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Der Baron lieferte flüssiges Brot nach Bremen

Bodenwerder (hb/kb). Mit der Stadt Bodenwerder und ihrem Sohn Münchhausen wird so manche phantasievolle Geschichte in Verbindung gebracht. Wer hört, dass Bodenwerder einst Bremen mit Bier belieferte, denkt gleich an den großen Fabulierer. Aber diesen Bierhandel hat es tatsächlich gegeben, sogar zu Lebzeiten des Barons.

veröffentlicht am 06.04.2010 um 14:54 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 16:41 Uhr

dfg
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Bodenwerder (hb/kb). Mit der Stadt Bodenwerder und ihrem Sohn Münchhausen wird so manche phantasievolle Geschichte in Verbindung gebracht. Wer hört, dass Bodenwerder einst Bremen mit Bier belieferte, denkt gleich an den großen Fabulierer. Aber diesen Bierhandel hat es tatsächlich gegeben, sogar zu Lebzeiten des Barons.
 Bier war früher flüssiges Brot und neben Wein das einzige lagerfähige Getränk. Es besaß viele Nährstoffe und war durch seinen hohen Kaloriengehalt eine wichtige Ergänzung der oft knappen Nahrung. Sogar Kinder durften es trinken, da es vergleichsweise wenig Alkohol enthielt und durch das Kochen des Hopfens weitgehend keimfrei war, im Gegensatz zum Trinkwasser.
Im strengen christlichen Mittelalter galt der Grundsatz „Flüssig Brot bricht das Fasten nicht“, Bier war in der Fastenzeit in unbegrenzten Mengen erlaubt und hat wohl manchen knurrenden Magen beruhigt. Schon im 12. Jahrhundert schrieb die erste deutsche Mystikerin, Hildegard von Bingen, die in ihrer Naturbeschreibung auch zahlreiche Volksheilmittel und Behandlungsmethoden erwähnt: „Das Bier aber macht das Fleisch des Menschen fett und gibt seinem Antlitz eine schöne Farbe durch die Kraft und den guten Saft des Getreides.“
In Bodenwerder wurde schon im Mittelalter Bier gebraut. Jeder Bürger, der über ein Haus und Grundbesitz verfügte, durfte zur damaligen Zeit Bier brauen. Laut deutschem Reinheitsgebot von 1516, das bis heute gilt, durfte Bier nur aus Gerstenmalz, Hopfen und Wasser bestehen. Am „Hopfenberg“ wurde der dazu benötigte Hopfen angebaut. Der Hannoveraner Cord Broyhan hatte 1526 ein helles, obergäriges Bier erfunden, das „Broyhan“. Genauso hieß das Bier, das in Bodenwerder gebraut wurde. Ob es mit dem Hannoveraner in Zusammenhang zu bringen ist, ist nicht geklärt.
Es gab 92 Braustellen in Bodenwerder. Deren Besitzer nannten sich „Reihebrauer“, weil sie der Reihe nach im Brauhaus ihr Bier brauten. Das Brauhaus befand sich in der Großen Straße 43; bis 1980 noch als Gaststätte „Tante Lieschen“ bekannt, heute Geschäftshaus.
Anfang des 17. Jahrhunderts schlossen sich die Brauer zu einer Brauergilde zusammen. Mitglieder der Gilde wurden in der Mühle beim Mahlen von angeliefertem Getreide bevorzugt behandelt. Auch der Müller hatte Vorteile vom Bierbrauen: Wenn er das Malz aus den Braustellen abholte und nach dem Schroten ins Brauhaus brachte, standen ihm zwei große Krüge voll „Broyhan“ zu.
Die einzelnen Schritte des Brauens waren in einer umfangreichen Brauordnung genau festgelegt, auch das Volumen eines Braugangs, nämlich zwölf Fass Bier, das Stück zu 110 Stübchen. 1 Stübchen entspricht 3,8 Liter. Als weitere Maße wurden damals „Malter“ (187 Liter) und „Himpten“ (31 Liter) benutzt.
Das bodenwerdersche Bier wurde in der Stadt und der näheren Umgebung abgesetzt. 1679 wurde ein Vertrag zwischen Herzog Rudolf August von Braunschweig und dem Brauamt der Stadt geschlossen, wonach Hunzen, Dohnsen, Halle, Kemnade, Harderode, Bisperode, Heyen und Bremke sechs Jahre lang mit dem Broyhan beliefert werden sollten.
Wenn das Bier auch nach Kirchbrak geliefert worden wäre, hätte das folgende Unglück sicher vermieden werden können. So berichtet der Kirchbraker Heimatforscher Hans Hölscher in „Wahre Begebenheiten aus drei Jahrhunderten“: „Künnecke, Kurt Hermanns Frau, welche sich dem Trunke gänzlich ergeben, geht nach Bodenwerder, den 31. Oktober, säufet sich voll Broyhan, und da sie dann unterwegen weiter gegangen, fällt sie bei Jacob Runnen Haus zu Linse vom Steg (Lennebrücke) und versäufet. Wird begraben den 2. November.“
Ende des 17. Jahrhunderts ging das Brauwesen sehr zurück. Als dann die Stadt Bremen 1724 nach unverfälschtem „bodenwerderschen Broyhan“ verlangte, gab das dem Brauwesen einen erheblichen Impuls. Der Schiffer Heinrich Focke sorgte für den Transport des Bieres und schaffte dafür extra zwei Schiffe an.
Das Bier war nur acht Tage haltbar und musste deshalb möglichst schnell nach Bremen transportiert werden. Da etliche Zollstationen passiert werden mussten, wurden im Sommer auch Nachtfahrten eingelegt. Wie lange Bremen mit Bier aus Bodenwerder beliefert wurde, ist nicht bekannt. In jüngster Zeit versuchte Guiseppe Piccolo, das Brauwesen in Bodenwerder wieder neu zu beleben. „Ich hatte schon immer Interesse am Brauen und als ich die Gelegenheit bekam, es in einem Kursus zu erlernen, nahm ich die Chance wahr und begann im April 2002 mit dem Bierbrauen“, sagt er. In seiner Gaststätte „Münchhausenstube“ hob er das „Münchhausen-Bräu“ aus der Taufe. Drei Sorten wurden gebraut: „Münchhausen-Bräu Dunkel, Hieronymus-Hell und Münchhausen-Bräu Weizen“. Das Brauen musste er nach knapp einem Jahr wieder einstellen, weil die Schwierigkeiten zu groß wurden.
An die Tradition des Bierbrauens erinnern heute noch eine Kopfskulptur des Biergottes Gambrinus am ehemaligen Museum, Braulöffel auf der Eingangstür des Rathauses und am Haus Weserstraße 10, außerdem die Inschrift am Schacht im Hopfenberg an der Poller Straße, wo es heißt: „Des Hopfenberges schönste Zier ist dieser Schacht voll Lagerbier. C. Wicke 1870.“

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