche in ihren Klostergärten diese und viele andere Heilkräuter an und wussten über ihre Wirkung bei den verschiedensten Krankheiten bestens Bescheid. Somit waren sie Vorläufer unserer heutigen Ärzte und Apotheker. Auch der Begriff Apotheke stammt aus den Klöstern; die Räume zur Aufbewahrung von Heilkräutern wurden mit dem griechischen Wort „apotheca“ bezeichnet.

veröffentlicht am 11.01.2013 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 20:21 Uhr

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Autor:

Karin Beißner
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Die Verbreitung erfolgte durch die Kaufleute, die von Stadt zu Stadt zogen und mit Heilkräutern, Drogen und Gewürzen Handel trieben. Vom 14. Jahrhundert an besaßen diese Kaufleute dann schon feste Häuser, in denen sie ihre heilkräftigen Waren verkauften. Dadurch erlangten sie steigendes Ansehen. Die Apotheker im Spätmittelalter verkauften damals nicht nur Arzneien, sondern auch teure Gewürze, das damals kostbare Papier, exotische Weine und andere Luxusgüter, wie das so beliebte Konfekt, konnten bei ihnen erstanden werden.

Das Apothekenwesen in Bodenwerder lässt sich seit 1625 nachweisen. Bei Renovierungsarbeiten am Haus Weserstraße 10 wurde in den 1950er Jahren durch Zufall das verputzte Fachwerk freigelegt. Dabei kamen ein Mörser und eine Handwaage zum Vorschein. Diese alten Zeichen der Apothekerzunft, die in das Gebälk geschnitzt waren, lassen darauf schließen, dass sich dort eine Apotheke befand. Als Namensangabe finden sich Wilhelm Farver und Catrin Steinkamp. 1628 gibt es auch einen schriftlichen Hinweis auf einen Arzneikundigen. Das Taufregister im ältesten Kirchenbuch der Stadt verzeichnet einen „Apotheker Caspary, der ein Kind hat taufen lassen“. Doch sicherlich war die Apotheke in der Weserstraße nicht die erste, die in der Stadt existierte, da die Stadt schon seit 1287 die Stadtrechte besaß. Und so heißt es auch in einem Schreiben des Magistrats an die Königlich Preußische Landdrostei aus dem Jahre 1882: „Seit unvordenklicher Zeit ist die hiesige Stadt im Besitz des Apothekenprivilegs gewesen, dessen Ausübung sie als Eigentümerin vergeben hat.“

Seit dem 15. Jahrhundert wurden die Apotheken in Norddeutschland als städtische Betriebe, die sogenannten Ratsapotheken, geführt. Der Ratsapotheker – ernannt vom Rat der Stadt – war städtischer Angestellter und musste auf die Apothekenordnung der Stadt einen Eid ablegen. Der Gewinn aus dem Apothekenhandel floss in den städtischen Haushalt. Auch in Bodenwerder lag das Apotheken-Betriebsrecht in den Händen der Stadt. Ihr gehörten sowohl die Einrichtung als auch die Waren. Und so waren Johannes Berlitz und Ludolf Köhler, die im 17. Jahrhundert in Bodenwerder als Apotheker genannt werden, auch Angestellte der Stadt.

Im Jahre 1717 gab es im Apothekenwesen eine Neuerung. Johann Andreas Wehrhan durfte die Ratsapotheke erstmals in eigener Verantwortung führen, die Einnahmen gingen nun nicht mehr an die Stadt, sondern an ihn. Dafür musste er aber Pacht bezahlen. Sein Nachfolger war 1739 sein Sohn Friedrich Wilhelm Wehrhan, der aber nicht automatisch sein Nachfolger wurde. Nach dem Tode oder dem Ausscheiden eines Apothekers wurde die Nachfolge immer durch den Rat der Stadt geregelt. Erst 1816 kaufte Justus Heinrich Grave der Stadt das Recht ab, seinen Nachfolger selber zu bestimmen Aus dem Pachtvertrag auf Zeit wurde nun ein Vertrag auf Erbenzinsbasis. Jährlich 1200 Taler waren dafür zu entrichten. Grave führte 30 Jahre lang die Apotheke und wirkte in der schwierigen Zeit der Französischen Revolution auch im Rat der Stadt mit. Er genoss die Achtung seiner Mitbürger. Sein Grabstein ist im Hagen an der Außenmauer des Grundstücks der Münchhausen-Apotheke angebracht. Ihn hatte der Apotheker Hans Diesing in den 1930er Jahren als Treppenstufe im Schlamm des Hagens gefunden, denn schon seit 1717 befand sich die „Rahts- und Stadt-Apotheke“ in der Großen Straße 45, dem Standort der heutigen „Münchhausen-Apotheke“. 1985 ließen die Stadt und Hans-Gerd Diesing die Inschrift dieses historischen Grabsteins erneuern, sodass der Text wieder gut lesbar ist: „Hier ruhen die irdischen Reste Weiland Apothekers Justus Heinrich Grave in Bodenwerder. Er war geboren in Gronau den 11. August 1749, gestorben den 18. September 1815.“

Grave bezahlte 50 Taler jährlich an die Stadt und hielt sich damit die Konkurrenz vom Leib – die Stadt versicherte, dass sie keine zweite Apotheke zulassen werde. Doch es gab auch andere Konkurrenz. Kaufmann Knipping und seine Frau verkauften Medikamente an hiesige und auch auswärtige Bürger und wurden nach Klage des Apothekers zu einer Geldstrafe verurteilt. Sie baten um eine milde Strafe, da sie nur Menschen geholfen hätten, die die „enorm hohen Preise der Medicamente in der Rahts-Apotheke“ nicht bezahlen konnten. 1839 übernahm August Picker I. die Bodenwerdersche Apotheke, die er von Burchard Friedrich Grave gekauft hatte. Ab 1895 war dann August Picker II. persönlicher Besitzer der Apotheke, nunmehr ohne jegliche geldliche Verpflichtung an die Stadt. Obwohl nun keine Abgaben mehr bezahlt werden mussten, hatte Picker den Betrieb, als er 1915 starb, ziemlich heruntergewirtschaftet. Auch seine Nachfolger, August Picker III. und Gustav Schrader, kümmerten sich wenig um die Apotheke. In diesem Zustand übernahm sie 1927 der Braunschweiger Hans Diesing und musste sich das Vertrauen der Kundschaft erst wieder erwerben. 1933 entschloss er sich, das vom Schwamm und von Ratten befallene Gebäude abreißen und neu errichten zu lassen. Seit 1944 trägt es den heutigen Namen „Münchhausen-Apotheke“.

Bis 1974 blieb sie die einzige Apotheke in Bodenwerder, dann eröffnete Karl-Heinz Bülter die „Rats-Apotheke“. Und zwei Jahre später gab es auf der Rühler Straße eine dritte Apotheke – die von Monika Diepenbrock geleitete „Kur-Apotheke“. Die Geschichte der Apotheken in Bodenwerder wird heute mit dem Ehepaar Mignat in der Münchhausen-Apotheke und Hendrik Diepenbrock, der die Kur- und Rats-Apotheke übernommen hat, weitergeführt. Und da im Hause Diepenbrock auch schon die nächste Generation geboren wurde, wird es auch künftig in Bodenwerder heißen: „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“

Wo die heutige Münchhausen-Apotheke in der Großen Straße 45 steht, stand bis 1717 diese „Rahts- und Stadtapotheke“.



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